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Der Forschungsschwerpunkt „Heeresausrüstungsopfer“

Seit der Gründung des ZBSA besteht ein Forschungsschwerpunkt zur Erforschung der so genannten Opferplätze mit Heeresausrüstungen in Südskandinavien. Bei diesen Fundstellen handelt es sich um ehemalige Süßwasserseen oder Moore, in denen vorwiegend im 2.–5. Jahrhundert n. Chr. große Mengen an militärischer Ausrüstung geopfert wurden. Diese setzt sich aus Waffen unterschiedlichster Art, aus Kriegerkleidung und persönlicher Ausrüstung, aus Pferdegeschirren, aber durchaus auch aus „Truppentransportern“, wie dem Nydam-Schiff, zusammen. Diese großen Mengen werden als Beuteobjekte interpretiert, die einem unterlegenen Heer von den Siegern abgenommen wurden und als Dank an Gottheiten geopfert wurden. Dabei können zwischen einzelnen großen Opferungen durchaus einige Jahrzehnte liegen.

 

Ausgrabungen und Analysen im Nydam-Moor

Am ZBSA wurde in den vergangenen Jahren vor allem in zwei Projekten zu den Fundplätzen Thorsberger Moor (bei Süderbrarup im Kreis Schleswig-Flensburg) und dem Nydam-Moor (bei Øster Sottrup in der Sønderborg kommune, Dänemark) geforscht und publiziert. Dabei stellen die Ausgrabungen der Jahre 1989–1999, die das Dänische Nationalmuseum in Nydam durchgeführt hat, ein besonders reichhaltiges Quellenmaterial zur Verfügung, da hier zwischen ca. 250 und 480 n. Chr., also während der jüngeren römischen Kaiserzeit und der Völkerwanderungszeit, zu mindestens sechs unterschiedlichen Zeitpunkten an unterschiedlichen Stellen im See, aber teilweise räumlich erheblich überlappend große Opferungen stattfanden. Gleichzeitig mit den Opferungen begann der See aber langsam durch Sedimentation zu verlanden und wandelte sich gegen Ende des 4. Jahrhunderts zu einem Torfmoor um. Diese Sedimentation und Vertorfung hat zwei wesentlich Vorteile für die Archäologie: Zum einen wurden einige organische Materialien schnell nach der Deponierung von Mudde überdeckt und damit teilweise konserviert. So sind im Nydam-Moor aufgrund der Moorchemie hölzerne Artefakte in besonderes guter Erhaltungsqualität zu finden, hingegen sind Knochen, Geweih, Leder oder Textilien nur selten oder gar nicht bewahrt.
Zum anderen sind die einzelnen Opferungen durch unterschiedliche Fundhöhen und durch sterile Sedimente voneinander getrennt, was ihre archäologische Abgrenzung zueinander, aber auch das Verständnis zu den naturräumlichen Veränderungen am Opferplatz erleichtert. Ebenso können die Ergebnisse, die an den Altfunden des 19. Jahrhunderts aus dem Nydam-Moor gewonnen wurden, nun über die modern dokumentierte Ausgrabung verifiziert oder falsifiziert werden.


Nydam-GIS

Auf einer Fläche von etwas mehr als 500 m² sind etwa 14.000 Objekte dokumentiert worden, der weitaus größte Teil davon hölzerne Bestandteile von Waffen und Booten. Bei Blicken auf Übersichtsfotos und die „analoge“ Befunddokumentation erscheinen die Lagen der Objekte völlig chaotisch. Um mit dieser enormen Fundmenge sowohl analystisch aber auch im Hinblick auf zu erstellende Publikationsabbildungen der Fundverhältnisse umgehen zu können, wurde die Dokumentation der Nydam-Ausgrabungen in ein Geografisches Informations-System überführt, in dem Lagepositionen und dreidimensionale Form von Großobjekten, wie Schiffsteilen, bis hin zu Kleinstobjekten, wie einzelne Gürtelniete, verzeichnet sind. Mit der während der Forschungsarbeit stets aktualisierten Datenbank und des Einpflegens auch der geologischen Daten (Moorprofile mit unterschiedlichen Sedimentations- und Vertorfungsschichten) liegt ein wichtiges, gar unabdingbares Tool zur Analyse der komplizierten Fundverhältnisse vor.

Grabungsfoto und GIS

Die Erfahrungen mit dem Nydam-GIS haben dazu geführt, dass auch die Ausgrabungsdokumentationen der Ausgrabungen der 1950–1980er Jahre in den Fundplätzen von Illerup Ådal und Ejsbøl mose in Jütland am ZBSA in entsprechende Geografische Informationssysteme überführt wurden.

Desweiteren wurde im Jahr 2013 das Nydam-GIS auch bei der inhaltlichen Gestaltung der zum 150-jährigen Entdeckungsjubiläum des Nydambootes neu gestalteten Ausstellung am Museum für Archäologie auf Schloss Gottorf eingesetzt.

Bislang liegen neben weiteren Veröffentlichungen zu Details der Nydam-Untersuchungen und zum Phänomen der Deponierungen von Heeresausrüstungen insgesamt zwei monografische Doppenbände am ZBSA vor, ein weiterer Doppelband befindet sich in der Erstellung. Mit der Publikation dieses Bandes zu ausgewählten Waffenkategorien im Nydam-Moor wird im Jahr 2020 der ZBSA-Forschungsschwerpunkt zu den Opferungen von Heeresausrüstungen abgeschlossen.

