{"id":4520,"date":"2021-04-01T00:01:05","date_gmt":"2021-03-31T22:01:05","guid":{"rendered":"https:\/\/zbsa.eu\/?p=4520"},"modified":"2021-04-06T07:28:06","modified_gmt":"2021-04-06T05:28:06","slug":"april-2021","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/zbsa.eu\/en\/april-2021\/","title":{"rendered":"April 2021"},"content":{"rendered":"<h2 class=\"wp-block-heading\">Die Totenbahre aus dem Holzkammergrab von Poprad-Matejovce im Zipser Land, Slowakei<\/h2>\n\n\n\n<p><strong>Nina Lau<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Einer der bedeutendsten arch\u00e4ologischen Funde der Slowakei, ein \u201eF\u00fcrstengrab\u201c mit h\u00f6lzernen Grabkammern und Mobiliar aus der fr\u00fchen V\u00f6lkerwanderungszeit, wird derzeit in enger slowakisch-deutscher Zusammenarbeit im Rahmen eines mehrj\u00e4hrigen Forschungsprojektes wissenschaftlich untersucht und publiziert. Das Grab von Poprad-Matejovce wurde 2006 am s\u00fcd\u00f6stlichen Fu\u00df der Hohen Tatra in der Nordostslowakei in der historischen Region Zips (heute Pre\u0161ovsk\u00fd kraj) ausgegraben. Die engen wissenschaftlichen Kontakte zwischen dem Arch\u00e4ologischen Institut der Slowakischen Akademie der Wissenschaften in Nitra und der Stiftung Schleswig-Holsteinischen Landesmuseen Schloss Gottorf in Schleswig begr\u00fcndeten daraufhin ein internationales Forschungsprojekt unter slowakisch-deutscher Leitung, an dem Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus weiteren europ\u00e4ischen L\u00e4ndern vertreten sind. Das Projekt wird unter anderem durch beide Institutionen sowie von 2012-2015 durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft finanziell unterst\u00fctzt.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"645\" src=\"https:\/\/zbsa.eu\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/abb1.jpg\" alt=\"Abb. 1 Vorl\u00e4ufige Rekonstruktion des Grundger\u00fcsts der Totenbahre (Rekonstruktion K. Pieta\/\u0160t. Hritz; Visualisierung A. Arp\u00e1\u0161, alle Arch\u00e4ologisches Institut der Slowakischen Akademie der Wissenschaften; erstellt im Rahmen der Projekte: ITMS 26220120059 und ITMS 26210120031 [Projektleiter: M. Ruttkay]).\" class=\"wp-image-4580\" srcset=\"https:\/\/zbsa.eu\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/abb1.jpg 1000w, https:\/\/zbsa.eu\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/abb1-300x194.jpg 300w, https:\/\/zbsa.eu\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/abb1-768x495.jpg 768w, https:\/\/zbsa.eu\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/abb1-16x10.jpg 16w\" sizes=\"(max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption>Abb. 1 Vorl\u00e4ufige Rekonstruktion des Grundger\u00fcsts der Totenbahre (Rekonstruktion K. Pieta\/\u0160t. Hritz; Visualisierung A. Arp\u00e1\u0161, alle Arch\u00e4ologisches Institut der Slowakischen Akademie der Wissenschaften; erstellt im Rahmen der Projekte: ITMS 26220120059 und ITMS 26210120031 [Projektleiter: M. Ruttkay]).<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Das Grab von Poprad-Matejovce, datiert in die sp\u00e4ten 370er Jahre n. Chr., zeichnet sich aus durch zwei vollst\u00e4ndig erhaltene, h\u00f6lzerne Grabkammern aus L\u00e4rchenholz (Blockbau- und St\u00e4nderbauweise; die \u00e4u\u00dfere Kammer misst 3,95 m, x 2,70 m, H\u00f6he 2 m) und h\u00f6lzernes Mobiliar sowie Reste der Ausstattung und Kleidung aus organischem Material (Textilien, Leder). Unter den Funden aus dem Kammergrab von Poprad-Matejovce aus der Slowakei (sp\u00e4te 370er Jahre n. Chr.) konnte eine h\u00f6lzerne Bahre rekonstruiert werden, mit welcher der Tote im Rahmen einer Prozession zu seiner Grablege