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Zentrum für Baltische und Skandinavische Archäologie

Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen
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ZBSA Kalender

Im Jahr 2019 stellt das ZBSA jeden Monat ein aktuelles Projekt vor.

Für den Monat März > The Poggenwisch Rod

Februar > Die wikingerzeitliche Besiedlung von Wiskiauten

Januar > Assurs Runenstein und die königlichen Husebyer


Die Projekte des Kalenders 2018 sind im Kalenderarchiv zu finden!
 

Januar 2019

Assurs Runenstein und die königlichen Husebyer

 

Thorsten Lemm

In Dänemark, Schweden, Norwegen und auf den Orkney Inseln gibt es insgesamt mehr als 130 Ortschaften und Höfe mit Namen wie Husby, Huseby, Husaby, Husabø, etc., die allesamt auf ein altnordisches *Húsabýr zurückgehen. Bei der Zusammensetzung des Namens handelt es sich um den Genetiv pluralis des neutralen Wortes hus (Haus) und die für viele wikingerzeitliche Ortsnamen übliche Endung -býr im Sinne von „Dorf/Siedlung“. Dabei gibt die Pluralform husa- Anstoß zu der Vermutung, dass sich gerade die Mehrzahl der Häuser an diesen Orten wesentlich auf die Namensgebung ausgewirkt und der Ortsname eine besondere Art von Häusern bezeichnet habe – z. B. repräsentative Gebäude, Speichergebäude des Königs oder Gebäude mit vielen unterschiedlichen Funktionen.

Husebyer Verbreitung

Karte: Verbreitung der Husebyer

Aufgrund verschiedener Hinweise ist davon auszugehen, dass die Husebyer im Zuge der skandinavischen Reichseinigungs- bzw. Staatsbildungsprozesse einen wichtigen Bestandteil der königlichen Machtapparate darstellten. Der bisher gängigen Interpretation zufolge sollen diese Siedlungen größtenteils auf ältere Wohnsitze von Häuptlingen oder Kleinkönigen zurückzuführen sein, die während der Konsolidierung der skandinavischen Königreiche gegen Ende der Wikingerzeit konfisziert und zu königlich-administrativen Höfen umfunktioniert wurden. Als technischer Begriff dürfte *Húsabýr zu den ursprünglichen Ortsnamen zahlreicher zentraler Siedlungen als eine Kennzeichnung ihrer neuen Funktion(en) hinzugefügt worden sein und die alten Namen der Siedlungen verdrängt haben. Als etablierter Appellativ und Ortsname kann Huseby jedoch auch zur Bezeichnung von neu angelegten Siedlungen oder Höfen verwendet worden sein.
Der Hauptgrund für die Annahme, der Großteil der Husebyer sei aus älteren Großhöfen entstanden, basierte primär auf der Feststellung, dass im Umfeld der betreffenden Orte nicht selten sehr große Grabhügel, herausragende Einzelfunde oder auch besonders große Gräberfelder der jüngeren germanischen Eisenzeit und der Wikingerzeit anzutreffen sind. Als Resultat einer detaillierten Aufnahme aller archäologischen Fundstellen dieses Zeitraums im Umfeld aller Huseby-Orte, die in den letzten Jahren am ZBSA durchgeführt wurde, muss die gängige Interpretation jedoch ein stückweit korrigiert werden. Im Schnitt weisen lediglich ca. ein Viertel der skandinavischen Husebyer beeindruckende Denkmale und/oder herausragende Funde am Ort selbst auf, die diese Orte als alte Zentralplätze ausweisen. Bei etwas weniger als einem Viertel der Husebyer handelt es sich um Siedlungen, die sich in der Nachbarschaft von Höfen befinden, die ihrerseits durch herausragende Funde oder beeindruckende Denkmale als ältere Zentralplätze ausgewiesen werden. Ca. die Hälfte aller betreffenden Höfe und Siedlungen liefert keinerlei Hinweise auf einen älteren Zentralplatz, weder am Ort selbst, noch in der Nachbarschaft oder innerhalb der zugehörigen Siedlungskammer. Dieses empirische Ergebnis wirft ein neues Licht auf das bisherige von der Forschung skizzierte Bild der Husebyer, denn neben der Etablierung solcher Orte als Nachfolger von oder in der Nachbarschaft zu alten Zentralhöfen sind zum überwiegenden Teil Neugründungen – vermutlich des 11. Jh. – in zuvor unbedeutenden Kleinregionen zu verzeichnen.

