{"id":6331,"date":"2021-04-28T09:26:27","date_gmt":"2021-04-28T07:26:27","guid":{"rendered":"https:\/\/zbsa.eu\/?p=6331"},"modified":"2021-05-18T12:14:34","modified_gmt":"2021-05-18T10:14:34","slug":"mai-2021","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/zbsa.eu\/en\/mai-2021\/","title":{"rendered":"May 2021"},"content":{"rendered":"<div data-elementor-type=\"wp-post\" data-elementor-id=\"6331\" class=\"elementor elementor-6331\" data-elementor-post-type=\"post\">\n\t\t\t\t\t\t<section data-particle_enable=\"false\" data-particle-mobile-disabled=\"false\" class=\"elementor-section elementor-top-section elementor-element elementor-element-5a6c80f elementor-section-boxed elementor-section-height-default elementor-section-height-default\" data-id=\"5a6c80f\" data-element_type=\"section\">\n\t\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-container elementor-column-gap-default\">\n\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-column elementor-col-100 elementor-top-column elementor-element elementor-element-633204c\" data-id=\"633204c\" data-element_type=\"column\">\n\t\t\t<div class=\"elementor-widget-wrap elementor-element-populated\">\n\t\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-element elementor-element-5e2fa8c elementor-widget elementor-widget-text-editor\" data-id=\"5e2fa8c\" data-element_type=\"widget\" data-widget_type=\"text-editor.default\">\n\t\t\t\t<div class=\"elementor-widget-container\">\n\t\t\t\t\t\t\t\t\t<h2>Projekt Goldgreise \/ Goldblechfiguren<\/h2><p><strong>Prof. Dr. Alexandra Pesch<\/strong><\/p>\t\t\t\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/section>\n\t\t\t\t<section data-particle_enable=\"false\" data-particle-mobile-disabled=\"false\" class=\"elementor-section elementor-top-section elementor-element elementor-element-dcfb1ee elementor-section-boxed elementor-section-height-default elementor-section-height-default\" data-id=\"dcfb1ee\" data-element_type=\"section\">\n\t\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-container elementor-column-gap-default\">\n\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-column elementor-col-100 elementor-top-column elementor-element elementor-element-0822a54\" data-id=\"0822a54\" data-element_type=\"column\">\n\t\t\t<div class=\"elementor-widget-wrap elementor-element-populated\">\n\t\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-element elementor-element-5805ce3 elementor-widget elementor-widget-text-editor\" data-id=\"5805ce3\" data-element_type=\"widget\" data-widget_type=\"text-editor.default\">\n\t\t\t\t<div class=\"elementor-widget-container\">\n\t\t\t\t\t\t\t\t\t<p><strong>Aus der Sicht einer Solidus-M\u00fcnze<\/strong><\/p><p>Das Licht der Welt erblickte ich nach einem wohlgezielten Schlag eines geschickten M\u00fcnzmeisters im Zentrum der Zivilisation, dem goldenen Konstantinopel. Strahlend lag ich da, frisch poliert, versehen mit den stolzen Zeichen des Kaisers selbst, seinem Abbild und dem Echtgoldzertifikat. Wie mich die Menschen bewunderten! Ich wanderte fortan durch mehrere H\u00e4nde, allesamt mit schweren Ringen geschm\u00fcckt und gepflegt \u2013 nicht irgendwer ber\u00fchrte mich in meiner Jugend, dieser guten alten Zeit, einer Zeit des Gl\u00fccks und der Selbstbestimmung. Immer wieder wurde ich in fein beschlagenen K\u00e4stchen zur Ruhe gebettet, in feine T\u00fccher geh\u00fcllt, umgeben von anderen, ebenso stolzen Solidi. Vollkommen und hochgesch\u00e4tzt! Aber, f\u00fcr mich v\u00f6llig unerwartet, dann kam der unfassbare Moment, der Wendepunkt in meinem Leben. Zusammen mit einigen Leidensgenossen wurde ich grob aus meiner Truhe herausgegriffen und in einen Sack gesteckt. Niemand achtete auf unsere Unversehrtheit. Lange baumelte der Sack mit anderem Zeug an einem Pferdesattel, dann in einer Satteltasche, er wurde holterdipolter durchger\u00fcttelt und geworfen, und wir hilflosen Solidi kratzten und verletzten uns dabei gegenseitig. Langsam wurde uns die schreckliche Wahrheit bewusst: Die Barbaren hatten uns erwischt. Entsetzlich! Solche wilden Halunken haben wenig \u00fcbrig f\u00fcr unseren eigentlichen Wert mit der Bedeutung unserer wunderbaren Zeichen und Bilder, hei\u00dft es, sie respektieren weder Kaiser noch Kultur, sie raffen einfach blind an sich, was sie bekommen k\u00f6nnen. Wochenlang wurden wir so r\u00fccksichtslos hin- und hergesch\u00fcttelt. Dann endlich warf uns jemand in eine kleine Holztruhe und schloss den Deckel. Es war und blieb dunkel. F\u00fcr lange Zeit. Nur ganz selten wurde der Deckel angehoben, dann erkannten wir zwei oder drei grinsende Gesichter, die sich \u00fcber uns beugten, gemein und furchterregend. Wir nahmen es hin; was sollten wir machen? Das Schlimmste stand uns aber noch bevor. Viele, viele Jahre nach unserer Entf\u00fchrung schob sich pl\u00f6tzlich eine Hand in die Kiste und griff mich heraus. Mich, von allen! Endlich wieder am Tageslicht fand ich mich gestrandet in einer traurigen H\u00fcttensiedlung, Holz und Stroh, \u00e4rmlich anmutend, ohne feste Stra\u00dfen und ganz ohne den frischen Glanz der herrlichen r\u00f6mischen Steinarchitektur, die ich gewohnt war. \u00dcberall Barbaren, geh\u00fcllt in etwas, das in meinen Augen eher Fetzen als echte Kleidung waren \u2013 und doch zum Teil beh\u00e4ngt mit Gold und dickem Schmuck, wie zum Hohn! Ich wurde in ein dunkles Haus gebracht, ein Loch, halb in der Erde, fensterlos. Barbarische Zust\u00e4nde f\u00fcrwahr. Und dann: Hefiger Schmerz, Schmerz! Ein Feuer umgab mich, hei\u00df und hei\u00dfer, angeheizt von unbarmherzigen Blaseb\u00e4lgen, ich konnte mich nicht zusammenhalten \u2013 und wurde eingeschmolzen. Brodelnd zerflossen meine Zeichen und Bilder, meine Form, und mit ihnen mein Sinn und mein ganzes altes Leben. Was dann kam, ist mir nur schemenhaft im Ged\u00e4chtnis. Klatsch, sie gossen mich in eine l\u00e4ngliche Form, wo ich in Angst erstarrte. Damit nicht genug: Jemand begann, mit einem gro\u00dfen Hammer auf mich einzuschlagen, immer und immer wieder. Schon ganz flach und m\u00fcrbe, wurde ich wieder \u00fcber das Feuer gehalten, und dann wieder und wieder geschlagen, und das alles mehrfach. Bald schnitten sie mich in Teile, das H\u00e4mmern und Schlagen ging weiter. Schlie\u00dflich war von mir nichts