transportiert wurde. Sowohl die einzigartige Erhaltung organischer Materialien als auch die detaillierte Dokumentation des Befundes und die Analysem\u00f6glichkeiten mittels Geographischem Informationssystem und 3D-Rekonstruktionen bieten Informationen, die \u00fcber den Erkenntnisgewinn vergleichbarer Grabfunde weit hinausgehen. So k\u00f6nnen Fundgattungen wie das Mobiliar und die Bestandteile der Kleidung und textilen Grabausstattung aufgezeigt werden, die sich in anderen Fundpl\u00e4tzen so nicht erhalten. Au\u00dferdem k\u00f6nnen exakt Handlungsabl\u00e4ufe bei der Konstruktion und Anlage des Grabes, der Bestattung selber, aber auch bei der sp\u00e4teren Beraubung nachvollzogen werden, die einen ganz neuen Einblick in einen fr\u00fchgeschichtlichen Grabfund geben, der weit \u00fcber eine rein materielle Analyse hinausgeht.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"188\" src=\"https:\/\/zbsa.eu\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Abb.-2.jpg\" alt=\"Abb. 2 Schematische Rekonstruktion der Einzelteile der Totenbahre auf Basis von Skizzen von durch \u0160tefan Hritz, Karol Pieta und Tereza \u0160tolcov\u00e1 (Arch\u00e4ologisches Institut in Nitra) und Juraj Zajonc (Institut f\u00fcr Ethnologie und Sozialanthropologie in Bratislava), alle Slowakische Akademie der Wissenschaften. Grafik: N. Lau, ZBSA.\" class=\"wp-image-4583\" srcset=\"https:\/\/zbsa.eu\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Abb.-2.jpg 1024w, https:\/\/zbsa.eu\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Abb.-2-300x55.jpg 300w, https:\/\/zbsa.eu\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Abb.-2-768x141.jpg 768w, https:\/\/zbsa.eu\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Abb.-2-16x3.jpg 16w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption>Abb. 2 Schematische Rekonstruktion der Einzelteile der Totenbahre auf Basis von Skizzen von durch \u0160tefan Hritz, Karol Pieta und Tereza \u0160tolcov\u00e1 (Arch\u00e4ologisches Institut in Nitra) und Juraj Zajonc (Institut f\u00fcr Ethnologie und Sozialanthropologie in Bratislava), alle Slowakische Akademie der Wissenschaften. Grafik: N. Lau, ZBSA.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Die Forschungen an dem Grab von Poprad sind weitgehend abgeschlossen, so dass derzeit die mehrb\u00e4ndige Monographie zum Grab vorbereitet wird. Parallel zu diesen Arbeiten wird die gro\u00dfe Ausstellung zum Grab am Podtatransk\u00e9 Muzeum in Poprad durch die dortigen Kolleg:innen und diejenigen des Arch\u00e4ologischen Instituts der Akademie der Wissenschaften in Nitra vorbereitet. In diesem Rahmen wurde durch \u0160tefan Hritz, Karol Pieta und Tereza \u0160tolcov\u00e1 vom Arch\u00e4ologischen Institut in Nitra und Juraj Zajonc vom Institut f\u00fcr Ethnologie und Sozialanthropologie in Bratislava, alle Slowakische Akademie der Wissenschaften, eine Rekonstruktion der h\u00f6lzernen Transportbahre vorgenommen (Abb. 1-2). Die Rekonstruktion zeigt eine langrechteckige Kiste mit einer L\u00e4nge von 234 cm und einer Breite von 75 cm (Au\u00dfenma\u00dfe). Die Kiste besitzt eine Deckplatte; die Bodenplatte ist nicht erhalten bzw. konnte unter dem Fundmaterial nicht identifiziert werden. Die Kiste ist durch eine Rahmenkonstruktion mittels verschiedener H\u00f6lzer nach allen Seiten verst\u00e4rkt und so f\u00fcr bei einem Transport vor dem Auseinanderbrechen gesichert: vier vertikal konstruierte Stangen sicherten die Kiste nach den Seiten ab; diese waren oben und unten durch quer liegende Bretter miteinander verbunden. Zus\u00e4tzlich waren sie im unteren Bereich der beiden Langseiten der Kiste mit jeweils einer langen Stange verbunden, die in L\u00e4ngsrichtung ausgerichtet war. Diese beiden langen Stangen wurden sekund\u00e4r verwendet; dies zeigen mehrere parallel zueinander angebrachte L\u00f6cher, die wohl darauf schlie\u00dfen lassen, dass es sich um die beiden Holme einer Anlegeleiter handelt. Offenbar wurde die Transportkiste eher provisorisch &#8211; vielleicht aufgrund von Zeitmangel durch einen unvorhersehbar eingetretenen Tod &#8211; konstruiert.