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Steinzeitliches Fischergrab am Burtnieksee in Nord-Lettland entdeckt

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Steinzeitliches Fischergrab am Burtnieksee in Nord-Lettland entdeckt

Die Grabungsmitarbeiterinnen Aija Macane und Ute Brinker beim Freilegen des steinzeitlichen Fischergrabes. Foto Harald Lübke

Seit Mitte Juli finden in Nordlettland gemeinsame Ausgrabungen des Zentrums für Baltische und Skandinavische Archäologie (ZBSA) und des Instituts für Lettische Geschichte, Universität Riga (LVI) auf dem steinzeitlichen Fundplatz Rinnukalns statt. Dieser befindet sich an einer Engstelle am Ausfluss der Salaca aus dem Burtnieksee, die von jeher ein attraktiver Aufenthaltsort für den Fischfang und zum Muschelsammeln gewesen ist. Bei den aktuellen Untersuchungen konnte jetzt ein steinzeitliches Grab entdeckt werden. Die Freilegung des Grabes dauert zurzeit noch an, aber es ist bereits jetzt zu erkennen, dass der verstorbenen Person eine große Portion Fischmahlzeit mit auf den Weg ins Jenseits gegeben wurde. Dieser Befund ist ein eindeutiger Hinweis darauf, welche große Bedeutung die Fischerei in den Ritualen und Weltanschauungen der damaligen Menschen hatte.

Der Fundplatz Rinnukalns

Der Fundplatz Rinnukalns im Bild rechts unten am Ausfluss der Salaca aus dem Burtnieksee. Foto: Marcis-Kalnins

Riņņukalns ist ein einzigartiger steinzeitlicher Siedlungsplatz in Nordeuropa, da er aus einer großen Anhäufung von Teich- und Flussmuschelschalen und Fischresten besteht. Solche Muschelhaufen sind ansonsten im Ostseegebiet nur aus Dänemark bekannt und werden entsprechend auch als „Kökkenmöddingbezeichnet. Sie bieten ausgezeichnete Erhaltungsbedingungen für nur selten erhaltene organische Hinterlassenschaften und sind deshalb eine sehr reichhaltige Quelle für Informationen zur Ernährung und Lebensweise der damaligen Menschen. Entsprechend liefert der Fundplatz Rinnukalns wertvolle Hinweise zur Kulturentwicklung im östlichen Baltikum im 4. Jahrtausend v.Chr. - eine Zeit, in der die Landwirtschaft und Vorratshaltung in dieser Region noch nicht weit verbreitet waren. Obwohl der Fundplatz Rinnukalns bereits im 19. Jahrhundert entdeckt und in großen Teilen ausgegraben wurde, erlauben uns die heute verfügbaren modernen archäologischen naturwissenschaftlichen Analysemethoden ein viel genaueres und detaillierteres Bild der Lebens- und Wirtschaftsweise der damaligen Bewohner zu erstellen.

Derzeit werden die tieferen Schichten des Rinnukalns2Muschelhaufens ausgegraben, um festzustellen, wann die Menschen begonnen haben sich an diesem Ort anzusiedeln und wie sich ihre Lebensweise und Fischereitechnik im Laufe der Zeit veränderte. Das bei diesen Untersuchungen nun ein intaktes steinzeitliches Grab entdeckt wurde, ist ein ausgesprochener Glücksfall. Über der Grabgrube befand sich eine erhaltene Herdstelle, die sehr wahrscheinlich ein Teil der Bestattungszeremonie gewesen ist und der Bereitung des Totenmahls gedient hat: Die Feuerstelle enthielt verbrannten Ocker, welcher häufig in steinzeitlichen Begräbnisriten verwendet wurde, sowie Scherben zerbrochener Keramikgefäße.

Das gesamte von den Archäologen ausgegrabene Erdreich wird mit Wasser durch feine Siebe geschlämmt, damit auch die kleinsten Artefakte zusammen mit Fisch-, Vogel- und Säugetierknochen, Muschelschalen, aber auch Pflanzenreste wie Nussschalen und Samen geborgen werden können. Mit neuester digitaler Technologie werden die archäologischen Schichten photogrammetrisch dokumentiert und es wird ein detailliertes 3D-Modell aus einer Vielzahl von Fotografien aufgebaut.

Der Arbeitsplatz zum Schlämmen und Sieben des Erdaushubs

Der Arbeitsplatz zum Schlämmen und Sieben des Erdaushubs am Ufer der Salaca Foto: Harald Lübke

Die Ausgrabung in Riņņukalns wird von einem Forscherteam des Zentrums für Baltische und Skandinavische Archäologie, Schleswig, Deutschland, und der Lettischen Universität Riga sowie Studenten der Lettischen Universität Riga und der Universität Kiel durchgeführt. Das gewonnene Material wird von Spezialisten verschiedener Fachdisziplinen aus beiden Ländern ausgewertet.

Die Ausgrabungen in Riņņukalns werden unter gemeinsamer Leitung von Valdis Bērziņš, Lettland, und Harald Lübke, Deutschland, auch im nächsten Jahr fortgesetzt. Sie sind Teil des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten interdisziplinären Forschungsprojektes “Riņņukalns, a Neolithic freshwater shell midden site in northern Latvia and its significance for cultural development of the Eastern Baltic Stone Age”, unter wissenschaftlicher Leitung von Harald Lübke, John Meadows und Ulrich Schmölcke, (ZBSA), in enger Kooperation mit Valdis Bērziņš und Ilga Zagorska (LVI).

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