mehr \u00fcbrig als hauchd\u00fcnne Erinnerungen an das Gold, das ich einmal gewesen war. Diese traurigen \u00dcberreste meines Selbst brachten sie dann in ein etwas gr\u00f6\u00dferes Holzhaus mit dicken Holzpfosten, wo uns erstmal Ruhe umgab. Aber einige Zeit sp\u00e4ter kamen wei\u00dfgekleidete M\u00e4nner und Frauen. Fackeln und Fahnen wurden geschwungen: offenbar war es ein besonderer Tag. Sie murmelten seltsames Zeug, sangen auch ein bi\u00dfchen. Zwei j\u00fcngere Leute nahmen uns nach und nach auf und dr\u00fcckten uns auf Metallformen, dr\u00fcckten das Metall in uns hinein und verformten uns. Wir realisierten, dass wir mit seltsamen Linien gestempelt wurden, vielleicht Darstellungen von Menschen \u2013 diese Barbaren verstanden aber wenig davon, verglichen mit dem K\u00f6nnen der Konstantinopler K\u00fcnstler. Sie zerschnitten dann die gestempelten Bleche in rechteckige St\u00fcckchen und sammelten diese in einer Sch\u00fcssel. Da lagen wir, zerschunden, zu winzigen, fragilen Bildpl\u00e4ttchen umgewandelt. Diese Dem\u00fctigung! Diese Schande! Und worin mag der Sinn dieser komischen Pl\u00e4ttchen und ihrer Bilder bestehen? Sie taugen doch zu nichts. Kann mir das vielleicht mal jemand erkl\u00e4ren?<\/p>\t\t\t\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/section>\n\t\t\t\t<section data-particle_enable=\"false\" data-particle-mobile-disabled=\"false\" class=\"elementor-section elementor-top-section elementor-element elementor-element-6747dce elementor-section-boxed elementor-section-height-default elementor-section-height-default\" data-id=\"6747dce\" data-element_type=\"section\">\n\t\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-container elementor-column-gap-default\">\n\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-column elementor-col-100 elementor-top-column elementor-element elementor-element-7cb2bee\" data-id=\"7cb2bee\" data-element_type=\"column\">\n\t\t\t<div class=\"elementor-widget-wrap elementor-element-populated\">\n\t\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-element elementor-element-70ade6d elementor-widget elementor-widget-image\" data-id=\"70ade6d\" data-element_type=\"widget\" data-widget_type=\"image.default\">\n\t\t\t\t<div class=\"elementor-widget-container\">\n\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t<figure class=\"wp-caption\">\n\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t<img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"1300\" height=\"680\" src=\"https:\/\/zbsa.eu\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/kalenderblatt05-2021.jpg\" class=\"attachment-full size-full wp-image-6168\" alt=\"Tu-H\u00fcgel in S\u00fcdwestnorwegen\" srcset=\"https:\/\/zbsa.eu\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/kalenderblatt05-2021.jpg 1300w, https:\/\/zbsa.eu\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/kalenderblatt05-2021-300x157.jpg 300w, https:\/\/zbsa.eu\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/kalenderblatt05-2021-1024x536.jpg 1024w, https:\/\/zbsa.eu\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/kalenderblatt05-2021-768x402.jpg 768w, https:\/\/zbsa.eu\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/kalenderblatt05-2021-16x8.jpg 16w, https:\/\/zbsa.eu\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/kalenderblatt05-2021-1140x596.jpg 1140w\" sizes=\"(max-width: 1300px) 100vw, 1300px\" \/>\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t<figcaption class=\"widget-image-caption wp-caption-text\">Kalenderblatt Mai 2021: Der markante, die Landschaft J\u00e6ren in S\u00fcdwestnorwegen \u00fcberragende Tu-H\u00fcgel tr\u00e4gt verschiedene Arten eisenzeitlicher Befunde aus mehreren Jahrhunderten. Darunter sind zahlreiche Grabh\u00fcgel, Steinsetzungen und eine \u201eTunanlegg\u201c-Geb\u00e4udeformation, die f\u00fcr die Funktion des Plateaus als Tingplatz von Bedeutung gewesen sein soll. S\u00fcdlich des ber\u00fchmten, mit dem mittelalterlichen Steinkreuz geschm\u00fcckten \u201eKrosshaug\u201c-Grabes aus dem 5. Jahrhundert lagen am s\u00fcdlichen Hang weitere Grabh\u00fcgel, aus denen angeblich zw\u00f6lf Goldblechfiguren stammen. Diese winzigen, hauchd\u00fcnnen Bildpl\u00e4ttchen werden im Rahmen eines interdisziplin\u00e4ren und internationalen Projektes am ZBSA erforscht. Foto: A. Pesch, mit freundlicher Genehmigung des Historischen Museums in Bergen.<\/figcaption>\n\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t<\/figure>\n\t\t\t\t\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/section>\n\t\t\t\t<section data-particle_enable=\"false\" data-particle-mobile-disabled=\"false\" class=\"elementor-section elementor-top-section elementor-element elementor-element-c9ba083 elementor-section-boxed elementor-section-height-default elementor-section-height-default\" data-id=\"c9ba083\" data-element_type=\"section\">\n\t\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-container elementor-column-gap-default\">\n\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-column elementor-col-100 elementor-top-column elementor-element elementor-element-00b6d4f\" data-id=\"00b6d4f\" data-element_type=\"column\">\n\t\t\t<div class=\"elementor-widget-wrap elementor-element-populated\">\n\t\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-element elementor-element-8724f89 elementor-widget elementor-widget-text-editor\" data-id=\"8724f89\" data-element_type=\"widget\" data-widget_type=\"text-editor.default\">\n\t\t\t\t<div class=\"elementor-widget-container\">\n\t\t\t\t\t\t\t\t\t<p><strong>Nebenergebnisse und Seitenpfade des Projektes<\/strong><\/p><p>Das Kalenderblatt f\u00fcr Mai zeigt eine fr\u00f6hliche Kinderschar, die w\u00e4hrend eines Schulausflugs eifrig besch\u00e4ftigt ist: Sie w\u00fchlen Steine aus der Erde, w\u00e4lzen diese herum und stapeln sie freudig zu kleinen T\u00fcrmchen auf. Das Ereignis wurde im Juni 2018 auf dem idyllischen Tubakken in J\u00e6ren (S\u00fcdwestnorwegen) beobachtet. Dieser markant aufragende H\u00fcgel mit seiner weiten Aussicht ist zweifellos ein lohnendes Ausflugsziel, geradezu ein Locus amoenus. Doch an diesem Tag wurde er zum Locus delicti: Denn es sind nicht irgendwelche Steine, die in der Landschaft herumliegen, sondern es handelt es sich um wertvolle arch\u00e4ologische Zeugnisse. Durch das neue Arrangement der Steine wurde insbesondere das ber\u00fchmte \u201eKrosshaug-Grab\u201c (Magnus 1975) besch\u00e4digt, in dem in der Mitte des 5. Jahrhunderts eine Frau mit reichen Beigaben bestattet worden ist. Es liegt heute unter dem im 11. Jahrhundert dar\u00fcber errichteten Steinkreuz. Auf irgendwelche Funde wurde bei der Steinw\u00e4lz-Aktion nicht geachtet. Daher k\u00f6nnten insbesondere sehr kleine Objekte \u00fcbersehen und schlimmstenfalls zerst\u00f6rt worden sein.