 

Ausgewählte am ZBSA im Rahmen des Projekts Nydam entstandene Veröffentlichungen:

  • A. Rau, Zwischen Südjütland und Nordgallien – Ausrüstungen elitärer Krieger der frühen Völkerwanderungszeit aus dem Nydam mose. In: Abegg-Wigg/A. Rau (Hrsg.), Aktuelle Forschungen zu Kriegsbeuteopfern und Fürstengräbern im Barbaricum. Internationales Kolloquium unterstützt durch Carlsbergfondet. Schleswig 15.–18. Juni 2006. Schr. Arch. Landesmus. Erg.-R. 4 (Neumünster 2008) 151–174
  • A. Rau, Einige „nichtmilitärische“ Anmerkungen zum Kriegsbeuteopferplatz von Nydam und seinem archäologischen Umfeld. Arkæologi i Slesvig 12, 2009, 91-103.
  • A. Rau, Privates, Praktisches und Prunk. Die persönlichen Ausrüstungen germanischer Krieger aus dem Moorfund von Nydam. In: 2000 Jahre Varusschlacht. Konflikt. Katalaog Austellung Kalkriese (Stuttgart 2009) 148–150.
  • C. von Carnap-Bornheim/A. Rau, Zwischen religiöser Zeremonie und politischer Demonstration – Überlegungen zu den südskandinavischen Kriegsbeuteopfern. In: U. von Freeden/H. Friesinger/E. Wamers (Hrsg.), Glaube, Kult und Herrschaft. Phänomene des Religiösen im 1. Jahrtausend n. Chr. in Mittel- und Nordeuropa. Koll. Vor- u. Frühgesch. 12 (Bonn 2009) 25–35.
  • A. Rau, Nydam mose 1–2. Die personengebundenen Gegenstände. Grabungen 1989–1999. Jernalderen i Nordeuropa [= Jysk Arkæologisk Selskabs Skrifter 72] (Aarhus 2010).
  • A. Rau/C. von Carnap-Bornheim, Die kaiserzeitlichen Heeresausrüstungsopfer Südskandinaviens – Überlegungen zu Schlüsselfunden archäologisch-historischer Interpretationsmuster in der kaiserzeitlichen Archäologie. In: H. Beck/D. Geuenich/H. Steuer(Hrsg.), Altertumskunde – Altertumswissenschaft –Kulturwissenschaft. Erträge und Perspektiven nach40 Jahren Reallexikon der Germanischen Altertumskunde. RGA Ergänzungsbände 77 (Berlin, Boston 2012 [2011]) 515–540.
  • F. Rieck (mit Beiträgen von Ole Magnus, Andreas Rau und Annette Seeberg), Nydam Mose 3. Die Schiffe. Katalog, Konkordanz, Tafeln, Pläne. Jysk Ark. Selskab Skr. 72,3 (Aarhus 2013).
  • R. Mücke/A. Rau, Schiffsteile aus der Flensburger Sammlung. Ausgewähltes Altfundmaterial aus dem Nydam-Moor im Archäologischen Landesmuseum Schloss Gottorf, Schleswig. In: A. Rau (Hrsg.), Nydam Mose 4. Die Schiffe. Beiträge zu Form, Technik und Historie. Jysk Ark. Selskab Skr. 72,4 (Aarhus 2013) 301–319.
  • A. Rau (Hrsg.), Nydam Mose 4. Die Schiffe. Beiträge zu Form, Technik und Historie. Jysk Ark. Selskab Skr. 72,4 (Aarhus 2013).
  • A. Rau/R. Nedoma, Eine Herstellerinschrift in Zierrunen auf einem Holzschaft aus dem Moor von Nydam. Die Sprache 50,1, 2012/2013 (2014) 63–82.
  • A. Rau, Archäologische Forschungen zu den Opferungen von Heeresausrüstungen und Herkunftsbestimmung von Funden mit besonderem Hinblick auf runenbeschriebene Objekte. In: O. Grimm/A. Pesch (Hrsg.), Archäologie und Runen. Fallstudien zu Inschriften im älteren Futhark. Schr. Arch. Landesmus. Ergr. 11 (Kiel/Hamburg 2015) 29–43.
  • A. Rau, Raserei vs. Rituelle Norm – Beobachtungen und Erklärungsansätze zu den Spuren ritueller Handlungen in den “germanischen” Opferungen von militärischen Ausrüstungen in Südskandinavien. In: A. Naso/R. Rollinger/M. Egg (Hrsg.), Waffen für die Götter. Waffenweihungen in Archäologie und Geschichte. Akten der internationalen Tagung am Institut für Archäologien der Leopold-Franzens-Universität, Innsbruck, 6.-8. März 2013. RGZM - Tagungen 28 (Mainz 2016) 173–189.
  • A. Rau, Römische Gurt- und Gürtelteile in skandinavischen Votivplätzen mit Heeresausrüstungen. In: H.-U. Voß/N. Müller-Scheeßel (Hrsg.),Archäologie zwischen Römern und Barbaren. Zur Datierung und Verbreitung römischer Metallarbeiten des 2. und 3. Jhs. n. Chr. im Reich und im Barbaricum. Teil 2. Beiträge des Internationalen Kolloquiums in Frankfurt am Main vom 19. bis 21.März2009. Kolloquien zur Vor- und Frühgeschichte 22,2 (Bonn 2016) 625–647.
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