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Post-SINCOS – Aktuelle Forschungen zur Steinzeit in der westlichen Ostsee

Harald Lübke, Ulrich Schmölcke, John Meadows

Im skandinavisch-baltischen Raum fanden im mittleren Holozän tiefgreifende Umweltveränderungen statt, die ab etwa 6000 v. Chr. in die Entstehung der heutigen Ostsee mündeten. Ein Meeresspiegelanstieg führte damals zur Überflutung der Landverbindung zwischen Zentraleuropa und Skandinavien und zum Eindringen des Weltmeers in das waldbestandene, gewässerreiche Ostseebecken. Dieser Prozess hat nicht nur die Topographie von Grund auf verändert, er wird für die Kulturentwicklung der Jäger-, Fischer- und Sammlergruppen von ähnlich großer Bedeutung gewesen sein wie die zeitgleiche Neolithisierung des binnenländischen Mitteleuropas.

Am ZBSA wird in diesem Zusammenhang der Frage nachgegangen, in welcher Weise und in welchem Umfang die mesolithischen Populationen durch Anpassung ihrer Ökonomie, ihrer Sozialstrukturen und ihrer Kommunikationsnetzwerke auf den Landschaftswandel reagierten. Diese Forschungen sind die Fortführung des 2002 bis 2009 bestehenden, von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten, interdisziplinären Forschungsunternehmens Sinking Coasts: Geosphere, Climate and Anthroposphere of the Holocene Southern Baltic Sea (SINCOS-II) (abgeschlossen), welches das Zusammenwirken klimatologischer, geologischer und ökologischer Faktoren auf kulturelle Entwicklungen im südwestlichen Ostseeraum in den Fokus nahm und mit der Vorlage des Abschlussberichtes Ende 2014 seinen Abschluss gefunden hat.

S. Hartz/H. Jöns/H. Lübke/U. Schmölcke/C. v. Carnap-Bornheim/D. Heinrich/S. Klooß/F. Lüth/S. Wolters, Prehistoric Settlements in the southwestern Baltic Sea area and development of the Regional Stone Age economy. Bericht der RGK 92, 2011 [2014], 77–210.

Unabhängig davon werden die gewonnen Datenbestände und das geborgene umfangreiche geborgene archäologische und naturwissenschaftliche Fundmaterial auch am ZBSA noch über viele Jahre weitere Detailauswertungen ermöglichen, die zusätzliche Erkenntnisse zu den Lebensbedingungen und den Umweltverhältnissen der damaligen Jäger-Fischer-Sammler-Populationen liefern.

In besonderem Maße trifft dieses auf die Wismarbucht zu, da hier nicht nur weitere Forschungsperspektiven, sondern auch denkmalpflegerische Belange von Bedeutung sind. Vor allem die im Rahmen von SINCOS nördlich der Insel Poel auf dem Jäckelberg entdeckten Fundstellen werden akut durch die geplante Ausbaggerung der Großschifffahrts-Fahrrinne zum Seehafen Wismar gefährdet. Wissenschaftler des Themenbereiches Mensch und Umwelt des ZBSA unterstützen deshalb beratend das Dezernat Archäologie des Landesamtes für Kultur und Denkmalpflege, Schwerin, als zuständige Fachbehörde bei der denkmalpflegerischen Begleitung dieser Baumaßnahme, um die negativen Auswirkungen auf diesen wissenschaftlich hoch bedeutenden Denkmalbereich möglichst weitgehend zu minimieren.

Es handelt sich hierbei um eine in 6 bis 12 m Wassertiefe erhaltene Paläolandschaft mit steinzeitlichen Fundstellen, die im Rahmen des SINCOS-Projektes während mehrerer unter Leitung des IOW durchgeführten Ausfahrten mit dem Forschungsschiff „Professor Alberecht Penck“ geoarchäologisch erkundet wurde. Von Seiten der meeresgeologischen Sektion des IOW’s wurde dabei umfangreiches technisches Gerät zum Einsatz gebracht, um ein möglichst detailliertes Bild der aktuellen Beschaffenheit des gegenwärtigen Meeresbodens zu erstellen.

Sidescan-Sonar-Vermessungen durch das Leibniz-Institut für Ostseeforschung Warnemünde

 Abb. 1: Die Vermessung des Meeresbodens mit einem Sidescan-Sonar durch das Institut für Ostseeforschung Warnemünde ist eine wichtige Voraussetzung zur Rekonstruktion der Paläolandschaft und zur Identifizierung spät- und endmesolithischer Fundstellen in der Wismarbucht (Zeichnung, Copyright: F. Tauber, IOW Warnemünde).

