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Zentrum für Baltische und Skandinavische Archäologie

Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen
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Dezember

Ein archäologisches Puzzle – was wir aus der Zusammensetzung von Steinartefakten lernen können


Sonja Grimm, Mara-Julia Weber, Tobias Burau, Moiken Hinrichs und Berit Valentin Eriksen

 

Am Ende der letzten Eiszeit war Norddeutschland fundamental durch die Kräfte des weichselzeitlichen Inlandgletschers geprägt (http://zbsa.eu/zbsa/publikationen/open-access-datenmaterial/epha-european-prehistoric-and-historic-atlas) und die mit dem Rückzug der Gletschermassen ausgelösten Prozesse wie die Bildung von Schmelzwasserseen und Toteislöchern formten die Landschaft weiterhin um. In diese noch im Wandel begriffenen Landschaften wanderten die ersten Jäger-Sammlergruppen vor etwa 15.000 Jahren mit Beginn der spätglazialen Warmzeit ein.

Wie diese spätpaläolithischen Menschen sich an diese Umgebung anpassten,

wie sie die instabilen Habitate nutzten und

wie dies ihre Lebensweise veränderte

wird im Projekt „Pioniere des Nordens“ (http://zbsa.eu/zbsa/forschung/projekte/projekte-mensch-und-umwelt/pioniere-des-nordens) untersucht. Das Projekt ist ein Teilprojekt des an der Universität Kiel angesiedelten Sonderforschungsbereichs SFB1266 (https://www.sfb1266.uni-kiel.de/de/teilprojekte/cluster-b/b1-pioniere-des-nordens?set_language=de), der sich mit den Dimensionen von Transformation, insbesondere in Mensch-Umwelt-Wechselwirkungen in prähistorischen und archaischen Gesellschaften beschäftigt. Um die unterschiedlichen Transformationen in den spätpaläolithischen Gemeinschaften zu untersuchen (Fig2019-1), analysieren und vergleichen wir das archäologische Fundgut in verschiedenster Weise. Zunächst haben wir einige Kernregionen in Norddeutschland ausgewählt, von denen wir bereits gut erhalten ökologische wie archäologische Archive aus dieser Zeit kannten. Dazu gehört natürlich das Ahrensburger Tunneltal (http://zbsa.eu/zbsa/forschung/projekte/kalenderarchiv/april2018/), aber auch die Region ums Liether Moor, wo der Fundplatz Klein Nordende (Kr. Pinnberg) liegt, und um Ahrenshöft (http://www.zbsa.eu/forschung/projekte/projekte-mensch-und-umwelt/ahrenshoeft/publikationsprojekt-zum-jungpalaeolithikum-in-ahrenshoeft), wo zahlreiche Inventare vom Beginn der spätglazialen Warmzeit gefunden wurden.

 

Pioniere des Nordens
Fig2019-1 Zeitliche Abfolge der paläolithischen Kulturgruppen in Norddeutschland und Dänemark im Vergleich zur Entwicklung des Klimas im nordatlantischen Klimasystem (anhand einer Sauerstoff-Isotopenkurve des grönländischen Eiskerns NorthGRIP) und der ungefähren Vegetationsentwicklung in Norddeutschland.


