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Landschaft und Fauna Ost- und Mitteleuropas im Kontext von vorgeschichtlichem Kulturtransfer und sozioökonomischer Entwicklung

Daniel Groß, Harald Lübke, Ulrich Schmölcke, Elena A. Nikulina

Ein Verständnis der kulturellen Beziehungen zwischen dem östlichem und dem westlichen Ostseeraum und ihren jeweiligen Hinterländern in vor- und frühgeschichtlicher Zeit ist ohne Kenntnisder ökologischen Entwicklungen nicht möglich. In diesem Zusammenhang liegt ein Schwerpunkt der Forschungen am ZBSA auf der Auswertungen von Tierresten nach morphologischen und in ausgesuchten Fällen auch archäogenetischen Verfahren. In einem zweiten Schritt gilt es, die an verschiedenen Lokalitäten erzielten Ergebnisse in einen überregionalen Zusammenhang zu stellen. Wir wollen Parallelen und Unterschiede sowie potenzielle Beziehungen zum Ostseeraum herauszuarbeiten.

aDNA-Barcoding von mittelholozänen Pelikan-Knochen aus Nordeuropa

Seit dem Ende der letzten Eiszeit haben sich die Verbreitungsgebiete der meisten europäischen Tierarten stark verschoben. Je mehr sich das Klima dem mittelholozänen thermalen Maximum zwischen 8000 und 4000 v. Chr. näherte, desto mehr wärmebedürftige Tier- und Pflanzenarten konnten ihr Verbreitungsgebiet weit nach Norden ausdehnen. Zu den Vögeln, die im mittleren Holozän im nördlichen Mitteleuropa und auf den Britischen Inseln weit entfernt von ihrem heutigen Verbreitungsgebiet vorkamen, gehören auch Pelikane. Heute leben in Europa zwei Arten dieser Vögel, der ortstreue Krauskopfpelikan (Pelecanus crispus) und der wanderfreudige Rosapelikan (P. onocrotalus), die beide ihr Brutareal im südöstlichen Mittelmeerraum haben.

Am ZBSA haben wir erstmals alle bekannten vor- und frühgeschichtlichen Funde von Pelikanen katalogisiert, und an einem 7100 Jahre alten Knochen aus Rosenhof in Schleswig-Holstein die alte DNA untersucht. Ziel dieser Pionierarbeit von Elena Nikulina in unserem Archäogenetik-Labor war, den taxonomischen Status der mittelholozänen Pelikane Nordmitteleuropas zu klären und das nördliche Vorkommen von Pelikanen zu interpretieren.

Um Gewicht zu sparen, haben Vögel in ihren Knochen generell eine wesentlich dünnere Kompakta als Säugetiere. Dementsprechend ist damit zu rechnen, dass sich die DNA der Tiere nach Einbettung in den Boden rasch zersetzt. Überraschenderweise war die Erbsubstanz beim untersuchten Fundstück jedoch vergleichsweise gut erhalten und erlaubte die Untersuchung mehrerer verschiedener mitochondrialen Genabschnitte.

Alle Analysen erbrachten dasselbe, eindeutige Resultat: Der untersuchte Knochen stammt zweifellos von einem Krauskopfpelikan. Die Zuordnung zur viel wanderfreudigeren Art Rosapelikan oder die Präsenz einer heute ausgestorbenen dritten Pelikanart konnten definitiv ausgeschlossen werden. Vermutlich sind damit auch die übrigen vor- und frühgeschichtlichen Nachweise von Pelikanen in Nordmitteleuropa dieser Art zuzuordnen.

Krauskopfpelikan: heutige Kolonien (Sterne) und vor- und frühgeschichtliche Fundorte.

Die kartierten Funde aus archäologischen Ausgrabungen und Mooren zeigen, dass Krauskopfpelikane für eine begrenzte Zeit von England über den Norden Mitteleuropas bis nach Südskandinavien verbreitet waren, mit einem Schwerpunkt im dänischen Ostseearchipel und den angrenzenden Küsten Schwedens und Deutschlands. Allein aus dieser Region stammen 16 der insgesamt 29 prähistorischen Nachweise. Chronologisch gruppieren sich die Funde in drei verschiedene Zeitscheiben zwischen 5000 und 3000 v. Chr., um Christi Geburt sowie um etwa 1100 AD. Demnach ist von drei Einwanderungsereignissen auszugehen. Lediglich die erste Einwanderung führte zu einer dauerhafteren Präsenz der Krauskopfpelikane im Norden. Sie fällt hier mit dem nacheiszeitlichen Temperaturmaximum zusammen, und auch die zweite und die dritte Einwanderungswelle scheinen mit Perioden wärmerer und feuchterer Sommer im neuen Areal einherzugehen.