<\/p><p>Die M\u00f6glichkeit, auf dem auch als Tu\/Hauge bekannten Fundort auch nach den Ausgrabungen dort noch kleine arch\u00e4ologische Objekte finden zu k\u00f6nnen, ist nicht von der Hand zu weisen. Denn 16 Goldblechfiguren (siehe Foto Kalenderblatt) wurden 1897 in unmittelbarer N\u00e4he des sogenannten Tinghaugs (\u201eThing-H\u00fcgel\u201c) gefunden, welcher den h\u00f6chsten Punkt der gesamten Gegend bildet. F\u00fcr eine praktische Verwendung eigenen sich diese winzigen St\u00fccke nicht, vielmehr deuten sie auf kultische Handlungen hin oder sogar auf einen regelrechten Kultplatz. Der Tubakken tr\u00e4gt aber auch viele weitere Monumente, etwa zahlreiche gr\u00f6\u00dfere und kleinere Grabh\u00fcgel und Steinsetzungen, und nicht zuletzt eine im Gel\u00e4nde noch gut sichtbare, ovale angeordnete Formation kleiner H\u00e4user (Tunanlegg \u201eDusjane\u201c), m\u00f6glicherweise die \u00dcberreste eines saisonal genutzten Thingplatzes der Roman Iron Age. Bis zur ersten H\u00e4lfte des 6. Jahrhunderts ist der Tubakken sicherlich ein bedeutender zentraler Ort gewesen, der im Zusammenhang mit den politischen Eliten eines gr\u00f6\u00dferen Umfeldes gesehen werden muss (Kristoffersen\/Nitter\/Solheim 2014). Die Goldblechfiguren stammen aber aus der ersten H\u00e4lfte des 8. Jahrhunderts, sind also j\u00fcnger als die bisher genannten Befunde. Sie \u00fcberbr\u00fccken die Zeit zur hochmittelalterlichen Nutzung des Platzes als Versammlungsort unter dem fr\u00fchen christlichen Steinkreuz.<\/p><figure id=\"attachment_5969\" aria-describedby=\"caption-attachment-5969\" style=\"width: 1200px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-5969\" src=\"https:\/\/zbsa.eu\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/abb1-pesch-kalender-05-2021.jpg\" alt=\"Abb. 1: Historisches Foto von Goldfolienfiguren im D\u00e4nischen Nationalmuseum, von denen einige (unten links) aus Norwegen stammen und den Funden aus Tubakken \u00e4hneln. Foto: Nachlass Hauck, Schleswig.\" width=\"1200\" height=\"601\" srcset=\"https:\/\/zbsa.eu\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/abb1-pesch-kalender-05-2021.jpg 1200w, https:\/\/zbsa.eu\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/abb1-pesch-kalender-05-2021-300x150.jpg 300w, https:\/\/zbsa.eu\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/abb1-pesch-kalender-05-2021-1024x513.jpg 1024w, https:\/\/zbsa.eu\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/abb1-pesch-kalender-05-2021-768x385.jpg 768w, https:\/\/zbsa.eu\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/abb1-pesch-kalender-05-2021-16x8.jpg 16w, https:\/\/zbsa.eu\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/abb1-pesch-kalender-05-2021-1140x571.jpg 1140w\" sizes=\"(max-width: 1200px) 100vw, 1200px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-5969\" class=\"wp-caption-text\">Abb. 1: Historisches Foto von Goldfolienfiguren im D\u00e4nischen Nationalmuseum, von denen einige (unten links) aus Norwegen stammen und den Funden aus Tubakken \u00e4hneln. Foto: Nachlass Hauck, Schleswig.<\/figcaption><\/figure><p>Dass ein und derselbe Platz \u00fcber so viele Jahrhunderte Bedeutung hatte, ist nicht selbstverst\u00e4ndlich. Bei vielen anderen skandinavischen St\u00e4tten ist insbesondere im Laufe des 5. Jahrhunderts ein Kontinuit\u00e4tsbruch erkennbar: Der Wandel zwischen der V\u00f6lkerwanderungszeit und der anschlie\u00dfenden Vendelzeit wird vielerorts durch einen Siedlungsabbruch markiert sowie das Aufkommen ganz neuartiger Befunde, darunter auch Wohnformen, Objektarten und Gr\u00e4ber. Auch die Goldblechfiguren scheinen, jedenfalls in ihrem massenhaften Auftreten und den typischen Formen, eine Erfindung des sp\u00e4ten 6. Jahrhunderts zu sein. Was also bewirkte diese extremen Ver\u00e4nderungen?<\/p><p>Offenbar war das 6. Jahrhundert in Nordeuropa gepr\u00e4gt durch die Folgen einer Klimakrise. Gewaltige Vulkanausbr\u00fcche in \u00c4quatorn\u00e4he hatten mit ihren Ausw\u00fcrfen von Aschen und Schwefels\u00e4uren im Jahre 536 einen Staubschleier erzeugt, der das Sonnenlicht zum gro\u00dfen Teil verdunkelte. Dieses inzwischen weltweit gemessene und interdisziplin\u00e4r erforschte Ereignis, auch \u201eLate Antique Little Ice Age\u201c oder kurz \u201eLALIA-event\u201c genannt (B\u00fcntgen et al. 2016), hatte tiefgreifende Folgen: ausfallende Sommer, Missernten, Hungersn\u00f6te und kriegerische Auseinandersetzungen sind nicht nur naturwissenschaftlich belegt, sondern auch historisch \u00fcberliefert. Schilderungen liegen beispielsweise aus England vor, ausf\u00fchrlichere Texte aus dem Mittelmeerraum. Dort bezeugen Schriftquellen nicht nur Not und Verzweiflung, sondern auch das Aufkommen der sogenannten Justinianischen Pest, einer t\u00f6dlichen Pandemie, die wenige Jahre sp\u00e4ter unter den geschw\u00e4chten Menschen w\u00fctete und in kurzer Zeit zigtausende Opfer fand. Inzwischen wurden Pesttote in Gr\u00e4bern auch in S\u00fcddeutschland nachgewiesen, und viele weitere arch\u00e4ologische Befunde und Indizien konnten zusammengetragen werden. Heute wissen wir, dass nach den Katastrophenjahren die politischen Karten praktisch auf der ganzen Welt neu gemischt worden sind.<\/p><figure id=\"attachment_5975\" aria-describedby=\"caption-attachment-5975\" style=\"width: 225px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/zbsa.eu\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Pesch_GubberKlimakrise.jpg\"><img decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-5975\" src=\"https:\/\/zbsa.eu\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Pesch_GubberKlimakrise-225x300.jpg\" alt=\"Abb. 2: Ein Staubschleier verdeckt das Sonnenlicht. Foto: A. Pesch.