Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

Sektionen
Benutzerspezifische Werkzeuge

April

Auf Spurensuche nach den Pionieren des Nordens


Große Gebiete des heutigen südwestlichen Ostseeraums waren während des letzten glazialen Maximums (vor ca. 26.500‒19.000 Jahren) von den Ausläufern des großen fenno-skandinavischen Eisschilds bedeckt (Abb. 1).

Abb. 1 Karte von Nordwesteuropa während des letzten glazialen Maximums (Grundkarte: zusammengestellt durch Grimm 2011 nach Boulton u. a. 2001; Bourillet u.a. 2003; Carr u.a. 2006; Clark u. a. 2004; Gupta u. a. 2007; Ivy-Ochs u. a.2006; Lericolais u.a. 2003; Peltier 2005; Wolstedt 1956).

Abb. 1 Karte von Nordwesteuropa während des letzten glazialen Maximums (Grundkarte: zusammengestellt durch Grimm 2011 nach Boulton u. a. 2001; Bourillet u.a. 2003; Carr u.a. 2006; Clark u. a. 2004; Gupta u. a. 2007; Ivy-Ochs u. a.2006; Lericolais u.a. 2003; Peltier 2005; Wolstedt 1956).

Diese formten die (Jung-)Moränenlandschaft im östlichen Schleswig-Holstein und Jütland wie auf den dänischen Ostseeinseln. In den angrenzenden Gebieten westlich und südlich der Gletscher wurden Moränen älterer Vereisungen vor allem durch Wind abgeschliffen. Dort herrschte zudem ein strenger Permafrost. Dieser hielt sich in weiten Teilen auch noch lange nach dem Rückzug der Gletscher. Erst etwa zu Beginn des spätglazialen Interstadials (vor ca. 15.000 Jahren), der Erwärmungsphase am Ende der letzten Eiszeit, wurde auch das Gebiet im südwestlichen Ostseeraum wieder allmählich frostfrei. Damit war die Besiedlung dieser Gebiete durch Pflanzen, Tiere und schließlich auch die eiszeitlichen Jäger und Sammler möglich. Doch sollten sich die signifikanten Umformungen dieser Landschaft durch Hebungen, Senkungen, Wassereinbrüche, abschmelzende Eisbrocken in der Erde, Sandstürme etc. noch bis zum Beginn der heutigen Warmzeit (vor ca. 11.700 Jahren), dem Holozän, fortsetzen und die Menschen vor immer neue Herausforderungen stellen. Es wird diskutiert, ob die gelegentlich noch extremen Klimaeinbrüche zur Abwanderung der Jäger-Sammlergruppen führten und folglich nach diesen Ereignissen erneute Pionierbesiedlungen in den Norden vorstießen. Spätestens mit der Erwärmung am Beginn des Holozäns und der Ausbreitung von Waldlandschaften etablierten sich allmählich Territorien der menschlichen Gruppen im südwestlichen Ostseeraum. Jäger und Sammler, die sich nicht in einem Waldgebiet etablieren und weiterhin Rentierherden in weitgestreuten Jagdgründen nachstellen wollten (vgl. http://www.zbsa.eu/forschung/projekte/projekte-mensch-und-umwelt/Wanderwege-Rentiere-Spaetglazial/Wanderwege-Rentieren-Spaetglazial), mussten immer weiter nach Norden abwandern.

Im Rahmen des Sonderforschungsbereichs (SFB) 1266 „TransformationsDimensionen“ wird unser Projekt B1 „Pioniere des Nordens: Veränderungen und Transformationen in Nordeuropa auf Grundlage hochauflösender Datensätze (ca. 15.000‒9.500 v.u.Z.)“ (http://www.sfb1266.uni-kiel.de/de/teilprojekte/cluster-b/b1-pioniere-des-nordens) diese hochmobilen Gruppen am Ende der Eiszeit und auf ihrem Weg nach Norden in der Nacheiszeit untersuchen. Dabei bildet der südwestliche Ostseeraum am Ende der Eiszeit unsere erste Station, der wir uns während der ersten vier bewilligten Jahre des SFB-Programms (Juli 2016-Juni 2020; http://www.dfg.de/foerderung/programme/koordinierte_programme/sfb/) widmen. In den weiteren Projektphasen bis 2024 und 2028 werden wir dann diesen hochmobilen Gruppen weiter in den Norden Skandinaviens folgen, um auch die Transformationen der Mensch-Umwelt-Beziehungen solcher Gemeinschaften im wesentlich stabileren Holozän weiter zu erforschen.