Offenbar gab es im Spätatlantikum und frühen Subboreal eine vorübergehende Arealausweitung dieser spektakulären Art. Die fast 2000 km messende Fundlücke zwischen dem mediterranen Brutareal und dem südwestlichen Ostseeraum deutet dabei auf die Existenz einer disjunkten Verbreitung. Disjunktion ist meist das Ergebnis von regionalen Bestandseinbrüchen oder Arealverlusten aufgrund von Klimaveränderungen oder dem Auftreten neuer Konkurrenzarten oder Prädatoren. Im vorliegenden Fall gibt es jedoch keine Anhaltspunkte dafür, dass das Territorium zwischen Balkan und Ostsee jemals Pelikanvorkommen aufwies. In Ermangelung anderer möglicher Ursachen ist hier vermutlich von der Verdriftung eines Trupps Krauskopfpelikane während eines Sturmereignisses auszugehen.

Weitere Informationen:

 

Die größten Fische der Nordsee: Auf den Spuren der Störe

Störe lebten viele Jahrtausende sowohl in der Nord- und Ostsee als auch in größeren und großen Flüssen wie Elbe, Eider, Oder und Weichsel. Mit über 3 m Länge und 300 kg Gewicht zählten sie zu den größten Fischen Europas. Doch trotz ihrer enormen Größe und der damit verbundenen fischereilichen Attraktivität fehlen aus der Stein- und Bronzzeit Funde dieser Fische im ZBSA-Forschungsraum fast völlig. Auch Belege für eine gezielte Nutzung dieser Art in kaiserzeitlichen bis frühmittelalterlichen Fundschichten gibt es nur vereinzelt.

Von der Römischen Kaiserzeit bis ins frühe 20. Jahrhundert hatte Störfang im Nord- und Ostseegebiet fischreiche Bedeutung (Foto: E. Mohr, 1927).

Erst seit etwa zehn Jahren ist bekannt, dass es früher in Nord- und Westeuropa nicht nur wie immer angenommen eine Störart, den Europäischen Stör, gab, sondern auch den Atlantischen Stör. Diese Art kommt in erster Linie in Nordamerika vor  und breitete sich irgendwann nach Europa aus. Einzelheiten dieses Prozesses, zum Beispiel der Zeitpunkt der Expansion, aber auch die Areale und das Verhältnis zwischen beiden Arten sind noch immer unbekannt. Im Projekt „Landschaft und Fauna Ost- und Mitteleuropas im Kontext von vorgeschichtlichem Kulturtransfer und sozioökonomischer Entwicklung“ gehen wir dieser Frage von mehreren Seiten und mit verschiedenen Methoden nach. Dazu zählen vor allem archäogenetische Analysen, aber auch eine zeitliche und räumliche Kartierung aller Störfunde sowie morphologische Untersuchungen. Eine genauere Kenntnis der Verbreitungsgeschichte von Stören im Kernarbeitsgebiet des ZBSA wird künftig dazu führen, die diachron und synchron sehr unterschiedliche wirtschaftliche Bedeutung dieser Tiere im Laufe der Geschichte fundierter interpretieren zu können.

 

Friesack 4: Tierwelt und Landschaft im Präboreal Nordmitteleuropas

Frühmesolithische Siedlungsplätze mit größeren Fundserien von organischem Material sind in der mitteleuropäischen Tiefebene selten, und entsprechend unzureichend ist der Kenntnisstand über menschliches Siedlungsverhalten und Subsistenz. Das ZBSA hat das Ziel, diese Wissenslücke zu schließen und setzt sich auf unterschiedliche Weise aktiv für die Erst- oder Neuanalyse von Funden aus dieser Zeit beteiligen. In diesem Zusammenhang zu sehen sind die 2014 abgeschlossene Dissertation von Daniel Groß über den Fundplatz Friesack 27a und die Fertigstellung eines Drittmittelantrags zur Neubearbeitung von Knochenspitzen aus Hohen Viecheln. Überdies wurde im Berichtsjahr mit der Untersuchung des quantitativ reichsten Tierknochenmaterials aus dem Frühholozän begonnen, dem Fundgut von Friesack 4.

Tierknochen aus Friesack 4

 

Insgesamt konnten aus den frühmesolithischen Schichten von Friesack 4 während der Ausgrabungen unter Leitung von B. Gramsch 1978-1989 Tierknochen in der Größenordnung von 5.000 Funden geborgen werden. Es ist dieser Zahl, dem nachgewiesenen Artenreichtum und anderen Faktoren geschuldet, dass die vollständige Analyse dieser wertvollen Funde erst mehr als zwanzig Jahre nach Ende der Grabungen abgeschlossen werden kann. Die Knochenanalyse lag zunächst in den Händen von Dr. Lothar Teichert (Brandenburgischen Landesmuseum für Ur- und Frühgeschichte, Potsdam), der auch Studien zu den Hunde-, Biber- und Vogelresten aus Friesack 4 vorlegte. Seine umfangreichen Manuskriptentwürfe, Tabellen und Messtabellen überließ er S. Hanik (Brandenburgisches Landesamt für Denkmalpflege/Archäologisches Landemuseum, Zossen), die sie seit 2006 digitalisieren ließ.  Im Zuge einer Zusammenarbeit mit dem Zweck der Vorlage des Gesamtmaterials zwischen dem Ausgräber, Prof. Bernhard Gramsch, Dr. Susanne Hanik (Landesamt Brandenburg), Prof. Nobert Benecke (DAI) und Schloss Gottorf wurden diese Unterlagen von Wolfgang Lage (ehemals ALSH) in ein Datenbankprogramm überführt und so einer zeitgemäßen Auswertung zugänglich gemacht. Die Auswertungen sollen 2015 beendet und in einer Monographie zum Fundplatz vorgelegt werden.