Besonders erfolgreich war dabei der Einsatz des Sidescansonars, da es hier gelungen ist, die Auswertungsmethodik so weit zu verfeinern, um auf den Sidescan-Aufnahmen selbst kleinste aus dem Meeresboden herausragende, aus Mudde oder Torf bestehende organogene Sedimentbänke, Baumstümpfe oder Baumstämme zu identifizieren, die anschließend durch Forschungstaucher weiter dokumentiert und beprobt werden konnten. Aufgrund dieser in unterschiedlicher Wassertiefe angetroffenen Relikte war es möglich, die wesentlich durch den weltweiten nacheiszeitlichen Meeresspiegelanstieg verursachte Veränderung der Paläolandschaft Wismarbucht von einem ursprünglich glazial angelegten, mit Eichen/Lindenmischwäldern und zahlreichen Seen ausgestatteten Flusstal zunächst in eine der Schlei vergleichbaren Förde und dann in die heute offene Bucht zu rekonstruieren.

Reliefkarte des Jäckelgrundes, äußere Wismarbucht

Abb. 2: Reliefkarte des Jäckelgrund, einer dem Jäckelberg ursprünglich vorgelagerten kleinen Insel. Die Symbole zeigen die Lage der entdeckten Fundstellen, Grabungsflächen und weitere Fundpositionen von Artefakten, Bäume und Baumstümpfe. (Digitale Zeichnung, Copyright: F. Tauber, IOW Warnemünde).

Aufbauend auf diesen Ergebnissen ist es durch gezielte Tauchprospektionen gelungen, zahlreiche neue zuvor unbekannte steinzeitliche Fundstellen zu entdecken, einzelne davon konnten auch bereits im Rahmen von Unterwasserausgrabungen ausführlicher untersucht werden. Demnach sind in mehreren Fällen nicht nur die Abfallschichten in den angrenzenden Uferzonen des eigentlichen Wohnplatzes, sondern auch das Siedlungsareal selbst unter den später aufgewachsenen und dann überfluteten Torfschichten erhalten.

Forschungstaucherin in der Wismarbucht

Abb. 3: Eine Forschungstaucherin untersucht eine über 8000 Jahre alte Feuerstelle in 12 m Wassertiefe auf der Fundstelle Jäckelberg-NNW in der Wismarbucht (Foto Harald Lübke, ZBSA; Copyright LAKD M-V).

Diese Fundstellen gehören dem 7. und 6. vorchristlichen Jahrtausend an, einem Zeithorizont, der in Norddeutschland bislang noch weitgehend unerforscht ist. Die weitere Untersuchung der spätmesolithischen Fundstellen in der äußeren Wismarbucht in Kooperation mit dem federführenden Landesamt für Kultur und Denkmalpflege, Schwerin, und dem Instituts für Ostseeforschung Warnemünde fügen sich aufgrund der gut erhaltenen Siedlungsplatzstrukturen gut in das Cluster Siedlung und Raum im Paläo- und Mesolithikum ein.

Rhombische Schiefpfeile der Fundstelle Jäckelberg-Huk

Abb. 4: Rhombische Schiefpfeile der Fundstelle Jäckelberg-Huk weisen auf die Verwandtschaft der spätmesolithischen Fundstellen in der Wismarbucht mit der frühen Kongemose-Kultur in Dänemark hin (Foto: S. Suhr, LAKD M-V; Copyright LAKD M-V).

Weitere Literatur:

S. Klooß (2015): Mit Einbaum und Paddel zum Fischfang. Holzartefakte von endmesolithischen und frühneolithischen Küstensiedlungen an der südwestlichen Ostseeküste. Untersuchungen und Materialien zur Steinzeit in Schleswig-Holstein und im Ostseeraum aus dem Archäologischen Landesmuseum und dem Zentrum für Baltische und Skandinavische Archäologie in der Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen, Band 6. Begründet von J. Hoika†. Herausgegeben von S. Hartz und H. Lübke.

H. Lübke, U. Schmölcke, F. Tauber (2011): Mesolithic Hunter-Fishers in a Changing World: a case study of submerged sites on the Jäckelberg, Wismar Bay, northeastern Germany. In: J. Benjamin, C. Bonsall, C. Pickard, A. Fischer (eds.), Submerged Prehistory, Oxbow Books (Oxford), 21-37.

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