Am ZBSA ist unser Projekt (http://www.zbsa.eu/forschung/projekte/projekte-mensch-und-umwelt/pioniere-des-nordens?set_language=de) besonders gut angesiedelt, da wir hier auf verschiedenen Vorarbeiten (http://www.zbsa.eu/forschung/projekte/projekte-mensch-und-umwelt/late-glacial-and-earliest-postglacial-database-project?set_language=de; http://www.zbsa.eu/forschung/projekte/projekte-mensch-und-artefakt/lithics-analysis-laboratory/lithics-analysis-laboratory) aufbauen und uns mit thematisch ähnlichen Projekten (http://www.zbsa.eu/forschung/projekte/projekte-mensch-und-artefakt/upper-palaeolithic-osseous-industries-of-northwestern-europe/upper-palaeolithic-osseous-industries-of-northwestern-europe; http://www.zbsa.eu/forschung/projekte/projekte-mensch-und-umwelt/Wanderwege-Rentiere-Spaetglazial/Wanderwege-Rentieren-Spaetglazial; http://www.zbsa.eu/research/projects/projekte-mensch-und-artefakt/defining-the-ahrensburgian-1/defining-the-ahrensburgian-en) austauschen können. Zudem können wir auch schon länger am ZBSA angesiedelte Projekte in diesem Rahmen einbinden (http://www.zbsa.eu/forschung/projekte/projekte-mensch-und-umwelt/ahrenshoeft/publikationsprojekt-zum-jungpalaeolithikum-in-ahrenshoeft; http://www.zbsa.eu/forschung/projekte/projekte-mensch-und-artefakt/riesenklingen?set_language=de).

Zielsetzung des Projektes ist es, vier wesentliche Transformationen im Mensch-Umwelt-Verhältnis im ersten, späteiszeitlichen Untersuchungsgebiet auf ihre Verknüpfung zu Pionierbesiedlungen hin zu prüfen und alle im Kontext des großen Ablösungsprozesses vom Paläolithikum zum Mesolithikum zu betrachten. Dazu reicht es nicht, allein die vier Transformationsphasen zu untersuchen.

Um diese als Transformationen von regelmäßigen Wandelerscheinungen abgrenzen zu können, müssen wir uns den Entwicklungsprozess über das gesamte Spätglazial hinweg anschauen. Hier finden sich schnell weitere Fragen, z. B.: Was wissen wir über die Entwicklung der Ahrensburger Kultur, die sich über ein Jahrtausend erstreckt? Wie können wir die Entstehung und Ausbreitung der sogenannten Long Blade Technology, der letzten paläolithischen Phase in Nordwesteuropa mit auffallenden Gemeinsamkeiten in der Feuersteinbearbeitung, in diesem Kontext verstehen? Um uns diesem Fragenkomplex zu nähern, führen wir technologische Untersuchungen an Steinartefakten durch, die uns Auskunft über die Konzepte, Methoden und Techniken der urgeschichtlichen Steinschläger geben. Neben der Analyse von Merkmalen an den einzelnen Fundstücken umfassen diese Untersuchungen insbesondere das Zusammensetzen der Artefakte, die von ein und derselben Knolle abgetrennt wurden (Abb. 2a und b).

Knolle 2a

Beispiel für zusammengepasste Steinartefakte am Beispiel von Funden der Ahrensburger Kultur aus Alt Duvenstedt LA 121: a) Aufsicht; b) Seitenansicht (Fotos: Ludovic Mevel).

Abb. 2 und b. Beispiel für zusammengepasste Steinartefakte am Beispiel von Funden der Ahrensburger Kultur aus Alt Duvenstedt LA 121: a) Aufsicht; b) Seitenansicht (Fotos: Ludovic Mevel).