Archäologische Funde aus diesen Regionen werden nun im Detail von uns untersucht, insbesondere die größte Fundgruppe der Steinartefakte. Ihre Untersuchung hatte wegen der besonders guten Erhaltungsbedingungen schon immer einen wesentlichen Stellenwert in unserem Fachgebiet. Die Herangehensweisen reichen von technischen über ökonomische, soziale und kognitive Ansätze.
Beispielsweise können wir anhand des Rohmaterials, wenn es von einer räumlich begrenzten Umgebung stammt wie z.B. der rote Helgoländer Flint, eine Verbindung zwischen dem Herkunftsort des Rohmaterials und der Fundstelle ziehen. Wenn wir das oder die Stücke weiteranalysieren, sie vermessen und qualitative Charakteristika aufnehmen, können wir Aussagen darüber treffen in welcher Form es an den Fundplatz gekommen ist: Wurde eine ganze Knolle mitgebracht oder nur ein einzelnes, fertiges Gerät? Daraus können wir wiederum Rückschlüsse ziehen, wie das Artefakt an den Fundplatz kam, als Rohmaterialvorrat, der bei saisonalen Wanderungen nach Helgoland aufgesammelt wurde, oder als auszutauschender Geräteteil wie eine kaputte Pfeilspitze, die irgendwann mal, vielleicht auch als Geschenk einer anderen Gruppe in den Besitz der vor Ort lagernden Gruppe kam. So können wir anhand von Rohmaterialien etwas über die Bewegungen von Menschen in der Landschaft sagen. Doch durch die detaillierten Analysen der Stücke, wo sie gefunden wurden sowie den Versuch diese Steinartefakte wie ein großes 3D-Puzzle zusammenzusetzen, können wir noch weitere Aussagen darüber treffen, wie sich die Menschen vor Ort verhalten haben. Moiken Hinrichs untersuchte in ihrer Masterarbeit die Ahrensburger-zeitlichen Inventare vom Borneck (Ahrensburg LA 76, Kr. Stormarn) im nördlichen Ahrensburger Tunneltal. Anhand der bereits von Alfred Rust ausgegrabenen Inventare konnte sie nicht nur zeigen, wo die Steine geschlagen wurden (Fig2019-2), sondern auch, dass die vom Ausgräber postulierten „Zeltringe“ nicht mit den menschlichen Aktivitäten korrelieren. Zudem stellte sich heraus, dass es nach der Ablagerung der Artefakte am Boden zu nur wenig bis keinen Verlagerungen mehr kam. Moiken Hinrichs konnte anhand der Zusammensetzungen auch beschreiben, wie die Steinschläger der Ahrensburger Kultur am Borneck vorgegangen sind, um die Grundformen für ihre Steingeräte zu erhalten und stellte eine vergleichbare Strategie, wie wir sie von anderen Ahrensburger Inventaren kennen, fest, obwohl die Inventare auf den ersten Blick deutlich unterschiedlicher wirkten.

 

Steinartefakten aus Borneck
Fig2019-2 Zusammensetzung von Steinartefakten aus Borneck (Bild) und Lageplan der einzelnen Stücke mit Verbindungslinien zwischen den zusammenpassenden „Puzzleteilen“.


Die Einordnung des Fundmaterials in verschiedene Kulturgruppen bildete sich bereits früh in der paläolithischen Forschung heraus und basierte oft zunächst auf den unterschiedlichen Geräten, insbesondere den Steinartefakten und dabei vor allem Spitzenformen. Das regelhafte gemeinsame Vorkommen bestimmter Geräte in Inventaren sowie deren stratigraphische Herkunft führten zu einer relativen Abfolge von Gruppen zunächst in begrenzten Regionen und schließlich im überregionalen Vergleich. In Norddeutschland arbeiten wir zumeist mit fünf paläolithischen Gruppen (klassische Hamburger, Havelte, Federmesser, Bromme, Ahrensburger), von denen die ersten zwei nur geringe Unterschiede aufweisen und als zwei Varianten der Hamburger Kultur verstanden werden. Dass sich die Gruppen in Norddeutschland neben den unterschiedlichen Geräteinventaren auch durch ihre technologischen Konzepte unterschieden, zeigte bereits Sönke Hartz (1987) auf. Tobias Burau (http://zbsa.eu/zbsa/portal_memberdata/tbu) untersuchte nun in seiner Masterarbeit das Inventar der unteren Fundschicht von Klein Nordende LA 37 (Kr. Pinneberg, FIG2019-3), das den frühen Federmesser-Gruppen zugeschrieben wird. Er verglich dieses mit einem zeitlich sehr ähnlichen Inventar aus Ahrenshöft, das der Havelte Gruppe zugeordnet wird. Er konnte durch seinen Vergleich zeigen, dass die Konzepte, wie Rohknollen in Kerne zur Gewinnung von Grundformen umgeformt wurden, sich grundlegend in den beiden Inventaren unterschieden. Schon die ausgewählten Rohknollen unterschieden sich, was evtl. bereits eine gezielte Entscheidung gewesen sein könnte, da beide Fundstellen im saalezeitlichen Moränengebiet liegen, wo vergleichbare Rohknollen heute noch vorhanden sind. Jedoch liegt Ahrenshöft etwa 120 km nördlich von Klein Nordende. Nach palynologischen Analysen von Sascha Krüger (http://zbsa.eu/zbsa/portal_memberdata/skr) könnte sich zu diesem Zeitpunkt genau in diesem Zwischengebiet die Grenze zwischen zwei Ökozonen befunden haben: eine immer noch vorherrschende offene Tundrenlandschaft im Norden und ein sich ausbreitender, lichter Wald im Süden. Wanderte mit der Waldlandschaft evtl. eine neue Gruppe nach Norddeutschland ein, die ihre Steinartefakte nach ganz anderen Konzepten herstellte als die vorherigen Bewohner?

