Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

Sektionen
Benutzerspezifische Werkzeuge

Mai

Goldblechfiguren


Umzeichnungen gubber2 AP

"Immer wieder schlugen ihr Zweige ins Gesicht, Spinnweben verfingen sich und Dornen zerrissen die Kleidung, stachen in Füße und Hände. Aber sie schlich sich weiter durch die Nacht. Nur schwach schimmerte das Licht durch die Bäume, manchmal aufflackernd, es wies ihr den Weg. Jetzt war ihr, als könne sie Stimmen hören. Sie musste einfach wissen, was dort auf der Lichtung vorging. Warum taten die Erwachsenen immer so geheimnisvoll? Und was hatte es mit den hauchdünnen Goldplättchen auf sich, von denen sie am Morgen eines gefunden und eingesteckt hatte? Tief drang sie ein in das Wäldchen, spürte feuchtes Moos und Blätter unter ihren nackten Füßen, roch den frischen Waldmeister. Dann endlich hatte sie die große Buche erreicht, fühlte die dicken Wurzeln und kauerte sich eng dazwischen an den Stamm. Ein Käuzchen schrie direkt über ihr. Durch die dürren Sträucher hatte sie einen guten Blick.

Auf der Lichtung standen einige Frauen und Männer aus dem Dorf neben dem Feuer. Sie hatten das Holz dazu in den letzten Tagen hier aufgehäuft, morsche, marode Hölzer aus der alten Halle, die nach dem Einbruch ihres Daches im Winter aufgegeben werden mußte und noch in diesem Frühjahr neu erbaut werden sollte. Die trockenen Balken brannten hoch und hell. Nun erkannte sie auch fremde Männer, in seltsamen Mänteln, behängt mit buntem Schmuck, der im Feuerschein funkelte und blitzte. Schwerter hatten sie gegürtet, Lanzen trugen sie in den Händen, und auf den Köpfen hatten zwei von ihnen große schimmernde Helme. Alles war friedlich. Dann trat Ölrun vor, die Alte, in ihrem feinen Schleppgewand, und sie schien zu singen. Zwei weitere Gestalten kamen an ihre Seite, ein fremder junger Mann und ein alter Krieger aus dem Dorf. Durch die Sträucher war es nicht leicht, die Einzelheiten zu erkennen. Aber es schien, als würde jeder von beiden dem anderen die ausgestreckten Arme auf die Schultern legen. Unter dieser Brücke sprang ein junges Mädchen durch, drehte sich dann um, ergriff das Handgelenk des jungen Mannes und zog ihn mit sich fort, zu Ölrun. Diese reichte beiden den kostbaren, durchsichtigen Becher, den die Männer vor einigen Jahren aus einem fernen Land mitgebracht hatten, und beide tranken daraus. Dann gab es fröhliche Rufe, und plötzlich glitzerte es überall in der Luft: Sie hatten die Goldplättchen hochgeworfen! Alle versuchten sofort, eines zu fangen, aber die meisten fielen zu Boden und waren sofort zwischen Laub und Ästchen verschwunden. Männer und Frauen hoben immer wieder ihre Arme, lachten und scherzten, sie küßten einander und begannen, Lieder zu singen: Solche Lieder, die nicht für die Ohren von Kindern bestimmt sind …

Sie war sehr zufrieden – und unendlich müde. Das Käuzchen schrie wieder. Vorsichtig stand sie auf und tastete sich zurück durch die Dunkelheit des Waldes, ein einsames Licht im Dorf wies ihr die Richtung. Der Heimweg kam ihr sehr lang vor. Als sie am nächsten Morgen erwachte, lag sie wieder in der Ecke des Hauses neben ihren sechs Geschwistern. Sie döste noch ein wenig. Plötzlich aber fuhr ihr ein heißer Schreck in die Glieder: Hatte sie alles wirklich gesehen – oder war es nur ein Traum gewesen?"


*******************


Umzeichnungen gubber AP


Goldblechfiguren in Schleswig

 

Im Rahmen des Themenbereiches „Mensch und Artefakt“ mit dem Schwerpunkt „Archäologische Bildwissenschaft“ stehen die rätselhaften skandinavischen Goldblechfiguren im Focus. Hier wird seit Ende 2015 ein Projekt verfolgt, bei dem es um interdisziplinäre Forschungen bezüglich der sogenannten Goldblechfiguren geht: Winzige, mit figürlichen Motiven geprägte Goldfolien, die bisher nur aus Skandinavien bekannt sind. Das Projekt wird in enger Kooperation mit zahlreichen Kolleginnen und Kollegen des In- und Auslandes durchgeführt und von Priv.-Doz. Dr. Alexandra Pesch (Schleswig) und Dr. Michaela Helmbrecht (Fa. archäotext, München) geleitet.

Die Motive der Blechtäfelchen zeigen männliche und weibliche Gestalten, sehr wenige von ihnen auch Tiere. Obwohl zur Zeit knapp 3000 Exemplare aus Dänemark, Schweden und Norwegen bekannt sind, gibt es kaum größere Untersuchungen zu ihnen und keinen Konsens in der Forschung bezüglich ihres bildlichen Inhalts (Menschen, Götter, Allegorien?), ihrer Funktion (Votive, Devotionalien, Tempelgeld, Opfer, Urkunden?) und dem gesellschaftlichen Hintergrund, der ihre Herstellung und Nutzung möglich machte. Nicht einmal die Datierung der Stücke ist sicher, sie schwankt von der Völkerwanderungszeit bis – einige archäologische Befunde scheinen dies nahezulegen – in die Wikingerzeit. Viele Funde stammen aus schlecht dokumentierten und unpublizierten Altgrabungen, oder sie wurden nur durch Schlämmen und Sieben aus Erdmaterial geborgen, lassen also keine stratigraphischen Zusammenhänge oder andere direkte Fundkontexte mehr erkennen.Gubber im Kaestchen

Nachdem im Oktober 2017 ein erster internationaler und interdisziplinärer Workshop zur Ikonographie der Goldblechfiguren mit 30 eingeladenen Spezialisten aus neun Nationen und ebenso vielen Fachbereichen in Schleswig organisiert und durchgeführt worden ist, entsteht zur Zeit ein Sammelband mit Texten nach den gehaltenen Vorträgen. Denn diese und die anschließenden Diskussionen haben viele neue Erkenntnisse erbracht bezüglich der Motive auf den Blechen und ihrer Bedeutung, wie auch zu ihrem Verhältnis zu zeitgleichen Bildersprachen anderer Regionen.

Darüber hinaus ist ein zweiter Workshop in Planung, der sich den Fundorten, der Stratigraphie und den genauen Befundzusammenhängen der Stücke widmen soll. In der Vorbereitung werden von der Projektleitung mehrere Forschungsreisen nach Skandinavien durchgeführt, die einerseits in die Archive und Museen mit den entsprechenden Spezialisten und Kooperationspartnern führen, anderseits aber auch der Inspektion der Fundplätze selbst, ihrer Topographie und dem Vergleich derselben, dienen sollen. Eingeladen werden die Ausgrabenden und Kenner der Goldblechfiguren aus Norwegen, Schweden und Dänemark. Aufgrund der bisher unklaren finanziellen Situation wird versucht, für den Workshop einen Tagungsort in Skandinavien zu finden.

Artikelaktionen