Assur

Assurs hög

Um einen Huseby-Ort mit langer Tradition und bereits großer Bedeutung in der jüngeren Eisenzeit handelt es sich allerdings bei Husby im Bro socken (Kirchspiel) und Bro härad (administrative Einheit) in der Landschaft Uppland in Mittelschweden. Der Ort ist inmitten einer leicht hügeligen, aber dennoch offenen Landschaft am Nordufer des Mälarsees gelegen. Neben einigen Siedlungsfunden, die sich in den Zeitraum von der Wikingerzeit bis in das hohe Mittelalter datieren lassen, sind in Verbindung mit Siedlungs-Einheit vier Gräberfelder mit insgesamt ca. 170 Gräbern der jüngeren Eisenzeit zu nennen – darunter ein sogenannter kungshög („Königshügel“; ein Grabhügel mit mehr als 30 m im Durchmesser) von 32 m im Durchmesser und 3,5 m Höhe sowie ein storhög („Groß-Grabhügel“; ein Grabhügel mit mehr als 20 m im Durchmesser), der 25 x 3,5 m groß ist und als Assurs hög (Assurs Hügel) bezeichnet wird. Innerhalb der Gemeindegrenzen befinden sich ferner zwei fragmentierte und zwei erhaltene Runensteine, die bei der Kirche von Bro stehen. Ein fünfter Runenstein – der 1,5 m hohe, 1,6 m breite und 0,23 m dicke, sogenannte Assur-Stein (U 617) – wurde ebenfalls bei der Kirche gefunden, steht heute jedoch etwas weiter nördlich an der Landstraße in der Nähe einer Brücke.

Assur Stein

Assur-Stein (U 617)

Transkription der Inschrift:
Kinluk x hulmkis x tutiR x systiR x sukruþaR x auk x þaiRa x kaus x aun x lit x keara x bru x þesi x auk x raisa x stain x þina x eftiR x bunta x sin
sun x hakunaR x iarls x saR x uaR x uikika x uaurþr x miþ x kaeti x kuþ x ialbi x ans x nu x aut x uk x salu

Normalisierung ins Runen-Schwedische:
Ginnlaug, HolmgæiRs dottiR, systiR SygrøðaR ok þæiRa Gauts, hon let gæra bro þessa ok ræisa stæin þenna æftiR Assur, bonda sinn, son HakonaR iarls. SaR vaR vikinga vorðr með Gæiti(?). Guð hialpi hans nu and ok salu.

Übersetzung ins Deutsche:
Ginnlaug, Holmgeirs Tochter, Schwester von Sygrøðr und Gautr, sie ließ diese Brücke machen und diesen Stein aufstellen nach Assur, ihrem Ehemann, Sohn von Jarl Hákon. Er war Wikinger-Wart (víkinga vǫrðr) mit Geitir(?). Möge Gott nun seinem Geist und seiner Seele helfen.

Die außergewöhnliche Inschrift ist in vielerlei Hinsicht von besonderem Interesse. Es wird berichtet von einer Frau namens Ginnlaug, die eine Brücke hat errichten lassen. Vermutlich wurde dabei eine ältere Brücke erneuert, die namengebend gewesen war für den Wohnsitz der Familie, der ursprünglich Bro (Brücke) lautete. Der Ort könnte seinen Namen aber auch erst aufgrund von Ginnlaugs Brücke erhalten haben. Des Weiteren ist zu erfahren, dass Ginnlaug den Stein für ihren verstorbenen Mann Assurs anfertigen und aufstellen ließ. Dieser Mann war von besonderer Abstammung, denn bei seinem Vater handelte es sich um einen Jarl, also einen einflussreichen Mann, der dem König sehr nahe stand. Leider ist die historische Person des Jarl Hákon nicht einwandfrei zu identifizieren. Ferner wird Assur in der Inschrift als Wikinger-Wart (víkinga vǫrðr) bezeichnet. Damit dürfte er die verantwortungsvolle Aufgabe inne gehabt haben, mindestens das Nordufer des Mälarsees, wenn nicht sogar ein größeres Gebiet, und sicherlich auch den etwas weiter östlich verlaufenden Wasserweg bis nach Sigtuna gegen einfallende Seeräuber (Wikinger) zu verteidigen, wobei er Hilfe durch einen Mann namens Geitir erhielt.

Bro kirke

Bro Kirche

Das Kreuz auf dem Stein und der letzte Satz der Inschrift bezeugen, dass die Familie bereits dem christlichen Glauben angehörte. Es ist deshalb anzunehmen, dass bereits zu Assurs und Ginnlaugs Zeit am Ort eine hölzerne Kirche stand, die man im Mittelalter (etwa um 1175 n. Chr.) durch die noch heute existierende Steinkirche ersetzte. Der Wohnsitz des víkinga vǫrðr muss eine beträchtliche Bedeutung gehabt haben, denn nicht nur das Kirchspiel wurde nach dem Bau der Holzkirche als Bro socken bezeichnet, sondern auch der übergeordnete Verwaltungsbezirk, das Bro härad, erhielt seinen Namen von diesem Ort. Schätzungsweise 2–3 Generationen nach Assur geriet dessen Wohnsitz im Zuge der schwedischen Reichseinigung in Königsbesitz, erhielt eine neue Funktion als königlicher Verwaltungsort und wurde mit der Etablierung des Huseby-Systems von Bro in *Húsabýr umbenannt. Der alte Ortsname blieb jedoch als Bezeichnung sowohl des Kirchspiels als auch des Verwaltungsbezirkes erhalten.

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