Friesack 4, Fundschicht aus dem Boreal. Analysen des Sterbemonats von Rothirschen, Wildschweinen und Rehen. Jeder Balken repräsentiert die Aussage eines Fundstücks. Die Grafik zeigt einen Aufenthaltsschwerpunkt im Frühsommer.

 

Biberjagd an der Ostseeküste: der Fundplatz Dąbki

Der Siedlungsplatz Dąbki lag ursprünglich auf einer sandigen Insel inmitten des heute durch großräumige Verlandung wesentlich verkleinerten Bukowo-Sees. Die Entfernung des Platzes zum Meer betrug in der Luftlinie nur etwa 500 m. Radiokarbondaten zeigen zwei Nutzungsperioden von 4900 bis 4200 v. Chr. und zwischen 3800 und 3700 v. Chr. an.

Obwohl sich der Nachweis sehr früher Viehhaltung nach aDNA-Untersuchungen fraglicher Funde nicht bestätigte, ist Dąbki fraglos ein hochinteressanter Platz. Während der ersten Okkupationsphase lag er im Grenzbereich von drei Kulturräumen, der westlichen Ertebølle-Kultur, der zentraleuropäischen Bandkeramik, und der östlichen Narva-Kultur – ohne, dass er einer dieser Kulturen eindeutig zuzuordnen wäre. Importfunde belegen ein Kontaktnetz von Rügen über den Oberlauf der Oder bis hin zum mittleren Weichselgebiet reichend – Regionen, die jeweils mehrere hundert Kilometer von Dąbki entfernt sind. In der zweiten Okkupationsphase zeigt sich ein ähnliches Bild; jetzt ist der Kontaktraum sogar bis in den zentralen Balkan ausgedehnt. Damit wächst Dąbki eine Schlüsselstellung beim Verständnis von Austauschsystemen des Spätmesolithikums und der Zeit der Neolithisierung des südlichen Ostseeraums zu. Die archäozoologischen Untersuchungen am ZBSA erbrachten zudem eine ganz außergewöhnliche Zusammensetzung der Tierknochenfunde. Tatsächlich erscheint zurzeit eine schlüssige Interpretation der Tierreste unabdingbar für das Gesamtverständnis der Funktion dieses einzigartigen Platzes.

Die Auswertung der Tierknochen ergab ein überraschendes Ergebnis, das im westlichen Ostseeraum keine Parallele hat: Addiert man Funde von Bibern, Wildkatzen, Fischottern und anderen Mardern, so stammen in Dąbki 77 % aller Knochen (47 % der Mindestindividuen) von Tierarten, die von Menschen seit jeher in erster Linie wegen ihres dichten Pelzes gejagt worden sind. Allein auf Biber entfallen 61 % der Säugetierknochen.

Haüfigkeit der Tierarten im Knochenmaterial von Dabki. Blau: Pelztiere.

Ganz sicher spielten Tierfelle also eine entscheidene Rolle für die Menschen, den Platz Dąbki aufsuchten. Wie saisonale Indikatoren an Großwildknochen belegen, lag die Nutzungszeit des Platzes ausschließlich zwischen April und Juli, in einer Zeit also, in der die Pelze der genannten Arten von niederer Qualität waren als im Winter. Wurden auf der Insel im Bukowo-See im Frühling die im Winter erbeuteten Pelztiere zusammengetragen? Kaum, denn wie die Repräsentanz der Skelettteile zeigt, gelangten in der Regel die gesamten Kadaver, nicht nur die Felle nach Dąbki. Mehr noch: Schnitt- und Hackspuren zeigen, dass die Biber auch eine Nahrungsressource darstellten.

Es liegt nahe, die ungewöhnlichen archäozoologischen Ergebnisse mit den zahlreichen Importgütern auf dem Fundplatz in Beziehung zu setzen. Wurde Dąbki über Jahrhunderte von Menschen aufgesucht, um hier – verkehrstechnisch günstig nahe an Meer, an Oder und Weichsel gelegen – Felle (und Bernstein) gegen exquisite Keramik oder Steingeräte einzutauschen?

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In Cooperation with

Projektteil Friesack 4

Prof. Dr. Bernhard Gramsch (Potsdam)

Dr. Susanne Hanik (Brandenburgisches Landesamt für Denkmalpflege)

Prof. Dr. Norbert Benecke (Deutsches Archäologisches Institut, Berlin)

Projektteil Dąbki

Prof. Dr. Jacek Kabaciński (Instytut Archeologii i Etnologii PAN, Poznan, PL)

Prof. Dr. Daniel Makowiecki und Mirosława Zabilska (Uniwersytet Torun, PL)

Prof. Dr. Thomas Terberger (Niedersächsisches Landesamt für Denkmalpflege)

Andreas Kotula M.A. (Universität Greifswald)

Dr. Sönke Hartz (Archäologisches Lndesmuseum Schleswig-Holstein).