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Juli

Transformationen mesolithischer Wildbeuter-Gesellschaften

Dr. Daniel Groß

Am Beginn des Holozäns, also vor etwa 12000 Jahren, fand eine rapide Klimaerwärmung statt, die zu einer Wiederbewaldung der norddeutschen Tiefebene führte. In diesem Rahmen änderte sich auch die Tierwelt und die Lebensweise der Menschen, die nun primär nicht mehr Rentiere jagten sondern andere Nahrungsquellen erschlossen. So wurden nun zunehmend Rehe, Hirsche und Wildschweine gejagt, aber auch Fische gefangen und andere pflanzliche Ressourcen ausgebeutet.

Map Duvensee

Abb. 1: Noch 1777 war ein Rest des ehemaligen Duvensees erhalten, bevor er komplett trockengelegt wurde. Rote Punkte kennzeichnen die verschiedenen bekannten Fundplätze (© ZBSA).

Das Projekt „Transformationsprozesse frühmesolithischer Wildbeutergruppen“ untersucht wie sich soziale Transformationen in der Mittelsteinzeit abgezeichnet haben und welche Prozesse dafür ursächlich waren. Eingebettet ist es in den Sonderforschungsbereiches 1266 "TransformationsDimensionen: Mensch-Umwelt Wechselwirkung in Prähistorischen und Archaischen Gesellschaften", der an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel unter Förderung durch die DFG (Deutsche Forschungsgemeinschaft) im Jahr 2016 eingerichtet wurde.
Im Mittelpunkt der Analysen stehen neben der materiellen Kultur auch Untersuchungen, welche sich mit den  Siedlungsstrategien der mittelsteinzeitlichen Gesellschaften beschäftigen. Somit kann erkannt werden welche Muster sich diachron oder regional abzeichnen und welche Standortfaktoren Einfluss auf bspw. die Lagerplatzwahl der damaligen Menschen hatte. Weitere Aspekte, die wesentliche für das Projekt sind, sind Subsistenzstrategien und  Wege und Möglichkeiten von Mobilität.
Durch eine intensive Zusammenarbeit mit anderen Projekten des Sonderforschungsbereiches wird untersucht welche kulturellen Veränderungen mit Umweltereignissen parallelisiert werden können und welche Konsequenzen hieraus folgten.

findings

Abb. 2: Die Fundplätze umfassen große Teile des Mesolithikums, aber auch neolithische Siedlungsplätze sind bekannt (© ZBSA).

Im vergangenen Jahr haben wir intensive an unserer ersten Fokusregion, dem südöstlichen Schleswig-Holstein gearbeitet. Hierbei fand nicht nur eine Kartierung aller bekannten mesolithischen Fundplätze in der Region statt, sondern auch die Suche nach erhaltenen mesolithischen Knochenartefakten. Vor allem aus Bereichen der Trave und des Elbe-Lübeck-Kanals konnten so einige Funde im Archiv des Museums für Archäologie (MfA) gefunden werden. Eine Auswahl der Stücke haben wir beprobt und mithilfe der Radiokarbonmethode zeitlich eingeordnet. Somit konnten wir die Stücke, die bisher nur grob typochronologisch eingeordnet waren, absolutchronologisch klar den verschiedenen Phasen des Mesolithikums zuordnen. Diese Untersuchungen helfen uns die bisher nur relativ grobe Formengliederung in der Mittelsteinzeit deutlich zu erweitern und somit auch die Entwicklung und Entstehung neuer Gerätetypen nachvollziehen und verstehen zu können.

wooden paddle

Abb. 3: Im Duvenseer Moor wurde bereits in den 1920er Jahren eines der ältesten Paddel gefunden (© MfA).

Darüber hinaus wurde ein großer Teil darauf verwendet den umfangreichen Datenbestand zum Duvenseer Moor weiter aufzuarbeiten und auszuwerten. Wesentliche Fortschritte wurden hierbei besonders an einem Fundplatz gemacht, der die Bezeichnung Wohnplatz 11 trägt. Die Auswertung der Ausgrabungspläne ermöglichte es uns die verschiedenen Rindenlagen auf dem Fundplatz zusammenzufügen und so zu erkennen welche Bereiche gleichzeitig als Unterlage dienten. Zusätzlich wurden von diesem und anderen Fundplätzen eine große Menge neue Radiokarbonproben ausgewählt, sodass Lücken in den Probenserien ausgefüllt worden sind. Ergebnisse hiervon liegen bisher nicht vor. Die Aufnahme der über 55000 Steinartefakte von Wohnplatz 11 konnte zudem deutliche vorangetrieben werden, sodass im Laufe des Jahres mit weiteren Ergebnissen zu rechnen ist.
Neben der Arbeit an bereits ausgegrabenem Material fand eine kleine Feldkampagne statt, die zum Ziel hatte zwei Fundplätze, die durch Oberflächenabsammlungen bekannt geworden sind, besser zu bewerten. Hierbei wurde mit kleineren Sondageschnitten geprüft ob fundführende Schichten erhalten sind. Leider ergab der erste Fundplatz keinerlei Ergebnisse, sodass wohl davon auszugehen ist, dass die dort bekannt gewordenen Funde ursprünglich nicht von dort stammen. Der zweite Fundplatz war schon länger bekannt, da der Lehrer Herr Stamer dort bereits im letzten Jahrtausend diverse Funde abgesammelt hatte. Hier stellte sich die Frage, ob der Platz komplett zerpflügt oder in Teilen noch erhalten war. Die Ausgrabung zeigte trotz ziemlich beschränkten Ausmaßen, dass an dem Platz noch Strukturen erhalten waren. In dem 7 m langen Suchschnitt konnte ein gut gearbeitetes Kernbeil gefunden werden, welches knapp über einem umgestürzten Baum oder Ast lag.

Axe

Abb. 4: Auch andere Holzartefakte sind gut erhalten geblieben, wie diese Schäftung für ein Flint oder Geweihbeil zeigt (© MfA)

Zudem wurde in einem kleinen Suchloch ein Schlagnest entdeckt. Als solches wird eine Ansammlung von Feuersteinartefakten bezeichnet, die vor Ort hergestellt worden sind, sodass sich noch eine große Anzahl an Abschlägen und Absplissen findet. Holzkohlen und Haselnussschalen aus dieser Fundkonzentration ermöglichten die Datierung. Es zeigte sich, dass beide Situationen in das späte Präboreal datieren und so möglicherweise von einer Besiedlung stammen. Im August dieses Jahres wird daher an dem Fundplatz eine größere Fläche geöffnet werden, um zu prüfen wie gut der Platz noch erhalten ist.

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