\" width=\"225\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/zbsa.eu\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Pesch_GubberKlimakrise-225x300.jpg 225w, https:\/\/zbsa.eu\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Pesch_GubberKlimakrise-9x12.jpg 9w, https:\/\/zbsa.eu\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Pesch_GubberKlimakrise.jpg 576w\" sizes=\"(max-width: 225px) 100vw, 225px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-5975\" class=\"wp-caption-text\">Abb. 2: Ein Staubschleier verdeckt das Sonnenlicht. Foto: A. Pesch.<\/figcaption><\/figure><p>Auf der Nordhalbkugel und insbesondere in Nordeuropa scheinen sich die Staubschleier deutlich l\u00e4nger gehalten zu haben als im Mittelmeerraum. Welche Auswirkungen das nicht nur auf den Lebenserwerb der Menschen in der Landwirtschaft, sondern auch auf ihre religi\u00f6sen Ansichten gehabt haben mag, l\u00e4sst sich aufgrund des Fehlens dortiger Schriftquellen nur arch\u00e4ologisch erforschen. Die Ver\u00e4nderungen in den Krisenzeiten und danach sind auff\u00e4llig, der kulturelle Umbruch ist enorm und durch viele arch\u00e4ologische Zeugnisse nachgewiesen (Axboe 1999, 2001; H\u00f8ilund Nielsen 2005, 2015; Gr\u00e4slund 2007; Zachrisson 2011; L\u00f6wenborg 2012; Gr\u00e4slund\/Price 2012). Auch die Goldblechfiguren k\u00f6nnen als Zeugnisse einer neuen Religionspraxis in der Zeit nach dem Ereignis verstanden werden. Die winzigen, daf\u00fcr aber in gro\u00dfen Mengen auf bestimmten Pl\u00e4tzen hergestellten und verwendeten Bilder zeigen vermutlich vielfach Szenen aus dem Bereich der neuen Kultpraxis selbst. Mit ihrer Ikonographie, die trotz aller Neuerungen auch in der V\u00f6lkerwanderungszeit wurzelt, sind sie aber auch Zeugen eines kulturellen \u00dcberlebens der Menschen des Nordens.<\/p><p>Das ZBSA-Projekt wird sich in seiner n\u00e4chsten Phase mit den arch\u00e4ologischen Befunden und ihrer Stratigraphie aus alten und neuen Ausgrabungen befassen. Dazu geh\u00f6rt auch der Tubakken in Norwegen. Wir erhoffen uns durch Recherchen und einen f\u00fcr 2022\/23 geplanten Workshop mit internationalen geladenen Experten Antworten auf Fragen der genauen Datierung, aber auch Herstellung und vor allem der konkreten Verwendung der winzigen Bildbleche in den verschiedenen Zeiten und den Regionen ihrer Verbreitung.<\/p>\t\t\t\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/section>\n\t\t\t\t<section data-particle_enable=\"false\" data-particle-mobile-disabled=\"false\" class=\"elementor-section elementor-top-section elementor-element elementor-element-3def117 elementor-section-boxed elementor-section-height-default elementor-section-height-default\" data-id=\"3def117\" data-element_type=\"section\">\n\t\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-container elementor-column-gap-default\">\n\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-column elementor-col-100 elementor-top-column elementor-element elementor-element-b9dc080\" data-id=\"b9dc080\" data-element_type=\"column\">\n\t\t\t<div class=\"elementor-widget-wrap elementor-element-populated\">\n\t\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-element elementor-element-383ac97 elementor-widget elementor-widget-text-editor\" data-id=\"383ac97\" data-element_type=\"widget\" data-widget_type=\"text-editor.default\">\n\t\t\t\t<div class=\"elementor-widget-container\">\n\t\t\t\t\t\t\t\t\t<p><strong>Literatur<\/strong><\/p><ul><li>Axboe 1999: Morten Axboe, The Year 536 and the Scandinavian Gold Hoards. In: Medieval Archaeology XLIII, 1999, 186-188.<\/li><li>Axboe 2001: Morten Axboe, Amulet pendants and a darkened sun. In: Roman Gold and the Development of the Early Germanic Kingdoms. Aspects of technical, socio-political, socio-economic, artistic and intellectual development, A.D. I\u2013550. Symposium in Stockholm 1997, ed. Bente Magnus (KVHAA Konferencer 51). Stockholm 2001, 119-135.<\/li><li>Gr\u00e4slund 2007: Bo Gr\u00e4slund, Fimbulvintern, Ragnar\u00f6k och klimatkrisen \u00e5r 536-537 e.Kr. In: Saga och Sed 2007, 2007, S. 93-123.<\/li><li>Gr\u00e4slund\/Price 2012: Bo Gr\u00e4slund, Neil Price, Twilight of the Gods? The \u2019dust veil Event\u2019 of AD 536 in critical perspective In: Antiquity 2012, 420-442.<\/li><li>Gunn, Joel D. (ed.) 2000: The Years without Summer. Tracing A.D. 536 and its Aftermath (BAR International Series 872). Oxford 2000.<\/li><li>Gutsmidl-Sch\u00fcmann et al. 2018: Doris Gutsmidl-Sch\u00fcmann, Bernd P\u00e4ffgen, Heiner Schwarzberg, Marcel Keller, Andreas Rott, Michaela Harbeck, Digging up the plague: A diachronic comparison of aDNA confirmed plague burials and associated burial customs in Germany. In: Praehistorische Zeitschrift 92(2), 2018, 405-427.<\/li><li>H\u00f8ilund Nielsen 2005: Karen H\u00f8ilund Nielsen, \u201cThe sun was darkened by day and the moon by night\u2026 there was distress among men\u2026\u201d. In: Neue Forschungsergebnisse zur nordwesteurop\u00e4ischen Fr\u00fchgeschichte, Hg. Hans-J\u00fcrgen H\u00e4\u00dfler (= Studien zur Sachsenforschung 15). Oldenburg 2005, 247\u2013286.<\/li><li>H\u00f8ilund Nielsen 2015: Karen H\u00f8ilund Nielsen, Endzeiterwartung \u2013 expecting the End of the World. In: Neue Studien zur Sachsenforschung 5, 2015, 23-50.<\/li><li>Kristoffersen\/Nitter\/Solheim 2014: Elna Siv Kristoffersen, Marianne Nitter, Einar Solheim (Eds.), Et Akropolis p\u00e5 J\u00e6ren? Tinghaugplat\u00e5et gjennom jernalderen (AmS-Varia 55). Stavanger 2014.<\/li><li>L\u00f6wenborg 2012: Daniel L\u00f6wenborg, An Iron Age Shock Doctrine \u2013 Did the 536-7 event trigger large-scale social changes in the M\u00e4laren valley area? In: Journal of Archaeology and Ancient History (JAAH) 2012\/4, 2012, 3-29.<\/li><li>Magnus 1975: Bente Magnus, Krosshaugfunnet. Et fors\u00f8k p\u00e5 kronologisk og stilhistorisk plassering i 5. \u00e5rh. (Stavanger Museums skrifter 9). Stavanger 1975.<\/li><li>Zachrisson 2011: Torun Zachrisson, Property and Honour \u2013 Social Change in Central Sweden 20-700 AD Mirrored in the Area around Old Uppsala. In: Ark\u00e6ologi i Slesvig \u2013 Arch\u00e4ologie in Schleswig. Sonderband \u201eDet 61. Internationale Sachsensymposion 2010, Haderslev, Danmark. Neum\u00fcnster 2011, 141-156.