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Publikation in Scientific Reports zum SFB 1266

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Pressemitteilung der CAU Kiel

Eine groß angelegte Studie des Sonderforschungsbereichs SFB 1266 "TransformationsDimensionen – Mensch-Umwelt Interaktion in prähistorischen und archaischen Gesellschaften" an der Universität Kiel wird nun in der Zeitschrift Scientific Reports veröffentlicht. Sie zeigt, wie Rispenhirse im bronzezeitlichen Europa  (vor ca. 3500 Jahren) auf den Speisezettel rückte. Schon damals bestanden intensive Handels- und Kommunikationsnetzwerke, die eine erstaunlich schnelle Ausbreitung dieser neuen fernöstlichen Kulturpflanze ermöglichten.

Nicht nur Metalle, hierarchische Gesellschaften und befestigte Siedlungen: In der Bronzezeit spiegelt auch ein neues Lebensmittel, die Rispenhirse, ökonomische Transformationen vor ca. 3500 Jahren wider.

Archäologen finden häufig Überreste von Rispenhirse (Panicum miliaceum L.), einem Getreide mit kleinen, rundlichen Körnern. Heutzutage dominieren Weizen, Mais und Reis unser Getreidespektrum, Hirse wird hauptsächlich als Sonderfrucht für Vogelfutter wahrgenommen. Als glutenfreies Lebensmittel  erfährt dieses Getreide aktuell aber wieder wachsende Aufmerksamkeit. Es wurde im Nordosten Chinas um 6000 v. u. Z. domestiziert und schnell zu einem Grundnahrungsmittel. Die Rispenhirse ist ein trockenheitsresistentes, schnell wachsendes Getreide, das reich an Mineralien und Vitaminen ist. Mit einer Wachstumsdauer von nur 90 Tagen von der Aussaat bis zur Ernte wurde es sowohl von Landwirten als auch von Hirten angebaut und diente der Ernährung von Menschen und Vieh. Mit der Hirse im Gepäck breiteten sich pastorale Gruppen über tausende von Jahren von Ostasien nach Westen aus. Die früheste Hirse in Zentralasien stammt von archäologischen Stätten in Kasachstan, Tadschikistan, Turkmenistan und dem Kaschmir-Tal und datiert auf etwa 2500 v. u. Z.

In Europa war Rispenhirse seltsamerweise in einigen Ausgrabungen der Jungsteinzeit gefunden worden, die je nach Region zwischen 6500 und 2000 v. u. Z. datieren. Wie konnte es möglich sein, dass Hirse fast gleichzeitig in China domestiziert wurde? Weizen, Gerste und unsere Haustiere benötigten Tausende von Jahren bis sie nach ihrer Domestikation im Gebiet des fruchtbaren Halbmondes (einem Gebiet vom Persischen Golf im großen Bogen über den Norden Syriens bis nach Jordanien) nach Europa eingeführt wurden. Gab es eine besondere Beziehung nach China? Zweifel an dieser Hypothese regte eine Überprüfung der Angaben mit einigen an Körnern durchgeführten Radiokarbondatierungen (14C) im Jahr 2013. Von einem kleinen Satz "jungsteinzeitlicher" Hirsekörner datierten die ältesten Körner in das 2. Jahrtausend v. u. Z., in die Bronzezeit. Andere waren mittelalterlich oder modern. Durch Wurzelgänge und Regenwurmaktivität hatten die winzigen Körner die älteren archäologischen Schichten infiltriert. Wann die Hirse tatsächlich zum ersten Mal auftauchte und in Europa angebaut wurde, blieb unbekannt.

Eine Forschergruppe des Sonderforschungsbereichs "TransformationsDimensionen“ (SFB1266) um Wiebke Kirleis  machte sich daran, diese Frage zu beantworten. Sie erforschten nicht nur die Ausbreitung des Hirseanbaus in Europa, sondern richteten zudem das Augenmerk auf die Akzeptanz dieses exotischen Getreides in der prähistorischen Bevölkerung und schauten, welche landwirtschaftlichen und gesellschaftlichen Phänomene mit dieser Innovation verbunden waren. Da Hirse innerhalb von drei Monaten nach der Aussaat reift, kann sie zwischen der Sommerernte und der Winteraussaat von Weizen oder Gerste in Zentral- und Südeuropa als Zwischenfrucht angebaut werden. Weiter nördlich diente sie wohl als Ersatzfrucht, wenn Spätfrost die jungen Pflanzen der Hauptsaat zerstört hatte. Die Hirse ermöglichte es, einen zusätzlichen Ertrag – Surplus – zu erwirtschaften, sie erhöhte die Ernährungssicherheit und begünstigte ein stetes Bevölkerungswachstum.

In Zusammenarbeit mit fast dreißig Forschungseinrichtungen in ganz Europa, konnten die Archäobotanikerinnen Dragana Filipović und Marta Dal Corso vom Team um Wiebke Kirleis gemeinsam mit John Meadows vom Leibniz Labor für Altersbestimmung und Isotopenforschung der CAU Kiel und dem Zentrum für Baltische und Skandinavische Archäologie (ZBSA) in Schleswig Hirse von 75 prähistorischen Stätten des 6.-1. Jahrtausend v. u. Z. neu radiokarbondatieren. Die Ergebnisse, die in der Fachzeitschrift Scientific Reports open-access veröffentlicht wurden, zeigen, dass der Hirseanbau in Europa erst ca. 1500 v. u. Z. begann, dass sich die neue Feldfrucht jedoch erstaunlich rasch über weite Teile Mitteleuropas ausbreitete. Dies weist einerseits auf weitreichende Handels- und Kommunikationsnetzwerke zu dieser Zeit hin, andererseits zeigen die Untersuchungen, dass die Rispenhirse schnell und weithin als vielseitige Ergänzung zur damals von Weizen und Gerste dominierten Küche anerkannt wurde. Transformationsprozesse von Ernährungsstrategien und deren soziale Dimensionen sind ein zentrales Thema des SFB 1266. Rispenhirse breitete sich offenbar entlang etablierter Handelswege für Bronzegegenstände (u.a. Waffen), Gold und Bernstein aus. Die hochproduktive und vernetzte Welt des bronzezeitlichen Europas war aber auch eine Bühne für Konflikte. Überreste von bewaffneten Auseinandersetzungen und die zahlreichen Befestigungsanlagen legen davon Zeugnis ab. Die künftige Forschung im SFB 1266 wird untersuchen, welche gesellschaftlichen Dynamiken mit der Einführung dieses neuen Lebensmittels in dieser ausgeprägten Umbruchsperiode der europäischen Urgeschichte verbunden waren.

Mitwirkende SFB 1266 Autorinnen* sind: Dragana Filipović, John Meadows, Marta Dal Corso und SFB 1266 Co-Sprecherin Wiebke Kirleis.

Zitat:

Dragana Filipović, John Meadows, Marta Dal Corso, Wiebke Kirleis et al., 2020. New AMS 14C dates track the arrival and spread of broomcorn millet cultivation and agricultural change in prehistoric Europe. Scientific Reports. 10.1038/s41598-020-70495-z

 

https://idw-online.de/de/news752602


Weitere Informationen zum SFB 1266: TransformationsDimensionen unter

www.sfb1266.uni-kiel.de/

 

Kontakt:

Prof. Dr. Wiebke Kirleis

Institut für Ur- und Frühgeschichte

Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Johanna-Mestorf-Strasse 2-6 | D-24118 Kiel | Germany

 

Telefon: 0049 (0)431/880-3173

Mobil: 0049 (0)1522/1624264

Fax: 0049 (0)431/880-7300

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