Dadurch lässt sich der Arbeitsprozess vom Rohstück zum Gerät nachvollziehen, der innerhalb einer Gruppe gewissen Regeln unterliegt. Im Vergleich unterschiedlich alter Fundplätze können wir beobachten, wie sich das Regelwerk verändert und wann die Veränderungen signifikant sind. Gemäß eines solchen Ansatzes soll sich in diesem Jahr eine Masterarbeit mit der Variabilität der Ahrensburger Kultur beschäftigen.

Erst mit einer solchen umfassenderen Analyse des vorliegenden archäologischen Materials werden wir dem Auftrag des SFBs, die verschiedenen Dimensionen bzw. Skalen von Transformation miteinander zu vergleichen, gerecht. Dies ist umso wichtiger, als unser Fundgut nur spärlich über die Jahrtausende erhalten blieb und wir tatsächlich nur von einer geringen Anzahl guter Fundregionen ausgehen können: Dies sind vor allem das Ahrensburger Tunneltal, die Regionen am Itzstedter See und am Liether Moor im südlichen Schleswig-Holstein sowie Alt Duvenstedt und Ahrenshöft im Norden des Landes. Insbesondere die drei südlichen Regionen lieferten neben Steinartefakten auch organische Überreste wie Knochen und Geweihe erlegter Tiere. Daraus kann nicht nur auf die Nahrung der Jäger- und Sammlergruppen, sondern auch auf ihr strategisches Verhalten bei Jagden geschlossen werden. Gerade anhand der zahlreichen Faunenreste aus dem Ahrensburger Tunneltal konnten solche Analysen selbst die Jahreszeit der Jagdepisoden herausstellen. Außerdem wurden viele dieser Funde bei Ausgrabungen geborgen, so dass sie in einer stratigraphischen Abfolge betrachtet werden können. Oftmals fanden sich darin auch Pollen, aus denen eine detaillierte Entwicklung der Vegetation rekonstruiert werden konnte. Zu diesen schleswig-holsteinischen Regionen konnten wir im letzten Jahr eine weitere in Dänemark hinzufügen, da Erschließungen neuer Wohngebiete in der Gegend von Horsens unter anderem Toteislöcher mit eiszeitlichen Funden zu Tage brachten. Um diese wenigen Einblicke in die Eiszeit etwas zu erweitern, haben wir begonnen, mit Hilfe der bereits vorhanden PalaeoDatabase zu paläolithischen Fundplätzen in Schleswig-Holstein (http://www.zbsa.eu/forschung/projekte/projekte-mensch-und-umwelt/late-glacial-and-earliest-postglacial-database-project?set_language=de) weitere vielversprechende Fundregionen auszumachen. Diese werden noch im Laufe der ersten Projektphase auf ihr Potential hin erkundet, sowohl archäologische als auch paläoökologische Archive zu liefern.

Neben der Region um Horsens in Dänemark haben wir uns im vergangen Jahr auch intensiver mit zwei besonders vielversprechenden Fundregionen aus Schleswig-Holstein beschäftigt. Unweit des Itzstedter Sees konnten wir im Herbst zwei 16 m lange Bohrprofile (Abb. 3) aus Ablagerungen eines ehemaligen Gewässers am Oberlauf der Rönne entnehmen (http://www.sfb1266.uni-kiel.de/de/aktivitaeten/feldarbeiten#Nahe).

Arbeiten nahe dem Itzstedter See: a) Bohrung; b) Bohrkernserie A (Fotos: Sonja Grimm).

 

Bohrkern

Abb. 3 und b. Arbeiten nahe dem Itzstedter See: a) Bohrung; b) Bohrkernserie A (Fotos: Sonja Grimm).