<\/li><\/ul>\t\t\t\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/section>\n\t\t\t\t<section data-particle_enable=\"false\" data-particle-mobile-disabled=\"false\" class=\"elementor-section elementor-top-section elementor-element elementor-element-e50716c elementor-section-boxed elementor-section-height-default elementor-section-height-default\" data-id=\"e50716c\" data-element_type=\"section\">\n\t\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-container elementor-column-gap-default\">\n\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-column elementor-col-100 elementor-top-column elementor-element elementor-element-487b132\" data-id=\"487b132\" data-element_type=\"column\">\n\t\t\t<div class=\"elementor-widget-wrap elementor-element-populated\">\n\t\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-element elementor-element-6c73978 elementor-widget elementor-widget-text-editor\" data-id=\"6c73978\" data-element_type=\"widget\" data-widget_type=\"text-editor.default\">\n\t\t\t\t<div class=\"elementor-widget-container\">\n\t\t\t\t\t\t\t\t\t<p><strong>Ver\u00f6ffentlichungen zu diesem Projekt<\/strong><\/p><p>Pesch\/Helmbrecht (eds.) 2019: Gold foil figures in focus. A Scandinavian find group and related objects and images from ancient and medieval Europe. Papers presented at an international and interdisciplinary workshop organized by the Centre for Baltic and Scandinavian Archaeology (ZBSA) Schleswig, October 23rd to 25th, 2017. Advanced studies in ancient iconography 1, eds.: Alexandra Pesch, Michaela Helmbrecht (Schriften des Museums f\u00fcr Arch\u00e4ologie, Erg\u00e4nzungsreihe 14). M\u00fcnchen 2019.<\/p><p>Pesch\/Helmbrecht 2021: Alexandra Pesch, Michaela Helmbrecht, Gold foil figures as evidence for cultural surviving. In: Torun Zachrisson, Svante Fischer (eds.), Climate Change and Transformation (Neue Studien zur Sachsenforschung 69). 2021, in peer review process.<\/p><p><strong>Pdfs zum Herunterladen bzw. Links:<\/strong><\/p><p><a href=\"https:\/\/zbsa.eu\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Goldfolien-Faltblatt.pdf\">Flyer zum Buch \u201eGold foil figures in focus\u201c 2019<\/a><br \/><a href=\"https:\/\/zbsa.academia.edu\/AlexandraGPesch\">Herunterladen des Synthese-Kapitels<\/a><br \/><a href=\"https:\/\/zbsa.eu\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/csa_vol_28_2020_s309-311_price.pdf\">Buch-Rezension von Neil Price<\/a><br \/><a href=\"https:\/\/zbsa.eu\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Review_of_GFF-in-Focus.pdf\">Buch-Rezension (von Kent Otte Laursen)<\/a><\/p>\t\t\t\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/section>\n\t\t\t\t<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Projekt Goldgreise \/ Goldblechfiguren Prof. Dr. Alexandra Pesch Aus der Sicht einer Solidus-M\u00fcnze Das Licht der Welt erblickte ich nach einem wohlgezielten Schlag eines geschickten M\u00fcnzmeisters im Zentrum der Zivilisation, dem goldenen Konstantinopel. Strahlend lag ich da, frisch poliert, versehen mit den stolzen Zeichen des Kaisers selbst, seinem Abbild und dem Echtgoldzertifikat. Wie mich die Menschen bewunderten! Ich wanderte fortan durch mehrere H\u00e4nde, allesamt mit schweren Ringen geschm\u00fcckt und gepflegt \u2013 nicht irgendwer ber\u00fchrte mich in meiner Jugend, dieser guten alten Zeit, einer Zeit des Gl\u00fccks und der Selbstbestimmung. Immer wieder wurde ich in fein beschlagenen K\u00e4stchen zur Ruhe gebettet, in feine T\u00fccher geh\u00fcllt, umgeben von anderen, ebenso stolzen Solidi. Vollkommen und hochgesch\u00e4tzt! Aber, f\u00fcr mich v\u00f6llig unerwartet, dann kam der unfassbare Moment, der Wendepunkt in meinem Leben. Zusammen mit einigen Leidensgenossen wurde ich grob aus meiner Truhe herausgegriffen und in einen Sack gesteckt. Niemand achtete auf unsere Unversehrtheit. Lange baumelte der Sack mit anderem Zeug an einem Pferdesattel, dann in einer Satteltasche, er wurde holterdipolter durchger\u00fcttelt und geworfen, und wir hilflosen Solidi kratzten und verletzten uns dabei gegenseitig. Langsam wurde uns die schreckliche Wahrheit bewusst: Die Barbaren hatten uns erwischt. Entsetzlich! Solche wilden Halunken haben wenig \u00fcbrig f\u00fcr unseren eigentlichen Wert mit der Bedeutung unserer wunderbaren Zeichen und Bilder, hei\u00dft es, sie respektieren weder Kaiser noch Kultur, sie raffen einfach blind an sich, was sie bekommen k\u00f6nnen. Wochenlang wurden wir so r\u00fccksichtslos hin- und hergesch\u00fcttelt. Dann endlich warf uns jemand in eine kleine Holztruhe und schloss den Deckel. Es war und blieb dunkel. F\u00fcr lange Zeit. Nur ganz selten wurde der Deckel angehoben, dann erkannten wir zwei oder drei grinsende Gesichter, die sich \u00fcber uns beugten, gemein und furchterregend. Wir nahmen es hin; was sollten wir machen? Das Schlimmste stand uns aber noch bevor. Viele, viele Jahre nach unserer Entf\u00fchrung schob sich pl\u00f6tzlich eine Hand in die Kiste und griff mich heraus. Mich, von allen! Endlich wieder am Tageslicht fand ich mich gestrandet in einer traurigen H\u00fcttensiedlung, Holz und Stroh, \u00e4rmlich anmutend, ohne feste Stra\u00dfen und ganz ohne den frischen Glanz der herrlichen r\u00f6mischen Steinarchitektur, die ich gewohnt war. \u00dcberall Barbaren, geh\u00fcllt in etwas, das in meinen Augen eher Fetzen als echte Kleidung waren \u2013 und doch zum Teil beh\u00e4ngt mit Gold und dickem Schmuck, wie zum Hohn! Ich wurde in ein dunkles Haus gebracht, ein Loch, halb in der Erde, fensterlos. Barbarische Zust\u00e4nde f\u00fcrwahr. Und dann: Hefiger Schmerz, Schmerz! Ein Feuer umgab mich, hei\u00df und hei\u00dfer, angeheizt von unbarmherzigen Blaseb\u00e4lgen, ich konnte mich nicht zusammenhalten \u2013 und wurde eingeschmolzen. Brodelnd zerflossen meine Zeichen und Bilder, meine Form, und mit ihnen mein Sinn und mein ganzes altes Leben. Was dann kam, ist mir nur schemenhaft im Ged\u00e4chtnis. Klatsch, sie gossen mich in eine l\u00e4ngliche Form, wo ich in Angst erstarrte. Damit nicht genug: Jemand begann, mit einem gro\u00dfen Hammer auf mich einzuschlagen, immer und immer wieder. Schon ganz flach und m\u00fcrbe, wurde ich wieder \u00fcber das Feuer gehalten, und dann wieder und wieder geschlagen, und das alles mehrfach. Bald schnitten sie mich in Teile, das H\u00e4mmern