<br><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/zbsa.eu\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Abb.-3.gif\" alt=\"Abb. 3: 3D-Modell des Grabes von Poprad-Matejovce mit dem Boden der \u00e4u\u00dferen sowie W\u00e4nden und Dach der inneren Grabkammer und den Bestandteilen der Totenbahre (gr\u00fcn) (GIS\/ArcScene K. G\u00f6bel; Darstellung und Grafik N. Lau, beide ZBSA).\" class=\"wp-image-4528\" width=\"600\" height=\"548\"\/><figcaption>Abb. 3: 3D-Modell des Grabes von Poprad-Matejovce mit dem Boden der \u00e4u\u00dferen sowie W\u00e4nden und Dach der inneren Grabkammer und den Bestandteilen der Totenbahre (gr\u00fcn) (GIS\/ArcScene K. G\u00f6bel; Darstellung und Grafik N. Lau, beide ZBSA).<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Nach der Fundanalyse der Einzelteile der Bahre in ArcScene (Abb. 3) zeigte sich, dass diese bei der Ausgrabung 2006 teilweise noch auf dem Dach der inneren Kammer lagen, der Gro\u00dfteil jedoch im Zuge der Grab\u00f6ffnung auf den Boden in den schmalen westlichen und \u00f6stlichen Bereichen zwischen innerer und \u00e4u\u00dferer Kammerwand gefallen war. Weitere Objekte wurden w\u00e4hrend der Baggerung 2005 vom Dach der inneren Kammer gerissen und blieben auf bereits vorher verst\u00fcrztem Sediment liegen. Insgesamt kann aus dieser Fundsituation gefolgert werden, dass die Bahre nach dem Transport der Leiche zum Grab und der Bestattung in ihre Einzelteile zerlegt und auf dem Dach der inneren Grabkammer deponiert wurde. Dass in Poprad ausnahmsweise die Organik auch in h\u00f6heren Fundschichten erhalten ist, hat zu diesem singul\u00e4ren Fund gef\u00fchrt. In keinem anderen Grab in der r\u00f6mischen Kaiserzeit oder V\u00f6lkerwanderungszeit konnte eine rekonstruierbare Transportkonstruktion f\u00fcr die Leiche nachgewiesen werden, obwohl in der Forschung davon ausgegangen wird, dass Leichenprozessionen und damit auch die Verwendung von Totenbahren regul\u00e4rer Bestandteil zumindest bestimmter Bestattungen gewesen sind. Die Quellen aus dem r\u00f6mischen Kontext sind dagegen deutlicher: Schriftquellen beschreiben Totenbahren im Zusammenhang mit Leichenprozessionen bei adligen Bestattungen (pompa funebris); diese werden erg\u00e4nzt durch &#8211; allerdings seltene &#8211; Abbildungen auf Steinreliefs, z.B. dem Relief aus dem 1. Jh. n. Chr. aus Amiternum in Italien. Dargestellt eine \u00fcberdachte Bahre, auf der sich der Tote &#8211; dargestellt als lebender Mensch &#8211; zus\u00e4tzlich auf einem Totenbett liegend von Tr\u00e4gern transportiert wird. Die Leichenprozession wird begleitet von wohl Familienmitgliedern, Musikern und weiteren Personen. Zu Leichenprozessionen im Barbaricum der r\u00f6mischen Kaiserzeit und V\u00f6lkerwanderungszeit gibt es keine weiteren Quellen, lediglich die Reste h\u00f6lzerner Transportkonstruktionen &#8211; von denen diejenige aus dem Grab von Poprad-Matejovce das weitaus am besten erhaltene und rekonstruierte St\u00fcck darstellt &#8211; zeugen von deren Existenz bei Bestattungen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Totenbahre aus dem Holzkammergrab von Poprad-Matejovce im Zipser Land, Slowakei Nina Lau Einer der bedeutendsten arch\u00e4ologischen Funde der