 

Rohknollen aus Klein Nordende
Fig2019-3 Zusammensetzungen von Rohknollen aus Klein Nordende. Die fehlenden Teile dieses Puzzles können ein Hinweis auf die bevorzugten Grundformen sein, die vom Fundplatz mitgenommen wurden.


Oder war es die gleiche Gruppe, die sich aber an das andere Ökotop mit einem anderen Lebenswandel anpasste? Denn nicht nur wie die Menschen jener Zeit ihre Steingeräte herstellten, auch was sie jagten und wie sie siedelten, änderte sich. In der Mitte der spätglazialen Warmzeit ist jedenfalls die Lebensweise der Havelte Gruppe vollständig aus Norddeutschland verschwunden und wir kennen nur noch die der Federmesser-Gruppen. Deren archäologische Hinterlassenschaften fanden sich zumeist in kleinen Konzentrationen von Steinartefakten, was auf sehr kurze Aufenthalte kleiner Gruppen deutet. Die wenigen organischen Hinterlassenschaften deuten darauf hin, dass Elche nun in Norddeutschland die bevorzugte Jagdbeute waren, wogegen die Jäger der Havelte Gruppe wie die der klassischen Hamburger Kultur und später auch der Ahrensburger Kultur sich vor allem auf Rentiere spezialisiert haben. In Zusammenarbeit mit Kollegen von der Landschaftsökologie und Geoinformation haben wir das, was wir meinen, über die spätpaläolithischen Jäger-Sammler-Gruppen zu wissen, versucht in die Landschaft von Schleswig-Holstein zu übertragen (Hamer et al. 2019). Da wir insgesamt sehr wenige Fundstellen für die Größe des Untersuchungsgebietes und die Dauer des Untersuchungszeitraumes haben, wurden die fünf in zwei Gruppen zusammengelegt nach den Kriterien ihrer Ökonomie und Umwelt. Das Ergebnis, wo sich nach unseren Hypothesen welche bevorzugt aufgehalten haben sollen, haben wir in einem weiteren Schritt mit den Fundstellen der verschiedenen Gruppen, die wir in Norddeutschland kennen, verglichen, um so Gebiete auszumachen, die wir in Zukunft überprüfen wollen. Darüber hinaus haben wir die Datenqualitäten und die Qualität unserer Hypothesen überprüft. Bei diesen Berechnungen zeigte sich, dass unsere Hypothesen für die Rentierjäger schon recht zutreffend sind. Tatsächlich scheint sich für diese eine Art räumliches Gedächtnis abzuzeichnen, durch das bestimmte Orte immer wieder aufgesucht wurden. Über die Jäger der Phase wachsender Bewaldung müssen wir uns dagegen noch mehr Gedanken machen, hier fehlen uns noch zu viele Puzzleteile für ein stimmiges Bild.

 

Literatur

Burau, T., 2019. Technologische Transformationen am Ende der letzten Eiszeit – Frühe Federmesser-Gruppen in Norddeutschland. Masterarbeit CAU Kiel.

Hamer, W., Knitter, D., Grimm, S.B., Serbe, B., Eriksen, B.V., Nakoinz, O., Duttmann, R., 2019. Location modelling of Final Palaeolithic sites in Northern Germany. Geosciences 9, 430. https://www.mdpi.com/2076-3263/9/10/430/htm.

Hartz, S., 1987. Neue spätpaläolithische Fundplätze bei Ahrenshöft, Kreis Nordfriesland. Offa 44, 5-52.

Hinrichs, M., 2019. Die Ahrensburger von Borneck, Kreis Stormarn – Das Erkenntnispotential von Altgrabungen am Beispiel der Inventare von Borneck-Nord und -Ost. Masterarbeit CAU Kiel.

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