und Schlagen ging weiter. Schlie\u00dflich war von mir nichts mehr \u00fcbrig als hauchd\u00fcnne Erinnerungen an das Gold, das ich einmal gewesen war. Diese traurigen \u00dcberreste meines Selbst brachten sie dann in ein etwas gr\u00f6\u00dferes Holzhaus mit dicken Holzpfosten, wo uns erstmal Ruhe umgab. Aber einige Zeit sp\u00e4ter kamen wei\u00dfgekleidete M\u00e4nner und Frauen. Fackeln und Fahnen wurden geschwungen: offenbar war es ein besonderer Tag. Sie murmelten seltsames Zeug, sangen auch ein bi\u00dfchen. Zwei j\u00fcngere Leute nahmen uns nach und nach auf und dr\u00fcckten uns auf Metallformen, dr\u00fcckten das Metall in uns hinein und verformten uns. Wir realisierten, dass wir mit seltsamen Linien gestempelt wurden, vielleicht Darstellungen von Menschen \u2013 diese Barbaren verstanden aber wenig davon, verglichen mit dem K\u00f6nnen der Konstantinopler K\u00fcnstler. Sie zerschnitten dann die gestempelten Bleche in rechteckige St\u00fcckchen und sammelten diese in einer Sch\u00fcssel. Da lagen wir, zerschunden, zu winzigen, fragilen Bildpl\u00e4ttchen umgewandelt. Diese Dem\u00fctigung! Diese Schande! Und worin mag der Sinn dieser komischen Pl\u00e4ttchen und ihrer Bilder bestehen? Sie taugen doch zu nichts. Kann mir das vielleicht mal jemand erkl\u00e4ren? Kalenderblatt Mai 2021: Der markante, die Landschaft J\u00e6ren in S\u00fcdwestnorwegen \u00fcberragende Tu-H\u00fcgel tr\u00e4gt verschiedene Arten eisenzeitlicher Befunde aus mehreren Jahrhunderten. Darunter sind zahlreiche Grabh\u00fcgel, Steinsetzungen und eine \u201eTunanlegg\u201c-Geb\u00e4udeformation, die f\u00fcr die Funktion des Plateaus als Tingplatz von Bedeutung gewesen sein soll. S\u00fcdlich des ber\u00fchmten, mit dem mittelalterlichen Steinkreuz geschm\u00fcckten \u201eKrosshaug\u201c-Grabes aus dem 5. Jahrhundert lagen am s\u00fcdlichen Hang weitere Grabh\u00fcgel, aus denen angeblich zw\u00f6lf Goldblechfiguren stammen. Diese winzigen, hauchd\u00fcnnen Bildpl\u00e4ttchen werden im Rahmen eines interdisziplin\u00e4ren und internationalen Projektes am ZBSA erforscht. Foto: A. Pesch, mit freundlicher Genehmigung des Historischen Museums in Bergen. Nebenergebnisse und Seitenpfade des Projektes Das Kalenderblatt f\u00fcr Mai zeigt eine fr\u00f6hliche Kinderschar, die w\u00e4hrend eines Schulausflugs eifrig besch\u00e4ftigt ist: Sie w\u00fchlen Steine aus der Erde, w\u00e4lzen diese herum und stapeln sie freudig zu kleinen T\u00fcrmchen auf. Das Ereignis wurde im Juni 2018 auf dem idyllischen Tubakken in J\u00e6ren (S\u00fcdwestnorwegen) beobachtet. Dieser markant aufragende H\u00fcgel mit seiner weiten Aussicht ist zweifellos ein lohnendes Ausflugsziel, geradezu ein Locus amoenus. Doch an diesem Tag wurde er zum Locus delicti: Denn es sind nicht irgendwelche Steine, die in der Landschaft herumliegen, sondern es handelt es sich um wertvolle arch\u00e4ologische Zeugnisse. Durch das neue Arrangement der Steine wurde insbesondere das ber\u00fchmte \u201eKrosshaug-Grab\u201c (Magnus 1975) besch\u00e4digt, in dem in der Mitte des 5. Jahrhunderts eine Frau mit reichen Beigaben bestattet worden ist. Es liegt heute unter dem im 11. Jahrhundert dar\u00fcber errichteten Steinkreuz. Auf irgendwelche Funde wurde bei der Steinw\u00e4lz-Aktion nicht geachtet. Daher k\u00f6nnten insbesondere sehr kleine Objekte \u00fcbersehen und schlimmstenfalls zerst\u00f6rt worden sein. Die M\u00f6glichkeit, auf dem auch als Tu\/Hauge bekannten Fundort auch nach den Ausgrabungen dort noch kleine arch\u00e4ologische Objekte finden zu k\u00f6nnen, ist nicht von der Hand zu weisen. Denn 16 Goldblechfiguren (siehe Foto Kalenderblatt) wurden 1897 in unmittelbarer N\u00e4he des sogenannten Tinghaugs (\u201eThing-H\u00fcgel\u201c) gefunden, welcher den h\u00f6chsten Punkt der gesamten Gegend bildet. F\u00fcr eine praktische Verwendung eigenen sich diese winzigen St\u00fccke nicht, vielmehr deuten sie auf kultische Handlungen hin oder sogar auf einen regelrechten Kultplatz. Der Tubakken tr\u00e4gt aber auch viele weitere Monumente, etwa zahlreiche gr\u00f6\u00dfere und kleinere Grabh\u00fcgel und Steinsetzungen, und nicht zuletzt eine im Gel\u00e4nde noch gut sichtbare, ovale angeordnete Formation kleiner H\u00e4user (Tunanlegg \u201eDusjane\u201c), m\u00f6glicherweise die \u00dcberreste eines saisonal genutzten Thingplatzes der Roman Iron Age. Bis zur ersten H\u00e4lfte des 6. Jahrhunderts ist der Tubakken sicherlich ein bedeutender zentraler Ort gewesen, der im Zusammenhang mit den politischen Eliten eines gr\u00f6\u00dferen Umfeldes gesehen werden muss (Kristoffersen\/Nitter\/Solheim 2014). Die Goldblechfiguren stammen aber aus der ersten H\u00e4lfte des 8. Jahrhunderts, sind also j\u00fcnger als die bisher genannten Befunde. Sie \u00fcberbr\u00fccken die Zeit zur hochmittelalterlichen Nutzung des Platzes als Versammlungsort unter dem fr\u00fchen christlichen Steinkreuz. Dass ein und derselbe Platz \u00fcber so viele Jahrhunderte Bedeutung hatte, ist nicht selbstverst\u00e4ndlich. Bei vielen anderen skandinavischen St\u00e4tten ist insbesondere im Laufe des 5. Jahrhunderts ein Kontinuit\u00e4tsbruch erkennbar: Der Wandel zwischen der V\u00f6lkerwanderungszeit und der anschlie\u00dfenden Vendelzeit wird vielerorts durch einen Siedlungsabbruch markiert sowie das Aufkommen ganz neuartiger Befunde, darunter auch Wohnformen, Objektarten und Gr\u00e4ber. Auch die Goldblechfiguren scheinen, jedenfalls in ihrem massenhaften Auftreten und den typischen Formen, eine Erfindung des sp\u00e4ten 6. Jahrhunderts zu sein. Was also bewirkte diese extremen Ver\u00e4nderungen? Offenbar war das 6. Jahrhundert in Nordeuropa gepr\u00e4gt durch die Folgen einer Klimakrise. Gewaltige Vulkanausbr\u00fcche in \u00c4quatorn\u00e4he hatten mit ihren Ausw\u00fcrfen von Aschen und Schwefels\u00e4uren im Jahre 536 einen Staubschleier erzeugt, der das Sonnenlicht zum gro\u00dfen Teil verdunkelte. Dieses inzwischen weltweit gemessene und interdisziplin\u00e4r erforschte Ereignis, auch \u201eLate Antique Little Ice Age\u201c oder kurz \u201eLALIA-event\u201c genannt (B\u00fcntgen et al. 2016), hatte tiefgreifende Folgen: ausfallende Sommer, Missernten, Hungersn\u00f6te und kriegerische Auseinandersetzungen sind nicht nur naturwissenschaftlich