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Zentrum für Baltische und Skandinavische Archäologie

Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen
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Oktober

Das Frühvölkerwanderungszeitliche Kammergrab von Poprad, Slowakei – Ein interdisziplinäres Forschungsprojekt zur Auswertung eines außergewöhnlichen Fundes

 

Das im Jahr 2006 ausgegrabene Kammergrab von Poprad-Matejovce in der Nordostslowakei wurde in einem internationalen Forschungsprojekt am ZBSA, vom 2012 bis 2015 gefördert durch die DFG, in enger Zusammenarbeit mit der Slowakischen Akademie der Wissenschaften in Nitra untersucht. Die digitale Rekonstruktion und Analyse von Grabkammern, Mobiliar und der Ausstattung in GIS und 3D-Software sowie die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit verschiedenen naturwissenschaftlichen Analyseverfahren (u. a. Dendrochronologie, C14-Datierung, Strontiumisotopenanalysen, verschiedene Verfahren zur Analyse von Textilien, aDNA, pathologische und anthropologische Analysen) in Verbindung mit archäologischen Untersuchungen der Grabkonstruktion und der Grabausstattung stellen eine zeitgemäße, detaillierte Aufarbeitung des Befundes im Rahmen des Forschungsprojektes dar.

Befund Poprad Grabkammer

Das Grab stammt aus der frühen Völkerwanderungszeit und stellt mit den beiden vollständig erhaltenen Grabkammern und dem Mobiliar einen singulären Grabfund dieser Zeit im mitteleuropäischen Barbaricum dar. Das Grab wurde wahrscheinlich nur wenige Jahrzehnte nach der Bestattung beraubt. Dabei lässt sich durch die genaue Analyse der Fundlage und der Verlagerungen von Objekten die Vorgehensweise bei der Beraubung schrittweise nachvollziehen.Poprad GIS Materialgruppen

Durch die Beraubung sind neben Keramikgefäßen nur wenige Beigaben und Teile der Tracht erhalten. Von fast größerer Bedeutung sind jedoch die hervorragend erhaltenen Objekte wie hölzernes Mobiliar, Textilien und Leder. Teile des Grabes wurden im Block entnommen und von 2008 bis 2015 unter Laborbedingungen ausgegraben. Die dabei gefundenen Textilien und Lederobjekte zeigen eine Materialgruppe, wie sie in solcher Qualität nur selten zutage tritt.Poprad Labor

Mit der Freilegung sind verschiedene naturwissenschaftliche Analysen verbunden wie Strontiumisotopenanalysen, Untersuchungen von Aminosäuren und Farbresten von Textilien, die Materialbestimmungen mittels Rasterelektronenmikroskop sowie C14-Datierungen. Die C14-Datierungen dienen auch in Kombination mit dendrochronologischen Analysen der Hölzer (der beiden Grabkammern) zur naturwissenschaftlichen Datierung des Grabes. So ist nicht nur der genaue Bestattungszeitpunkt zu bestimmen: weitere Fragen stellen sich nach der Datierung des Kammerbaus, dem Alter der Beigaben, dem Zeitpunkt der Wiederöffnung des Grabes. Erst dann kann ein genaues chronologisches Bild des Grabes mit allen verbundenen Vorgängen erstellt werden.

Äußere Kammer

Die 3,95 m x 2,70 m große Außenkammer wurde in Blockbautechnik mit Flachdach in Nord-Südausrichtung konstruiert, während die innere, sarkophag-ähnliche Kammer mit Giebeldach in einer gänzlich anderen Konstruktion aufgebaut wurde. Sie hatte eine Länge von 2,90 m und eine Breite von 1,70 m war in Blockständerbautechnik konstruiert. Besonders hervorzuheben sind jedoch die hervorragend erhaltenen Bestandteile hölzernen Mobiliars. So fand sich ehemals in der inneren Grabkammer aufgestellt ein gedrechselter runder Tisch bzw. ein Becken aus Pappelholz mit einem Durchmesser von 92 cm. Zahlreiche weitere hölzerne Objekte gehören zu einer sorgfältig gedrechselten, hölzernen Totenliege von 2 m Länge, gefertigt aus Eibe. Verschiedene Analysen des Skelettmaterials ergaben, dass es sich bei dem Toten um einen 20–25 Jahre alten Mann mit einer Körpergröße von 172 m handelt, der lokaler Herkunft und außerordentlich gut ernährt war. Die aufwändige Konstruktion der beiden Grabkammern, die erhaltenen, teilweise kostbaren Grabbeigaben und die Gold belegten Textilien sowie die sorgfältig hergestellten Möbel belegen einen herausragenden, elitären Status des Bestatteten, der kulturell mit der Nordkarpathischen Gruppe in Zusammenhang gebracht werden kann.Konstruktion

Die Ergebnisse aus dem Forschungsprojekt werden derzeit für die mehrbändige monographische Publikation vorbereitet.

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