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Goldgreise. Ikonographie, Datierung und Funktion der skandinavischen guldgubbar

Priv.-Doz. Dr. phil. habil. Alexandra Pesch

Analyse und Neubewertung eines zentralen nordeuropäischen Quellenmaterials mit Bildüberlieferung aus dem 1. Jahrtausend


An die dreitausend winzige Figürchen aus hauchdünnem Goldblech sind in den letzten Jahrzehnten auf archäologisch bedeutsamen Plätzen in Skandinavien gefunden worden. Sie zeigen menschliche Gestalten, Männer und Frauen, selten auch Tiere. Doch bis heute ist kein Konsens erreicht über die genaue Bedeutung der Bilddarstellungen sowie die Funktion der Bleche, und eine große zusammenfassende Publikation steht noch aus.

Im Jahr 2016 ist im ZBSA ein internationales, interdisziplinäres Forschungsprojekt ins Leben gerufen worden, das sich dem Phänomen der Goldblechfiguren und den zahlreichen mit diesen faszinierenden Stücken verbundenen Ideen und Forschungsfragen widmet. Es wird in enger Kooperation mit zahlreichen Kolleginnen und Kollegen des In- und Auslandes geplant und von Priv.-Doz. Dr. Alexandra Pesch (Schleswig) und Dr. Michaela Helmbrecht (Fa. Archäotext, München) geleitet. Ein erster Workshop mit 30 eingeladenen Spezialisten aus neun Nationen und ebenso vielen Fachbereichen hat im Oktober 2017 in Schleswig stattgefunden. Im Mittelpunkt stand hier die Ikonographie der Goldblechfiguren mit der Frage, inwieweit ihre Bilderwelt autochthon ist oder Einflüsse anderer Kulturen bzw. Bildersprachen zeigt. Nach dem Erfolg dieser Veranstaltung wird zur Zeit ein Sammelband mit den Beiträgen vorbereitet.

 Goldgreise_Hölscher

> Link zum Herunterladen des Programms von Workshop I

 
 

Ein zweiter Workshop wird zur Zeit geplant, der sich mit der Archäologie der Goldblechfiguren beschäftigen soll. Hierfür sind einige vorbereitende Forschungsreisen nötig. Anträge zur Finanzierung der Vorhaben laufen.

 

Das Gesamtprojekt verfolgt zwei Hauptziele,

1.    die Beziehung der Bilddarstellungen zur Bildkunst benachbarter Kulturen aufzuzeigen, dabei die kulturellen Verbindungen im alten Norden zu erhellen und der eigentlichen semantischen Bedeutung der Chiffren näher zu kommen, sowie
2.    die Fragen nach der nach den archäologischen Fundumständen, nach dem originalen Umfeld mit dem Zweck der Stücke und damit auch ihrer Datierung zu klären.

Leitfragen des Projekts:
•    Welche Verbindungen bestehen zwischen der Ikonographie der Goldblechfigürchen und anderen Bildersprachen des Abendlandes?
•    Wo sind die Vorbilder bzw. Anregungen zu suchen?
•    Was bedeuten die standardisierten Darstellungen, insbesondere die Attribute und Gesten?
•    Aus welchen archäologischen Befundzusammenhängen stammen sie, aus welchen nicht, ist ein generelles Muster erkennbar?
•    In welcher Zeit wurden die Goldblechfigürchen hergestellt und verwendet?
•    Wie verhält sich das Aufkommen der Goldblechfigürchen zu anderen nordischen Fundgruppen, insbesondere zu Brakteaten?
•    Warum tragen Goldblechfigürchen keine Runeninschriften?
•    Lässt sich am Aufkommen der Goldblechfigürchen eine politisch-religiöse Umwälzung ablesen bzw. die Existenz zweier verschiedener Kulte bzw. Religionen nebeneinander nachweisen?

In Zusammenführung der Erkenntnisse aus beiden Workshops sollen die ikonographischen und archäologischen Ergebnisse diskutiert werden. Es geht darum, das Phänomen der Goldblechfigürchen in gesellschaftlicher, religiöser und politischer Perspektive historisch zu verstehen.

