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Juni

Riņņukalns, ein neolithischer Süßwasser-Muschelhaufen im Norden Lettlands und seine Bedeutung für die steinzeitliche Kulturgeschichte im östlichen Baltikum

Dr. Valdis Bērziņš, Ute Brinker M.A., Dr. Harald Lübke, Dr. John Meadows, Dr. Kenneth Charles Ritchie, Dr. Ulrich Schmölcke und Dr. Ilga Zagorska

Im Rahmen des langfristigen Forschungsschwerpunktes »Forschungen zur absoluten Chronologie der steinzeitlichen Kultur- und Landschaftsentwicklung im östlichen Baltikum« werden bereits seit Gründung des ZBSA in enger Kooperation mit dem Institut für lettische Geschichte der Lettischen Universität Riga Untersuchungen zur steinzeitlichen Kulturgeschichte im Flusstal der Salaca im Norden Lettlands durchgeführt. Im Jahre 2016 konnten bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft erfolgreich Fördermittel zu deren Fortsetzung beantragt werden. Konkretes Ziel des interdisziplinären Forschungsprojektes »Riņņukalns, a Neolithic freshwater shell midden site in northern Latvia and its significance for cultural development of the Eastern Baltic Stone Age« (Wissenschaftliche Leitung Harald Lübke, John Meadows und Ulrich Schmölcke, ZBSA, in Kooperation mit Valdis Bērziņš und Ilga Zagorska, LVI) ist eine Untersuchung des gleichnamigen Fundplatzes, ein einzigartiger steinzeitlicher Siedlungsplatz in Nordeuropa, der aus einer großen Anhäufung von Teich- und Flussmuschelschalen und Fischresten besteht.

Rinnukalns Luft

Abb. 1: Der Fundplatz Riņņukalns im Bild rechts unten am Ausfluss der Salaca aus dem Burtnieksee (Foto: Marcis Kalniņš).

Solche Muschelhaufen sind ansonsten im Ostseegebiet nur aus Dänemark bekannt und werden entsprechend auch als »Køkkenmødding« bezeichnet. Sie bieten ausgezeichnete Erhaltungsbedingungen für nur selten erhaltene organische Hinterlassenschaften und sind deshalb eine sehr reichhaltige Quelle für Informationen zur Ernährung und Lebensweise der damaligen Menschen. Entsprechend liefert der Fundplatz Riņņukalns wertvolle Hinweise zur Kulturentwicklung im östlichen Baltikum im 4. Jahrtausend v. Chr. – eine Zeit, in der die Landwirtschaft und Vorratshaltung in dieser Region noch nicht weit verbreitet waren. Obwohl der Fundplatz Riņņukalns bereits im 19. Jahrhundert entdeckt und in großen Teilen ausgegraben wurde, erlauben uns die heute verfügbaren modernen archäologischen naturwissenschaftlichen Analysemethoden ein viel genaueres und detaillierteres Bild der Lebens- und Wirtschaftsweise der damaligen Bewohner zu erstellen.

Geo-Messungen

Abb. 2: Georadarmessungen auf dem Fundplatz durch ein Team des Instituts für Geowissenschaften der CAU Kiel (Foto: Harald Lübke).

Im Mai 2017 erfolgte zunächst eine geophysikalische Vermessung des Muschelhaufens durch Geophysiker des Instituts für Geowissenschaften der CAU Kiel. Dabei sollten die 2011 erfolgreich durchgeführten Georadarmessungen soweit wie möglich durch zusätzliche Messprofile verdichtet werden, sodass eine 3D-Rekonstruktion der erhaltenen Schichtpakete in dem durch Ausgrabungen des 19. Jahrhunderts großflächig gestörten Muschelhaufen möglich sein wird.

Ausgrabung

Abb. 3: Der neu angelegte Grabungsschnitt quer durch den Hügel ist bereits auf den anstehenden Paläoboden abgetieft (Foto: Harald Lübke).

Die erste von zwei geplanten 6-wöchigen Ausgrabungskampagnen mit einem Forscherteam des ZBSA, des LVI und der Universität Riga sowie Studenten der Universität Riga und der CAU Kiel fand im Juli und August 2017 statt. Primäres Ziel war dabei, einen bei der Voruntersuchung 2011 anlegten Schnitt quer durch den Hügel bis zum Flussufer zu erweitern, um so den Schichtaufbau des Muschelhaufens detailliert erfassen und im darunter anstehenden Paläoboden die vor-muschelhaufenzeitliche Nutzung des Platzes untersuchen zu können. So soll festgestellt werden, wann die Menschen begonnen haben, sich an diesem Ort anzusiedeln und wie sich ihre Lebensweise und Fischereitechnik im Laufe der Zeit verändert hat.

Arbeitzplatz

Abb. 4: Der Arbeitsplatz zum Schlämmen und Sieben des Erdaushubs am Ufer der Salaca (Foto: Harald Lübke).