Slowakei, ein \u201eF\u00fcrstengrab\u201c mit h\u00f6lzernen Grabkammern und Mobiliar aus der fr\u00fchen V\u00f6lkerwanderungszeit, wird derzeit in enger slowakisch-deutscher Zusammenarbeit im Rahmen eines mehrj\u00e4hrigen Forschungsprojektes wissenschaftlich untersucht und publiziert. Das Grab von Poprad-Matejovce wurde 2006 am s\u00fcd\u00f6stlichen Fu\u00df der Hohen Tatra in der Nordostslowakei in der historischen Region Zips (heute Pre\u0161ovsk\u00fd kraj) ausgegraben. Die engen wissenschaftlichen Kontakte zwischen dem Arch\u00e4ologischen Institut der Slowakischen Akademie der Wissenschaften in Nitra und der Stiftung Schleswig-Holsteinischen Landesmuseen Schloss Gottorf in Schleswig begr\u00fcndeten daraufhin ein internationales Forschungsprojekt unter slowakisch-deutscher Leitung, an dem Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus weiteren europ\u00e4ischen L\u00e4ndern vertreten sind. Das Projekt wird unter anderem durch beide Institutionen sowie von 2012-2015 durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft finanziell unterst\u00fctzt. Das Grab von Poprad-Matejovce, datiert in die sp\u00e4ten 370er Jahre n. Chr., zeichnet sich aus durch zwei vollst\u00e4ndig erhaltene, h\u00f6lzerne Grabkammern aus L\u00e4rchenholz (Blockbau- und St\u00e4nderbauweise; die \u00e4u\u00dfere Kammer misst 3,95 m, x 2,70 m, H\u00f6he 2 m) und h\u00f6lzernes Mobiliar sowie Reste der Ausstattung und Kleidung aus organischem Material (Textilien, Leder). Unter den Funden aus dem Kammergrab von Poprad-Matejovce aus der Slowakei (sp\u00e4te 370er Jahre n. Chr.) konnte eine h\u00f6lzerne Bahre rekonstruiert werden, mit welcher der Tote im Rahmen einer Prozession zu seiner Grablege transportiert wurde. Sowohl die einzigartige Erhaltung organischer Materialien als auch die detaillierte Dokumentation des Befundes und die Analysem\u00f6glichkeiten mittels Geographischem Informationssystem und 3D-Rekonstruktionen bieten Informationen, die \u00fcber den Erkenntnisgewinn vergleichbarer Grabfunde weit hinausgehen. 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Die Quellen aus dem r\u00f6mischen Kontext sind dagegen deutlicher: Schriftquellen beschreiben Totenbahren im Zusammenhang mit Leichenprozessionen bei adligen Bestattungen (pompa funebris); diese werden erg\u00e4nzt durch &#8211; allerdings seltene &#8211; Abbildungen auf Steinreliefs, z.B. dem Relief aus dem 1. Jh. n. Chr. aus Amiternum in Italien. Dargestellt eine \u00fcberdachte Bahre, auf der sich der Tote &#8211; dargestellt als lebender Mensch &#8211; zus\u00e4tzlich auf einem Totenbett liegend von Tr\u00e4gern transportiert wird. Die Leichenprozession wird begleitet von wohl Familienmitgliedern, Musikern und weiteren Personen. 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In diesem Rahmen wurde durch \u0160tefan Hritz, Karol Pieta und Tereza \u0160tolcov\u00e1 vom Arch\u00e4ologischen Institut in Nitra und Juraj Zajonc vom Institut f\u00fcr Ethnologie und Sozialanthropologie in Bratislava, alle Slowakische Akademie der Wissenschaften, eine Rekonstruktion der h\u00f6lzernen Transportbahre vorgenommen (Abb. 1-2). Die Rekonstruktion zeigt eine langrechteckige Kiste mit einer L\u00e4nge von 234 cm und einer Breite von 75 cm (Au\u00dfenma\u00dfe). Die Kiste besitzt eine Deckplatte; die Bodenplatte ist nicht erhalten bzw. konnte unter dem Fundmaterial nicht identifiziert werden. Die Kiste ist durch eine Rahmenkonstruktion mittels verschiedener H\u00f6lzer nach allen Seiten verst\u00e4rkt und so f\u00fcr bei einem Transport vor dem Auseinanderbrechen gesichert: vier vertikal konstruierte Stangen sicherten die Kiste nach den Seiten ab; diese waren oben und unten durch quer liegende Bretter miteinander verbunden. 