 

Allgemeine Informationen:

Die dünnen Bleche zeigen männliche und weibliche Gestalten, einige von ihnen auch Tiere. Obwohl zur Zeit knapp 3000 Exemplare aus Dänemark, Schweden und Norwegen bekannt sind, gibt es nur wenige größere Arbeiten zu ihnen und keinen Konsens in der Forschung bezüglich ihres bildlichen Inhalts (Menschen, Götter, Allegorien?), ihrer Funktion (Votive,  Devotionalien, Tempelgeld, Opfer, Urkunden?) und dem gesellschaftlichen Hintergrund, der ihre Herstellung und Nutzung möglich machte. Nicht einmal die Datierung der Stücke ist sicher, sie schwankt von der Völkerwanderungszeit bis, einige archäologische Befunde scheinen dies nahezulegen, in die Wikingerzeit. Viele Funde stammen aus schlecht dokumentierten und unpublizierten Altgrabungen, oder sie wurden nur durch Schlemmen und Sieben aus Erdmaterial geborgen, lassen also keine stratigraphischen Zusammenhänge oder andere direkte Fundkontexte mehr erkennen.Goldgreise_Sorte Muld

Gemeinsam mit den ikonographischen und objektbezogenen Verbindungen der Goldblechfolien zu Parallelen anderer Bildersprachen läßt das Auftreten der kleinen Bleche in oft großen Mengen an ganz bestimmten Orten, von denen viele entweder als multifunktionale Zentralplätze oder auch als Kultstätten bekannt sind, vermuten, daß hier möglicherweise eine neue Form der Kultausübung, ein neuer Ritus nachweisbar ist, der sich nicht nur von den älteren skandinavischen Bräuchen unterscheidet, sondern der möglicherweise auf konkrete frühchristliche Einflüsse zurückzuführen ist, ja vielleicht sogar als Ausdruck einer Missionierung aus dem Südosten verstanden werden könnte.

Am Übergang von der Völkerwanderungs- zur Vendelzeit und weiter bis zur Wikingerzeit sind die Goldblechfigürchen grundlegend zum Verständnis des nordeuropäischen Sonderwegs im ersten Jahrtausend. Sie lassen Einblicke in die damalige Vorstellungswelt und die synthetischen Prozesse germanischer Bildkonzeption zu, sind aber offenbar auch als Spiegel von neuen Einflüssen zu verstehen, die bereits den Weg ins europäische Mittelalter einleiten.


Projektpartner bei den Workshops:

Dr. Morten Axboe, Nationalmuseet, Kopenhagen

Dr. Ing-Mari Back Danielsson, Stockholm

Dr. Jennifer Bagley, Unterhaching

Dr. Charlotte Behr, University of Roehampton, London

Dr. Ruth Blankenfeldt, ZBSA, Schleswig

Dr. Lydia Carstens, Fargau

Prof. Liv Helga Dommasnes, Bergen/N

Dr. Manuel Flecker, Antikensammlung Kiel

Prof. Dr. Axel Christoph Gampp, Universität Basel

Prof. Dr. Wilhelm Heizmann, LMU München

Dr. Bertil Helgesson, Kristianstad

Prof. Dr. Siv Kristoffersen, Arkeologisk museum Stavanger

Dr. Jan Peder Lamm, Saltsjö Boo

Dr. Kristina Lamm, Saltsjö Boo

Dr. Bente Magnus, Lidingö

Dr. Sonja Marzinzik, München

Dr. Björn Nilsson, Lund

PD Dr. habil. Sigmund Oehrl, München/Stockholm

PD Dr. Yvonne Petrina, LMU München

Dr. Marzena Przybyła, Universität Krakau

Dr. Ingunn Marit Røstad, Oslo

Dr. Mats Roslund, Lund

Marcin Rudnicki, Universität Warschau

Prof. Dr. Olof Sundqvist, Universität Stockholm

Magnus Tangen, Oslo

Prof. Dr. Ute Verstegen, Universität Erlangen-Nürnberg

Prof. Dr. Egon Wamers, Archäologisches Museum Frankfurt

Margrethe Watt, Dyssegård

Dr. Torun Zachrisson, Universität Stockholm

Dr. Kirill Myzgin, Charkiw/Warsaw

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