Dazu wird das gesamte ausgegrabene Erdreich mit Wasser durch feine Siebe geschlämmt, damit auch die kleinsten Artefakte zusammen mit Fisch-, Vogel- und Säugetierknochen, Muschelschalen, aber auch Pflanzenreste wie Nussschalen und Samen geborgen werden können. Das gewonnene Material wird von Spezialisten verschiedener Fachdisziplinen aus beiden Ländern ausgewertet. Mit neuester digitaler Technologie werden die archäologischen Schichten fotogrammetrisch dokumentiert und ein detailliertes 3D-Modell aus einer Vielzahl von Fotografien aufgebaut.

Schichten

Abb. 5: Die stratifizierte Schichtabfolge des Muschelhaufens aus Muschelschalen, Fischresten und Holzkohlen aus dem 3. vorchristlichen Jahrtausend. Aber auch in dem darunter gelegenen Paläoboden befinden sich Hinterlassenschaften älterer Nutzungsphasen des Fundplatzes (Foto Harald Lübke).

Dass bei diesen Untersuchungen nun ein intaktes steinzeitliches Grab entdeckt wurde, ist ein ausgesprochener Glücksfall. Über der Grabgrube befand sich eine erhaltene Herdstelle, die sehr wahrscheinlich ein Teil der Bestattungszeremonie gewesen ist und der Bereitung des Totenmahls gedient hat: Die Feuerstelle enthielt verbrannten Ocker, welcher häufig in steinzeitlichen Begräbnisriten verwendet wurde, sowie Scherben zerbrochener Keramikgefäße.

Freilegung

Abb. 6. Freilegung und Bergung des steinzeitlichen Fischergrabes (Foto Harald Lübke).

Die Bestattung selbst enthielt kaum Grabbeigaben, aber es war deutlich zu erkennen, dass der verstorbenen Person eine große Portion Fischmahlzeit mit auf den Weg ins Jenseits gegeben wurde. Dieser Befund ist ein eindeutiger Hinweis darauf, welche große Bedeutung die Fischerei in den Ritualen und Weltanschauungen der damaligen Menschen hatte.

Bestattung

Abb. 7: Das freigelegte Grab eines steinzeitlichen Fischers auf dem Riņņukalns (Foto: Harald Lübke).

Bei dem Grabbefund selbst handelt es sich um die Primärbestattung eines ca. 35–45 Jahre alten Mannes. Das bisher freigelegte und geborgene Teilskelett befand sich grundsätzlich in anatomischer korrekter Position. Hinweise auf pathologische Befunde am Schädel und an der Wirbelsäule erfordern weitere paläopathologische Untersuchungen sowie zusätzliche MikroCT-Analysen.

G. Stawinoga

Abb. 8: Der fragile Zustand des Schädels erforderte dessen Blockbergung und anschließende Restaurierung und Rekonstruktion der Schädelteile am ALM in Schleswig durch den Restaurator G. Stawinoga (Foto Harald Lübke).

Im Rahmen der wissenschaftlichen Auswertung werden zudem genetische Untersuchungen, Datierungen, Isotopenanalysen sowie archäothanatologische Untersuchungen erfolgen.

Schaedel

Abb. 9: Die bestehende Schädeldeformierung machte eine komplette Zusammensetzung unmöglich, weshalb 3D-Scans der einzelnen Schädelteile und eine virtuelle Schädelrekonstruktion durch L. Hermannsen, ALSH, und J. Nowotny, ZBSA, erfolgten.

Die neuen Riņņukalns-Ausgrabungen bieten zudem auch eine außergewöhnliche Gelegenheit, die Ernährungsweise und andere Aspekte des steinzeitlichen Lebens im östlichen Ostseeraum durch Faunenreste zu erforschen. Säugetier- und Vogelknochen warten noch größtenteils auf eine genauere Bestimmung, zu den Fischresten sind aber bereits detailliertere Aussagen möglich. Cypriniden (die Karpfenfamilie) spielten eine wichtige Rolle. Dies ist vielleicht nicht überraschend, da diese Kategorie mehrere Arten umfasst (Plötze, Brassen, Vimba, Aland, Nase und Döbel), die im Fluss heute noch reichlich vorhanden sind. Mitglieder der Barschfamilie (einschließlich Flussbarsch, Zander, Kaulbarsch) sind ebenfalls häufig vertreten. Andere Fische, die wir identifiziert haben, sind Hecht, Aal, Salmoniden (Forellen), Quappe und Hering. Dieser letzte Fisch ist von besonderem Interesse, da er normalerweise als Salzwasserfisch gilt und nur kurz die Mündungen von Flüssen und Fjorden aufsucht.

Schlaemmstation

Abb. 10: Der gesamte Erdaushub der Ausgrabung 2017 wurde geschlämmt und feingesiebt, um auch kleinste Fundstücke wie z.B. winzige Fischreste zu bergen (Foto Kenneth Charles Ritchie)

Die zweite Ausgrabungskampagne wird im Juli und August 2018 stattfinden und hoffentlich weitere spannende Forschungsergebnisse zu dieser bedeutenden Fundstelle im östlichen Baltikum liefern.

Angelhaken

Abb. 11: Beim Nasssieben wurden aber auch archäologische Fundstücke gefunden wie dieser Teil eines Komposit-Angelhaken aus Tierknochen (Foto: Kenneth Charles Ritchie)

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