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September

Schwerpunktprogramm Häfen - Projekt Rungholt

Geoarchäologische Untersuchungen zu Häfen des 12. und 13. Jahrhunderts entlang der Hever (Nordfriesland) ausgehend vom Handelsplatz Rungholt

 

Als Grenzbereich zwischen glazial geformter Geest, holozänen Mooren und Marschen sowie gezeiten-geprägten Wattflächen stellt die Küstenregion Nordfrieslands einen geomorphologisch hoch dynamischen Naturraum dar. Wie kaum ein anderer Küstenraum ist er seit dem mittleren Holozän und insbesondere in historischer Zeit sowohl stetigen als auch abrupten Umweltveränderungen, beispielsweise durch den steigenden Meeresspiegel und Stürme, ausgesetzt. Durch den einsetzenden Deichbau und die Gewinnung sowie Urbarmachung weiter Landflächen unterlagen die Küstenregionen Nordfrieslands etwa ab dem 11. Jh. auch großräumigen geomorphologischen Umwälzungen. Zusätzlich führte die weiträumige Bedeichung der Küste zu einer beträchtlichen Vergrößerung des Tidenhubs.

 

Bohrungen

Bohrungen: Bei Niedrigwasser werden Bohrungen durchgeführt, um Überreste des mittelalterlichen Marschlands zu erfassen.

Paläogeographische Veränderungen in Küstenregionen wirken sich insbesondere auf Hafenstandorte aus. Bereits im frühen Mittelalter (bis in das 11. Jh.) war der nordfriesische Küstenraum in ein Netz überregionaler Seehandelsbeziehungen zwischen Nord- und Ostseeraum eingebunden. Während sich frühmittelalterliche Siedlungen zumeist auf Geestrandlagen oder Warften konzentrierten, bot die großflächige Gewinnung eingedeichten Kulturlands ab dem 12. und 13. Jh. das Potential einer Etablierung neuer seewärtiger Siedlungs- aber auch Handelsstandorte an einer bis dahin schwer zugänglichen Küste.  Zwar war die Schiffbarkeit an den Geestrand reichender Gezeitenrinnen bei Niedrigwasser eingeschränkt, das auflaufende Hochwasser ermöglichte den Schiffen jedoch die Zufahrt von der Nordsee bis weit in die Küstenmarschen hinein.

 

Luftbild Rungholt

Luftaufnahme: Nur an wenigen Stellen liegen die Überreste der mittelalterlichen Kulturlandschaft an der Oberfläche frei. Meistens liegen sie unter jungen Wattsedimenten verborgen.


Während frühmittelalterliche Hafenstandorte bereits Gegenstand intensiver aktueller Forschung zu (See-)Handelsstrukturen im deutschen Nordseeraum sind, liegen für den Zeitraum flächenhafter Kulturlandgewinnung im 12. und 13. Jh. bislang nur wenige gut dokumentierte Befunde zu Hafenanlagen und/oder Seehandelsaktivitäten in Nordfriesland vor (z.B. List auf). Eine offene und bisher in der Wissenschaft wenig aufgegriffene grundsätzliche Frage ist daher jene nach der Existenz, Entwicklung und Bedeutung (über-)regionaler hochmittelalterlicher Handelshäfen im nordfriesischen Raum. Zwar existieren neben kartographischen und vereinzelt auch archäologischen Belegen insbesondere historische Daten zu (über-)regional agierenden nordfriesischen Hafenstandorten des 12. und 13. Jh.

Magnetik Rungholt

Magnetik: Unter dem Watt erhaltene Kulturspuren wie Deich, Warften oder Gräben können durch die magnetische Prospektion abgebildet werden.

