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Sensationsfund am ZBSA: Ältester Nachweis der westgermanischen Sprache

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Sensationsfund am ZBSA: Ältester Nachweis der westgermanischen Sprache

Kamm mit Runen-Inschrift aus Frienstedt

Seit 2009 wird am ZBSA eine 2003 abgeschlossene Ausgrabung bei Frienstedt, Stadt Erfurt, ausgewertet. Es handelt sich um ein Gemeinschaftsprojekt mit dem Thüringischen Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie, welches von der Fritz-Thyssen-Stiftung finanziell getragen wird. Nun wurde am ZBSA auf einem Kamm von diesem Fundplatz eine Runeninschrift entdeckt. Dieser Fund ist eine wissenschaftliche Sensation: Es handelt sich hier mit einer Datierung um 300 AD nicht nur um die älteste bekannte germanische Schrift in Mitteldeutschland und den südlichsten Nachweis von Runen dieser Zeit, sondern auch um ein lang erhofftes und bisher fehlendes Puzzleteil für die germanistische Sprachwissenschaft, nämlich den ersten sicheren Nachweis der westgermanischen Sprachengruppe.

Runen-Inschrift auf dem Kamm aus Frienstedt

In mikroskopischer Vergrößerung lässt sich erkennen, dass die Runen erst nach der Polierung und damit nach Fertigstellung des Kammes eingeritzt wurden; ob die Schrift allerdings nur einen Moment später durch den Hersteller angebracht wurde oder aber Jahre danach und womöglich andernorts, bleibt offen.

 

Der Kamm mit der neu entdeckten Inschrift ist aus Hirschgeweih geschnitzt. In zahlreiche Einzelteile zerbrochen lag er in einem potentiellen Opferschacht. Er ist dennoch beinahe vollständig erhalten und trägt in Runen, dem germanischen Alphabet, die Inschrift KABA. Zu lesen sind diese Buchstaben als „Ka(m)ba“, zu Deutsch „Kamm“. Der Nachweis der maskulinen Endung -a in dieser frühen Zeit ist sprachgeschichtlich eine Sensation, bildet sie doch ein bisher fehlendes und lang erhofftes Bindeglied in der Entwicklung vom Urgermanischen zur westgermanischen Sprachenfamilie, der das Deutsche, Niederländische, Friesische und zu Teilen auch das Englische angehören, mithin einer Sprachgruppe, derer sich heute die halbe Welt als lingua franca bedient.

Die germanische Kultur ist weitgehend schriftlos. Bereits ab 150 n. Chr. kommen in Skandinavien zwar erste Runen auf Gegenständen vor, aber erst dreihundert Jahre später gibt es längere Inschriften wie persönliche Widmungen oder Segenswünsche. Bis ungefähr 500 n. Chr. sind Runen weitestgehend auf Skandinavien beschränkt, danach treten Runen für kurze Zeit auch in Süddeutschland, den Niederlanden und auf den Britischen Inseln auf. So dürfte besonders in einer solch frühen Phase wie in Frienstedt das Beherrschen von Runen ein seltenes Privileg gewesen sein. Gegenstände mit Runen werden daher den zeitgenössischen Germanen außerordentlich wertvoll erschienen sein, auch wenn es nur die für uns banal erscheinende Bezeichnung „Kamm“ auf eben einem Kamm war.

Fundort Opferschacht

Opferschacht Bf.215 im Querschnitt: In einer Schicht mit zahlreichen Tierknochen wurden eine eiserne Lanzenspitze und der Kamm mit Runeninschrift gefunden.

Außerhalb von Skandinavien gibt es nur zwei weitere Funde dieser frühen Zeit, nämlich zwei Lanzenspitzen aus der Märkischen Schweiz östlich von Berlin und aus der westlichen Ukraine - eine Beobachtung, welche gegen eine weit verbreitete aktive Kenntnis der Runenschrift spricht. Allerdings steht die jetzt entdeckte, sehr weit südlich gefundene Inschrift zeitlich nahe den ältesten Belegen überhaupt. Damit ist es nun deutlich wahrscheinlicher geworden, dass auch im westgermanischen Sprachgebiet und damit vielleicht auch in Mitteldeutschland einzelne herausragende Personen eigenständig mit Runenschrift umgegangen sind. Eine solch eigene westgermanische Schrifttradition würde zudem bedeuten, dass die Runenfunde des 6. Jahrhunderts aus Süddeutschland nicht mehr zwingend vom skandinavischen Raum abgeleitet werden müssen. Die Theorie, dass das Thüringer Königreich als kultureller Sperrriegel zwischen den Regionen agiert habe und erst zerstört werden musste, um dem Süden Zugang zur nordischen Tradition zu verschaffen, hat damit deutlich an Wahrscheinlichkeit verloren.

Konnten also die Bewohner Thüringens vor 1700 Jahren bereits lesen und schreiben? Zumindest dürften sie dieses Kulturgut als sehr wertvoll eingeschätzt haben.

► Zum Projektbericht "Frienstedt"

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