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HaNOA: Häfen im Nordatlantik / Harbours in the North Atlantic (800–1300 AD)

DFG Projekt SPP-Häfen, PD Dr. Natascha Mehler, Joris Coolen M.A., Prof. Dr. Claus von Carnap-Bornheim

Das Projekt »Häfen im Nordatlantik/Harbours in the North Atlantic (800–1300) (HaNoA)«, das Teil des Schwerpunktprogramms »Häfen von der Römischen Kaiserzeit bis zum Mittelalter. Zur Archäologie und Geschichte regionaler und überregionaler Verkehrssysteme« der Deutschen Forschungsgemeinschaft (SPP 1630) ist, führte 2014 zwei Feldkampagnen auf den Shetland-Inseln sowie in Grönland durch.

Die Forschungen in Shetland im Mai konzentrierten sich auf Unst, die nördlichste der Shetland-Inseln. Hier ist durch die langjährigen Forschungen des Shetland Amenity Trust und der Universität Bradford ein besonders guter Forschungsstand zur wikingerzeitlichen Besiedlung gegeben, wobei jedoch bisher keine gezielten Untersuchungen zu den zugehörigen Häfen stattfanden. Die meisten wikingerzeitlichen Langhäuser auf Unst liegen in unmittelbarer Küstennähe, so auch in den von HaNoA erforschten Siedlungen Underhoull und Sandwick. Trotz der geringen Entfernung weisen die beiden Plätze eine sehr unterschiedliche Topografie auf, welche die Problematik der Häfen im Nordatlantik deutlich vor Augen führt. Während die Bucht Lundawick bei Underhoull einen relativ geschützten natürlichen Hafen bietet, befindet sich die Siedlung von Sandwick an einem sehr exponierten, breiten Sandstrand. Zahlreiche Fischreste, die bei den Grabungen eines Langhauses aus dem 12.–13. Jh. zu Tage gefördert wurden, zeigen jedoch, dass auch die Bewohner letzterer Siedlung auf einen guten Meereszugang angewiesen waren.

In Underhoull sowie in Sandwick wurden mittels eines Drachens zahlreiche Luftbilder angefertigt, um in weiterer Folge hochauflösende Geländemodelle zu erstellen. Die Geländemodelle zeigen eine sehr reiche archäologische Landschaft mit oberflächlich sichtbaren Strukturen von der jüngeren Eisenzeit bis zur Neuzeit. Zusätzlich zu den großflächigen Geländemodellen wurden auch detaillierte Aufnahmen einzelner Strukturen, insbesondere von Bootshäusern, gemacht. Aus geoarchäologischer Sicht ist vor allem die Frage nach der Dynamik der Küstenerosion bzw. -sedimentation von Interesse. Sowohl in Sandwick als auch in Underhoull findet man heute Sandstrände und Dünen vor. Bodenprofilbeobachtungen und Computersimulationen an diesen sowie weiteren Stränden auf Unst sollen zeigen, welche Prozesse zum heutigen Erscheinungsbild geführt haben und wie die Küste in der Wikingerzeit bzw. im Mittelalter ausgesehen haben könnte.
Bei den unterwasserarchäologischen Untersuchungen in Underhoull wurde im südlichen Teil der Bucht eine über 50 m lange und mehrere Meter breite, geradlinige Ansammlung aus losen Steinen entdeckt, die auch auf Luftbildern durch den üppigen Seegrasbewuchs klar zu erkennen ist. Es handelt sich dabei um eine anthropogene Struktur, möglicherweise die Reste einer steinernen Landebrücke. Möglich ist, dass die Struktur mit dem Bau oder dem Betrieb der nahegelegenen mittelalterlichen Kirche von Lund zusammenhängt, die auch die Grabsteine zweier Hansekaufleute aus Bremen aus dem 16. Jh. enthält.

Die zweite Feldkampagne führte im August in den Süden von Grönland, wo vom 10. bis zum 15. Jh. zahlreiche Siedlungen der sog. Norse, einer eingewanderten Bevölkerungsgruppe aus vornehmlich Island und Norwegen, bestanden. Untersucht wurden die Fundplätze Qaqortukulooq (Hvalsey), Igaliku (Garðar), Igaliku Kujalleq (Undir Höfði) und Qassiarsuk (Brattahlíð). Der dreiwöchige Forschungsaufenthalt war von schönstem Wetter geprägt, was sich jedoch nachteilig auf die Drachenfotografie auswirkte. Aus diesem Grund wurden vermehrt Ruinen vom Boden aus fotografiert und dokumentiert. Besonderes Interesse galt dabei den sog. Lagerhäusern (engl. warehouses), ein nur in Grönland auftretender Gebäudetyp, der Bestandteil jedes Hafens gewesen zu sein scheint. Diese bis zu 13 m langen und 4 m breiten, in Trockenbauweise errichteten Steingebäude, stehen oft auf vom Wasser aus zugänglichen Felsvorsprüngen bzw. in unmittelbarer Nähe zu einem guten Landeplatz. Die Lagerhäuser von Igaliku sind dabei besonders beeindruckend. Die Nutzung von Lagerhäusern zur Zwischenlagerung von Tausch- und Handelswaren ist schriftlich in den zur grönländischen Besiedlung überlieferten Sagas dokumentiert.

3D-Modell einer Lagerhausruine in Igaliku, Grönland. Das Lagerhaus misst 13,5 × 4 m und wurde an den Felsen angebaut (Grafik: Ronny Weßling und Joris Coolen).

 

3D-Modell einer Lagerhausruine in Igaliku, Grönland. Das Lagerhaus misst 13,5 × 4 m und wurde an den Felsen angebaut (Grafik: Ronny Weßling und Joris Coolen).

Ein schönes Beispiel dafür, dass die Topografie und in weiterer Konsequenz die Funktionsweise mittelalterlicher Häfen nur durch interdisziplinäre Arbeit erfasst werden kann, ist der Hafen von Igaliku, dem ehemaligen Bischofssitz Garðar. Die Zusammenarbeit der Unterwasserarchäologie und der Geomorphologie ergaben, dass eine vorgelagerte Insel, auf der sich die Ruine eines Lagerhauses befindet, im Mittelalter noch mit dem Land verbunden war und eine natürliche Landebrücke gebildet haben dürfte. Um dieses Ergebnis abzusichern sind jedoch weitere, genauere Tiefenmessungen sowie eine kritische Überprüfung bestehender Modelle des holozänen Meeresspiegelanstiegs nötig.

Grönland

Blick über das Hafengebiet von Igaliku, Grönland. Auf zwei der drei vorgelagerten Inseln befinden sich Reste von mittelalterlichen Lagerhäusern. Die linke, kleine Insel, war zu dieser Zeit mit dem Festland verbunden (Foto: Ronny Weßling).

Die erste Projektphase von HaNoA wird Mitte 2015 mit einer letzten Feldkampagne in Island abgeschlossen. Ein Antrag auf Verlängerung des Projekts im Sinne einer Auswertungs- und Publikationsphase wurde bei der DFG eingereicht.

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