belegt, sondern auch historisch \u00fcberliefert. Schilderungen liegen beispielsweise aus England vor, ausf\u00fchrlichere Texte aus dem Mittelmeerraum. Dort bezeugen Schriftquellen nicht nur Not und Verzweiflung, sondern auch das Aufkommen der sogenannten Justinianischen Pest, einer t\u00f6dlichen Pandemie, die wenige Jahre sp\u00e4ter unter den geschw\u00e4chten Menschen w\u00fctete und in kurzer Zeit zigtausende Opfer fand. Inzwischen wurden Pesttote in Gr\u00e4bern auch in S\u00fcddeutschland nachgewiesen, und viele weitere arch\u00e4ologische Befunde und Indizien konnten zusammengetragen werden. Heute wissen wir, dass nach den Katastrophenjahren die politischen Karten praktisch auf der ganzen Welt neu gemischt worden sind. Auf der Nordhalbkugel und insbesondere in Nordeuropa scheinen sich die Staubschleier deutlich l\u00e4nger gehalten zu haben als im Mittelmeerraum. Welche Auswirkungen das nicht nur auf den Lebenserwerb der Menschen in der Landwirtschaft, sondern auch auf ihre religi\u00f6sen Ansichten gehabt haben mag, l\u00e4sst sich aufgrund des Fehlens dortiger Schriftquellen nur arch\u00e4ologisch erforschen. Die Ver\u00e4nderungen in den Krisenzeiten und danach sind auff\u00e4llig, der kulturelle Umbruch ist enorm und durch viele arch\u00e4ologische Zeugnisse nachgewiesen (Axboe 1999, 2001; H\u00f8ilund Nielsen 2005, 2015; Gr\u00e4slund 2007; Zachrisson 2011; L\u00f6wenborg 2012; Gr\u00e4slund\/Price 2012). Auch die Goldblechfiguren k\u00f6nnen als Zeugnisse einer neuen Religionspraxis in der Zeit nach dem Ereignis verstanden werden. Die winzigen, daf\u00fcr aber in gro\u00dfen Mengen auf bestimmten Pl\u00e4tzen hergestellten und verwendeten Bilder zeigen vermutlich vielfach Szenen aus dem Bereich der neuen Kultpraxis selbst. Mit ihrer Ikonographie, die trotz aller Neuerungen auch in der V\u00f6lkerwanderungszeit wurzelt, sind sie aber auch Zeugen eines kulturellen \u00dcberlebens der Menschen des Nordens. Das ZBSA-Projekt wird sich in seiner n\u00e4chsten Phase mit den arch\u00e4ologischen Befunden und ihrer Stratigraphie aus alten und neuen Ausgrabungen befassen. Dazu geh\u00f6rt auch der Tubakken in Norwegen. Wir erhoffen uns durch Recherchen und einen f\u00fcr 2022\/23 geplanten Workshop mit internationalen geladenen Experten Antworten auf Fragen der genauen Datierung, aber auch Herstellung und vor allem der konkreten Verwendung der winzigen Bildbleche in den verschiedenen Zeiten und den Regionen ihrer Verbreitung. Literatur Axboe 1999: Morten Axboe, The Year 536 and the Scandinavian Gold Hoards. In: Medieval Archaeology XLIII, 1999, 186-188. Axboe 2001: Morten Axboe, Amulet pendants and a darkened sun. In: Roman Gold and the Development of the Early Germanic Kingdoms. Aspects of technical, socio-political, socio-economic, artistic and intellectual development, A.D. I\u2013550. Symposium in Stockholm 1997, ed. Bente Magnus (KVHAA Konferencer 51). Stockholm 2001, 119-135. Gr\u00e4slund 2007: Bo Gr\u00e4slund, Fimbulvintern, Ragnar\u00f6k och klimatkrisen \u00e5r 536-537 e.Kr. In: Saga och Sed 2007, 2007, S. 93-123. Gr\u00e4slund\/Price 2012: Bo Gr\u00e4slund, Neil Price, Twilight of the Gods? The \u2019dust veil Event\u2019 of AD 536 in critical perspective In: Antiquity 2012, 420-442. Gunn, Joel D. (ed.) 2000: The Years without Summer. Tracing A.D. 536 and its Aftermath (BAR International Series 872). Oxford 2000. Gutsmidl-Sch\u00fcmann et al. 2018: Doris Gutsmidl-Sch\u00fcmann, Bernd P\u00e4ffgen, Heiner Schwarzberg, Marcel Keller, Andreas Rott, Michaela Harbeck, Digging up the plague: A diachronic comparison of aDNA confirmed plague burials and associated burial customs in Germany. In: Praehistorische Zeitschrift 92(2), 2018, 405-427. H\u00f8ilund Nielsen 2005: Karen H\u00f8ilund Nielsen, \u201cThe sun was darkened by day and the moon by night\u2026 there was distress among men\u2026\u201d. In: Neue Forschungsergebnisse zur nordwesteurop\u00e4ischen Fr\u00fchgeschichte, Hg. Hans-J\u00fcrgen H\u00e4\u00dfler (= Studien zur Sachsenforschung 15). Oldenburg 2005, 247\u2013286. H\u00f8ilund Nielsen 2015: Karen H\u00f8ilund Nielsen, Endzeiterwartung \u2013 expecting the End of the World. In: Neue Studien zur Sachsenforschung 5, 2015, 23-50. Kristoffersen\/Nitter\/Solheim 2014: Elna Siv Kristoffersen, Marianne Nitter, Einar Solheim (Eds.), Et Akropolis p\u00e5 J\u00e6ren? Tinghaugplat\u00e5et gjennom jernalderen (AmS-Varia 55). Stavanger 2014. L\u00f6wenborg 2012: Daniel L\u00f6wenborg, An Iron Age Shock Doctrine \u2013 Did the 536-7 event trigger large-scale social changes in the M\u00e4laren valley area? In: Journal of Archaeology and Ancient History (JAAH) 2012\/4, 2012, 3-29. Magnus 1975: Bente Magnus, Krosshaugfunnet. Et fors\u00f8k p\u00e5 kronologisk og stilhistorisk plassering i 5. \u00e5rh. (Stavanger Museums skrifter 9). Stavanger 1975. Zachrisson 2011: Torun Zachrisson, Property and Honour \u2013 Social Change in Central Sweden 20-700 AD Mirrored in the Area around Old Uppsala. In: Ark\u00e6ologi i Slesvig \u2013 Arch\u00e4ologie in Schleswig. Sonderband \u201eDet 61. Internationale Sachsensymposion 2010, Haderslev, Danmark. Neum\u00fcnster 2011, 141-156. Ver\u00f6ffentlichungen zu diesem Projekt Pesch\/Helmbrecht (eds.) 2019: Gold foil figures in focus. A Scandinavian find group and related objects and images from ancient and medieval Europe. Papers presented at an international and interdisciplinary workshop organized by the Centre for Baltic and Scandinavian Archaeology (ZBSA) Schleswig, October 23rd to 25th, 2017. Advanced studies in ancient iconography 1, eds.: Alexandra Pesch, Michaela Helmbrecht (Schriften des Museums f\u00fcr Arch\u00e4ologie, Erg\u00e4nzungsreihe 14). M\u00fcnchen 2019. 