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Das Grab von Poprad-Matejovce wurde 2006 am s\u00fcd\u00f6stlichen Fu\u00df der Hohen Tatra in der Nordostslowakei in der historischen Region Zips (heute Pre\u0161ovsk\u00fd kraj) ausgegraben. Die engen wissenschaftlichen Kontakte zwischen dem Arch\u00e4ologischen Institut der Slowakischen Akademie der Wissenschaften in Nitra und der Stiftung Schleswig-Holsteinischen Landesmuseen Schloss Gottorf in Schleswig begr\u00fcndeten daraufhin ein internationales Forschungsprojekt unter slowakisch-deutscher Leitung, an dem Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus weiteren europ\u00e4ischen L\u00e4ndern vertreten sind. Das Projekt wird unter anderem durch beide Institutionen sowie von 2012-2015 durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft finanziell unterst\u00fctzt. Das Grab von Poprad-Matejovce, datiert in die sp\u00e4ten 370er Jahre n. 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In diesem Rahmen wurde durch \u0160tefan Hritz, Karol Pieta und Tereza \u0160tolcov\u00e1 vom Arch\u00e4ologischen Institut in Nitra und Juraj Zajonc vom Institut f\u00fcr Ethnologie und Sozialanthropologie in Bratislava, alle Slowakische Akademie der Wissenschaften, eine Rekonstruktion der h\u00f6lzernen Transportbahre vorgenommen (Abb. 1-2). Die Rekonstruktion zeigt eine langrechteckige Kiste mit einer L\u00e4nge von 234 cm und einer Breite von 75 cm (Au\u00dfenma\u00dfe). Die Kiste besitzt eine Deckplatte; die Bodenplatte ist nicht erhalten bzw. konnte unter dem Fundmaterial nicht identifiziert werden. Die Kiste ist durch eine Rahmenkonstruktion mittels verschiedener H\u00f6lzer nach allen Seiten verst\u00e4rkt und so f\u00fcr bei einem Transport vor dem Auseinanderbrechen gesichert: vier vertikal konstruierte Stangen sicherten die Kiste nach den Seiten ab; diese waren oben und unten durch quer liegende Bretter miteinander verbunden. Zus\u00e4tzlich waren sie im unteren Bereich der beiden Langseiten der Kiste mit jeweils einer langen Stange verbunden, die in L\u00e4ngsrichtung ausgerichtet war. Diese beiden langen Stangen wurden sekund\u00e4r verwendet; dies zeigen mehrere parallel zueinander angebrachte L\u00f6cher, die wohl darauf schlie\u00dfen lassen, dass es sich um die beiden Holme einer Anlegeleiter handelt. Offenbar wurde die Transportkiste eher provisorisch &#8211; vielleicht aufgrund von Zeitmangel durch einen unvorhersehbar eingetretenen Tod &#8211; konstruiert. Nach der Fundanalyse der Einzelteile der Bahre in ArcScene (Abb. 3) zeigte sich, dass diese bei der Ausgrabung 2006 teilweise noch auf dem Dach der inneren Kammer lagen, der Gro\u00dfteil jedoch im Zuge der Grab\u00f6ffnung auf den Boden in den schmalen westlichen und \u00f6stlichen Bereichen zwischen innerer und \u00e4u\u00dferer Kammerwand gefallen war. 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Arp\u00e1\u0161, alle Arch\u00e4ologisches Institut der Slowakischen Akademie der Wissenschaften; erstellt im Rahmen der Projekte: ITMS 26220120059 und ITMS 26210120031 [Projektleiter: M. Ruttkay]).<\/figcaption><\/figure>\n<p><!-- \/wp:image --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>Das Grab von Poprad-Matejovce, datiert in die sp\u00e4ten 370er Jahre n. Chr., zeichnet sich aus durch zwei vollst\u00e4ndig erhaltene, h\u00f6lzerne Grabkammern aus L\u00e4rchenholz (Blockbau- und St\u00e4nderbauweise; die \u00e4u\u00dfere Kammer misst 3,95 m, x 2,70 m, H\u00f6he 2 m) und h\u00f6lzernes Mobiliar sowie Reste der Ausstattung und Kleidung aus organischem Material (Textilien, Leder). Unter den Funden aus dem Kammergrab von Poprad-Matejovce aus der Slowakei (sp\u00e4te 370er Jahre n. Chr.) konnte eine h\u00f6lzerne Bahre rekonstruiert werden, mit welcher der Tote im Rahmen einer Prozession zu seiner Grablege transportiert wurde. 