Dezidierte geoarchäologische Kenntnisse zu deren Lage, Bedeutung und Einbindung in die Paläoumwelt fehlen jedoch weitestgehend. Als mögliche Ursache hierfür können die verheerenden Auswirkungen hoch- und spätmittelalterlicher Sturmfluten an der nordfriesischen Küste gesehen werden. Erreichten die Marschgebiete Nordfrieslands zu Beginn des 14. Jh. ihre maximale Ausdehnung, führten die 1. Grote Mandränke im Jahr 1362 und weitere schwere Sturmfluten zu massiven Landverlusten. Das im 12. und 13. Jh. gewonnene Kulturland und darin etablierte Siedlungen wurden in weiten Teilen wieder in tidengeprägte Wattgebiete umgewandelt und gingen verloren. Bei der Detektion und Rekonstruktion potentieller Hafenstandorte nehmen daher Flächen ehemaligen Kulturlands im Bereich heutiger Wattgebiete eine Schlüsselstellung ein. Infolge der heute eingeschränkt zugänglichen Lage im Wattenmeer und der schwierigen Arbeitsbedingungen unter Gezeiteneinfluss fanden Handelssiedlungen des 12. und 13. Jh. sowie zugehörige Hafenanlagen im Gebiet der ehemaligen nordfriesischen Marschflächen bisher kaum Berücksichtigung. Infolge der spätmittelalterlichen Landverluste besteht diesbezüglich also eine deutliche Forschungslücke.

Mit der Eindeichung großer Marschgebiete im südlichen Nordfriesland scheint auch die Gezeitenrinne des Hever-Stroms ab dem Hochmittelalter als schiffbarer Verkehrsweg und Handelsroute zwischen Nord-see, Marschen und Geest gedient zu haben. Der nordwestlich des RUNGHOLT-Projekt-Gebietes gelegene Bereich der Norderhever war bereits in den 1980er Jahren Gegenstand übergeordneter naturräumlich-historischer Untersuchungen. Die zentrale Bedeutung der Hever für die angrenzenden Gebiete kommt bis heute in vielen Ortsnamen, Flur- und Gewässerbezeichnungen zum Ausdruck. Einen engen regionalen Bezug zur Nordsee drückt schon der Begriff Hever (fries.: Meer, Wattenmeer) aus. Ein weiteres Indiz intensiver Seehandelsbeziehungen ist die im Mündungsbereich gelegene und teils aus importierten Tuffsteinen errichtete Alte Kirche Pellworms, deren ursprünglich wohl 52 m hoher Turm etwa seit dem ausgehenden 13. Jh. als markantes Seezeichen die Einfahrt in die Hever kennzeichnete. Weitere kartographische und historische Hinweise untermauern die Idee eines im Gebiet der Hever im 12. und 13. Jh. etablierten (über-)regionalen Seehandels. So verzeichnet die von MEJER (1652) für das 13. Jh. erstellte Karte Nordfrieslands neben kleineren, als Anlegestelle geeigneten Seitenarmen der Hever auch mehrere teils über Schleusensituationen angebundene Binnengewässer, die als mögliche Hafenstandorte in Frage kommen. Ebenso wie in anderen Gebieten Nordfrieslands fehlen jedoch auch hier dezidierte geoarchäologische Befunde zu Hafenstandorten und auch  -anlagen.

Das Projekt fokussiert daher drei ausgewählte potentielle Hafenstandorte entlang der als Entwicklungsachse betrachteten Hever: den Handelsort Rungholt (Hallig Südfall), die Trendermarsch (Nordstrand) sowie die Mildeburg (Mildstedt). Alle drei Standorte unterliegen zwar denselben paläogeographischen, beispielsweise durch Meeresspiegelfluktuationen bedingten Küstenveränderungen. Aufgrund der individuellen topographischen Lage sind jedoch unterschiedliche Auswirkungen zu erwarten. Die ausgewählten Hafenstandorte sind daher bestens geeignet, Aufschlüsse über die komplexe Mensch-Umwelt-Wechselwirkung an der Schnittstelle von Land und Meer zu liefern.

Das RUNGHOLT-Projekt zielt somit auf die küstengeomorphologische und geoarchäologische Erfassung und Untersuchung von Hafenanlagen des 12. und 13. Jh. n. Chr. im Gebiet der Hever (Nordfriesland) ab, für deren Lage, Nutzung und infrastrukturelle Anbindung bislang ausschließlich historische, kartographische und archäologische Hinweise vorliegen. Die Untersuchungen sollen dabei größtenteils im Bereich früherer Kulturlandschaftsräume, die heute im Wattenmeer liegen, durchgeführt werden. Im Rahmen des Projekts sollen erstmalig detaillierte geophysikalische, sedimentologische, paläogeographische und geoarchäologische Untersuchungen belastbare Belege für ausgewählte Hafenstandorte erbringen und eine Rekonstruktion der Paläoküstenlandschaft unter Berücksichtigung von Meeresspiegelveränderungen und Sturmflutereignissen im Kontext früher nordfriesischer Landgewinnungsmaßnahmen erlauben.

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