Dieses hochauflösende, paläoökologische Archiv soll insbesondere Sascha Krüger im Rahmen seiner Dissertation (http://www.zbsa.eu/forschung/projekte/projekte-mensch-und-umwelt/nahrungspotenzial?set_language=de) auswerten, um den Mensch-Umwelt-Interaktionen in einer dem Ahrensburger Tunneltal vergleichbaren Situation nachzugehen.
Zum Liether Moor haben wir die archäologischen Fundmeldungen gesichtet und sie mit umfangreichen geologischen Aufnahmen zusammengebracht. Diese Zusammenschau belegt eindrücklich, wie reich die Region an späteiszeitlichen Fundstellen ist, zeigt aber auch die vielen Probleme und Widrigkeiten, die einen hier aufgrund der besonderen geologischen Situation (Salzstock, vermutlich flaches Gewässer im Spätglazial; Abb. 4) erwarten.

Abb. 4 Karte mit Ausbreitung des Salzstockes und rekonstruierte Lage und Ausdehnung des spätglazialen Sees am Liether Moor (Grafik: ZBSA-GIS/Benjamin Serbe).

Abb. 4. Karte mit Ausbreitung des Salzstockes und rekonstruierte Lage und Ausdehnung des spätglazialen Sees am Liether Moor (Grafik: ZBSA-GIS/Benjamin Serbe).

Außerdem haben wir begonnen, die sehr zahlreichen spätglazialen Funde der Region teils erneut, teils erstmals aufzunehmen, um Transformationen in dieser Region besser verstehen zu können (Abb. 5). In einer weiteren Masterarbeit soll dabei insbesondere anhand der Abbauprozesse an Feuersteinknollen überprüft werden, ob es in der zweitältesten Transformationsphase zu einem Bruch in den Traditionen kam, der evtl. auf eine erneute Pionierphase deuten könnte.

Abb. 5. Besprechung spätpaläolithischer Steinartefakten von Klein Nordende (Foto: Mara-Julia Weber).

Abb. 5. Besprechung spätpaläolithischer Steinartefakten von Klein Nordende (Foto: Mara-Julia Weber).

Bis Mitte 2020 wollen wir neben der Erkundung neuer Fundplätze in bereits bekannten Kernregionen Synthesen vorlegen und weitere Forschungen vorantreiben. Wir versprechen uns mit unserem Projekt, einen deutlichen Impuls für neue Forschungen im Bereich der spätglazialen Archäologie Norddeutschlands und Dänemarks zu setzen.

 

Literatur
G. S. Boulton, P. Dongelmans, M. Punkari, M. Broadgate, Palaeoglaciology of an ice sheet through a glacial cycle: the European ice sheet through the Weichselian. Quaternary Science Reviews 20, 2001, 591–6

25.J.-F. Bourillet, J.-Y. Reynaud, A. Baltzer, S. Zaragosi, The `Fleuve Manche': the submarine sedimentary features from the outer shelf to the deep-sea fans. Journal of Quaternary Science 18, 2003, 261–28

2.S. J. Carr, R. Holmes, J. J. M. van der Meer, J. Rose, The Last Glacial Maximum in the North Sea Basin: micromorphological evidence of extensive glaciation. Journal of Quaternary Science 21, 2006, 131–153.C. D. Clark, D. J. A. E

vans, A. Khatwa, T. Bradwell, C. J. Jordan, S. H. Marsh, W. A. Mitchell, M. D. Bateman, Map and GIS database of glacial landforms and features related to the

last British Ice Sheet. Boreas 33, 2004, 359–375.S. Gupta, J. S. Collier, A. Palmer-Felgate, G. Potter, Catastrophic flooding origin of shelf valley systems in the English Channel. Nature 448,

2007, 342–345.S. Ivy-Ochs, H. Kerschner, P. W. Kubik, C. Schlüchter, Glacier response in the European Alps to Heinrich Event 1 cooling: the Gschnitz stadial. Journal of Quaternar

y Science 21, 2006, 115–130.G. Lericolais, J.-P. Auffret, J.-F. Bourillet, The Quaternary Channel River: seismic stratigraphy of it

s palaeo-valleys and deeps. Journal of Quaternary Science 18, 2003, 245–260.P. Woldstedt, Die Geschichte des Flußnetzes in Norddeutschland und angrenzenden Gebieten. Eiszeitalter und Gegenwart 7, 1956, 5–12.

Artikelaktionen