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Au\u00dferdem k\u00f6nnen exakt Handlungsabl\u00e4ufe bei der Konstruktion und Anlage des Grabes, der Bestattung selber, aber auch bei der sp\u00e4teren Beraubung nachvollzogen werden, die einen ganz neuen Einblick in einen fr\u00fchgeschichtlichen Grabfund geben, der weit \u00fcber eine rein materielle Analyse hinausgeht.<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:image {\"id\":4583,\"sizeSlug\":\"large\",\"linkDestination\":\"none\"} --><\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img width=\"1024\" height=\"188\" src=\"https:\/\/zbsa.eu\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Abb.-2.jpg\" alt=\"Abb. 2 Schematische Rekonstruktion der Einzelteile der Totenbahre auf Basis von Skizzen von durch \u0160tefan Hritz, Karol Pieta und Tereza \u0160tolcov\u00e1 (Arch\u00e4ologisches Institut in Nitra) und Juraj Zajonc (Institut f\u00fcr Ethnologie und Sozialanthropologie in Bratislava), alle Slowakische Akademie der Wissenschaften. Grafik: N. 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In diesem Rahmen wurde durch \u0160tefan Hritz, Karol Pieta und Tereza \u0160tolcov\u00e1 vom Arch\u00e4ologischen Institut in Nitra und Juraj Zajonc vom Institut f\u00fcr Ethnologie und Sozialanthropologie in Bratislava, alle Slowakische Akademie der Wissenschaften, eine Rekonstruktion der h\u00f6lzernen Transportbahre vorgenommen (Abb. 1-2). Die Rekonstruktion zeigt eine langrechteckige Kiste mit einer L\u00e4nge von 234 cm und einer Breite von 75 cm (Au\u00dfenma\u00dfe). Die Kiste besitzt eine Deckplatte; die Bodenplatte ist nicht erhalten bzw. konnte unter dem Fundmaterial nicht identifiziert werden. Die Kiste ist durch eine Rahmenkonstruktion mittels verschiedener H\u00f6lzer nach allen Seiten verst\u00e4rkt und so f\u00fcr bei einem Transport vor dem Auseinanderbrechen gesichert: vier vertikal konstruierte Stangen sicherten die Kiste nach den Seiten ab; diese waren oben und unten durch quer liegende Bretter miteinander verbunden. Zus\u00e4tzlich waren sie im unteren Bereich der beiden Langseiten der Kiste mit jeweils einer langen Stange verbunden, die in L\u00e4ngsrichtung ausgerichtet war. Diese beiden langen Stangen wurden sekund\u00e4r verwendet; dies zeigen mehrere parallel zueinander angebrachte L\u00f6cher, die wohl darauf schlie\u00dfen lassen, dass es sich um die beiden Holme einer Anlegeleiter handelt. Offenbar wurde die Transportkiste eher provisorisch &#8211; vielleicht aufgrund von Zeitmangel durch einen unvorhersehbar eingetretenen Tod &#8211; konstruiert.<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:image {\"align\":\"left\",\"id\":4528,\"width\":600,\"height\":548,\"sizeSlug\":\"large\",\"linkDestination\":\"none\"} --><\/p>\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><img src=\"https:\/\/zbsa.eu\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Abb.-3.gif\" alt=\"Abb. 3: 3D-Modell des Grabes von Poprad-Matejovce mit dem Boden der \u00e4u\u00dferen sowie W\u00e4nden und Dach der inneren Grabkammer und den Bestandteilen der Totenbahre (gr\u00fcn) (GIS\/ArcScene K. G\u00f6bel; Darstellung und Grafik N. Lau, beide ZBSA).\" class=\"wp-image-4528\" width=\"600\" height=\"548\" \/><figcaption>Abb. 3: 3D-Modell des Grabes von Poprad-Matejovce mit dem Boden der \u00e4u\u00dferen sowie W\u00e4nden und Dach der inneren Grabkammer und den Bestandteilen der Totenbahre (gr\u00fcn) (GIS\/ArcScene K. G\u00f6bel; Darstellung und Grafik N. Lau, beide ZBSA).<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n<p><!-- \/wp:image --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>Nach der Fundanalyse der Einzelteile der Bahre in ArcScene (Abb. 3) zeigte sich, dass diese bei der Ausgrabung 2006 teilweise noch auf dem Dach der inneren Kammer lagen, der Gro\u00dfteil jedoch im Zuge der Grab\u00f6ffnung auf den Boden in den schmalen westlichen und \u00f6stlichen Bereichen zwischen innerer und \u00e4u\u00dferer Kammerwand gefallen war. Weitere Objekte wurden w\u00e4hrend der Baggerung 2005 vom Dach der inneren Kammer gerissen und blieben auf bereits vorher verst\u00fcrztem Sediment liegen. Insgesamt kann aus dieser Fundsituation gefolgert werden, dass die Bahre nach dem Transport der Leiche zum Grab und der Bestattung in ihre Einzelteile zerlegt und auf dem Dach der inneren Grabkammer deponiert wurde. Dass in Poprad ausnahmsweise die Organik auch in h\u00f6heren Fundschichten erhalten ist, hat zu diesem singul\u00e4ren Fund gef\u00fchrt. In keinem anderen Grab in der r\u00f6mischen Kaiserzeit oder V\u00f6lkerwanderungszeit konnte eine rekonstruierbare Transportkonstruktion f\u00fcr die Leiche nachgewiesen werden, obwohl in der Forschung davon ausgegangen wird, dass Leichenprozessionen und damit auch die Verwendung von Totenbahren regul\u00e4rer Bestandteil zumindest bestimmter Bestattungen gewesen sind. Die Quellen aus dem r\u00f6mischen Kontext sind dagegen deutlicher: Schriftquellen beschreiben Totenbahren im Zusammenhang mit Leichenprozessionen bei adligen Bestattungen (pompa funebris); diese werden erg\u00e4nzt durch &#8211; allerdings seltene &#8211; Abbildungen auf Steinreliefs, z.B. dem Relief aus dem 1. Jh. n. Chr. aus Amiternum in Italien. Dargestellt eine \u00fcberdachte Bahre, auf der sich der Tote &#8211; dargestellt als lebender Mensch &#8211; zus\u00e4tzlich auf einem Totenbett liegend von Tr\u00e4gern transportiert wird. Die Leichenprozession wird begleitet von wohl Familienmitgliedern, Musikern und weiteren Personen. Zu Leichenprozessionen im Barbaricum der r\u00f6mischen Kaiserzeit und V\u00f6lkerwanderungszeit gibt es keine weiteren Quellen, lediglich die Reste h\u00f6lzerner Transportkonstruktionen &#8211; von denen diejenige aus dem Grab von Poprad-Matejovce das weitaus am besten erhaltene und rekonstruierte St\u00fcck darstellt &#8211; zeugen von deren Existenz bei Bestattungen.<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n","comment_info":"No Comments","acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/zbsa.eu\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4520","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/zbsa.eu\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/zbsa.eu\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/zbsa.eu\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/zbsa.eu\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4520"}],"version-history":[{"count":12,"href":"https:\/\/zbsa.eu\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4520\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4586,"href":"https:\/\/zbsa.eu\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4520\/revisions\/4586"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/zbsa.eu\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4520"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/zbsa.eu\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4520"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/zbsa.eu\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4520"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}