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Strahlend lag ich da, frisch poliert, versehen mit den stolzen Zeichen des Kaisers selbst, seinem Abbild und dem Echtgoldzertifikat. Wie mich die Menschen bewunderten! Ich wanderte fortan durch mehrere H\u00e4nde, allesamt mit schweren Ringen geschm\u00fcckt und gepflegt \u2013 nicht irgendwer ber\u00fchrte mich in meiner Jugend, dieser guten alten Zeit, einer Zeit des Gl\u00fccks und der Selbstbestimmung. Immer wieder wurde ich in fein beschlagenen K\u00e4stchen zur Ruhe gebettet, in feine T\u00fccher geh\u00fcllt, umgeben von anderen, ebenso stolzen Solidi. Vollkommen und hochgesch\u00e4tzt! Aber, f\u00fcr mich v\u00f6llig unerwartet, dann kam der unfassbare Moment, der Wendepunkt in meinem Leben. Zusammen mit einigen Leidensgenossen wurde ich grob aus meiner Truhe herausgegriffen und in einen Sack gesteckt. Niemand achtete auf unsere Unversehrtheit. Lange baumelte der Sack mit anderem Zeug an einem Pferdesattel, dann in einer Satteltasche, er wurde holterdipolter durchger\u00fcttelt und geworfen, und wir hilflosen Solidi kratzten und verletzten uns dabei gegenseitig. Langsam wurde uns die schreckliche Wahrheit bewusst: Die Barbaren hatten uns erwischt. Entsetzlich! Solche wilden Halunken haben wenig \u00fcbrig f\u00fcr unseren eigentlichen Wert mit der Bedeutung unserer wunderbaren Zeichen und Bilder, hei\u00dft es, sie respektieren weder Kaiser noch Kultur, sie raffen einfach blind an sich, was sie bekommen k\u00f6nnen. Wochenlang wurden wir so r\u00fccksichtslos hin- und hergesch\u00fcttelt. Dann endlich warf uns jemand in eine kleine Holztruhe und schloss den Deckel. Es war und blieb dunkel. F\u00fcr lange Zeit. Nur ganz selten wurde der Deckel angehoben, dann erkannten wir zwei oder drei grinsende Gesichter, die sich \u00fcber uns beugten, gemein und furchterregend. Wir nahmen es hin; was sollten wir machen? Das Schlimmste stand uns aber noch bevor. Viele, viele Jahre nach unserer Entf\u00fchrung schob sich pl\u00f6tzlich eine Hand in die Kiste und griff mich heraus. Mich, von allen! Endlich wieder am Tageslicht fand ich mich gestrandet in einer traurigen H\u00fcttensiedlung, Holz und Stroh, \u00e4rmlich anmutend, ohne feste Stra\u00dfen und ganz ohne den frischen Glanz der herrlichen r\u00f6mischen Steinarchitektur, die ich gewohnt war. \u00dcberall Barbaren, geh\u00fcllt in etwas, das in meinen Augen eher Fetzen als echte Kleidung waren \u2013 und doch zum Teil beh\u00e4ngt mit Gold und dickem Schmuck, wie zum Hohn! Ich wurde in ein dunkles Haus gebracht, ein Loch, halb in der Erde, fensterlos. Barbarische Zust\u00e4nde f\u00fcrwahr. Und dann: Hefiger Schmerz, Schmerz! Ein Feuer umgab mich, hei\u00df und hei\u00dfer, angeheizt von unbarmherzigen Blaseb\u00e4lgen, ich konnte mich nicht zusammenhalten \u2013 und wurde eingeschmolzen. Brodelnd zerflossen meine Zeichen und Bilder, meine Form, und mit ihnen mein Sinn und mein ganzes altes Leben. Was dann kam, ist mir nur schemenhaft im Ged\u00e4chtnis. Klatsch, sie gossen mich in eine l\u00e4ngliche Form, wo ich in Angst erstarrte. Damit nicht genug: Jemand begann, mit einem gro\u00dfen Hammer auf mich einzuschlagen, immer und immer wieder. Schon ganz flach und m\u00fcrbe, wurde ich wieder \u00fcber das Feuer gehalten, und dann wieder und wieder geschlagen, und das alles mehrfach. Bald schnitten sie mich in Teile, das H\u00e4mmern und Schlagen ging weiter. Schlie\u00dflich war von mir nichts mehr \u00fcbrig als hauchd\u00fcnne Erinnerungen an das Gold, das ich einmal gewesen war. Diese traurigen \u00dcberreste meines Selbst brachten sie dann in ein etwas gr\u00f6\u00dferes Holzhaus mit dicken Holzpfosten, wo uns erstmal Ruhe umgab. Aber einige Zeit sp\u00e4ter kamen wei\u00dfgekleidete M\u00e4nner und Frauen. Fackeln und Fahnen wurden geschwungen: offenbar war es ein besonderer Tag. Sie murmelten seltsames Zeug, sangen auch ein bi\u00dfchen. Zwei j\u00fcngere Leute nahmen uns nach und nach auf und dr\u00fcckten uns auf Metallformen, dr\u00fcckten das Metall in uns hinein und verformten uns. Wir realisierten, dass wir mit seltsamen Linien gestempelt wurden, vielleicht Darstellungen von Menschen \u2013 diese Barbaren verstanden aber wenig davon, verglichen mit dem K\u00f6nnen der Konstantinopler K\u00fcnstler. Sie zerschnitten dann die gestempelten Bleche in rechteckige St\u00fcckchen und sammelten diese in einer Sch\u00fcssel. Da lagen wir, zerschunden, zu winzigen, fragilen Bildpl\u00e4ttchen umgewandelt. Diese Dem\u00fctigung! Diese Schande! Und worin mag der Sinn dieser komischen Pl\u00e4ttchen und ihrer Bilder bestehen? Sie taugen doch zu nichts. Kann mir das vielleicht mal jemand erkl\u00e4ren? Kalenderblatt Mai 2021: Der markante, die Landschaft J\u00e6ren in S\u00fcdwestnorwegen \u00fcberragende Tu-H\u00fcgel tr\u00e4gt verschiedene Arten eisenzeitlicher Befunde aus mehreren Jahrhunderten. Darunter sind zahlreiche Grabh\u00fcgel, Steinsetzungen und eine \u201eTunanlegg\u201c-Geb\u00e4udeformation, die f\u00fcr die Funktion des Plateaus als Tingplatz von Bedeutung gewesen sein soll. S\u00fcdlich des ber\u00fchmten, mit dem mittelalterlichen Steinkreuz geschm\u00fcckten \u201eKrosshaug\u201c-Grabes aus dem 5. Jahrhundert lagen am s\u00fcdlichen Hang weitere Grabh\u00fcgel, aus denen angeblich zw\u00f6lf Goldblechfiguren stammen. Diese winzigen, hauchd\u00fcnnen Bildpl\u00e4ttchen werden im Rahmen eines interdisziplin\u00e4ren und internationalen Projektes am ZBSA erforscht. Foto: A. Pesch, mit freundlicher Genehmigung des Historischen Museums in Bergen. Nebenergebnisse und Seitenpfade des Projektes Das Kalenderblatt f\u00fcr Mai zeigt eine fr\u00f6hliche Kinderschar, die w\u00e4hrend eines Schulausflugs eifrig besch\u00e4ftigt ist: Sie w\u00fchlen Steine aus der Erde, w\u00e4lzen diese herum und stapeln sie freudig zu kleinen T\u00fcrmchen auf. Das Ereignis wurde im Juni 2018 auf dem idyllischen Tubakken in J\u00e6ren (S\u00fcdwestnorwegen) beobachtet. Dieser markant aufragende H\u00fcgel mit seiner weiten Aussicht ist zweifellos ein lohnendes Ausflugsziel, geradezu ein Locus amoenus. Doch an diesem Tag wurde er zum Locus delicti: Denn es sind nicht irgendwelche Steine, die in der Landschaft herumliegen, sondern es handelt es sich um wertvolle arch\u00e4ologische Zeugnisse. Durch das neue Arrangement der Steine wurde insbesondere das ber\u00fchmte \u201eKrosshaug-Grab\u201c (Magnus 1975) besch\u00e4digt, in dem in der Mitte des 5. Jahrhunderts eine Frau mit reichen Beigaben bestattet worden ist. Es liegt heute unter dem im 11. Jahrhundert dar\u00fcber errichteten Steinkreuz. Auf irgendwelche Funde wurde bei der Steinw\u00e4lz-Aktion nicht geachtet. Daher k\u00f6nnten insbesondere sehr kleine Objekte \u00fcbersehen und schlimmstenfalls zerst\u00f6rt worden sein. Die M\u00f6glichkeit, auf dem auch als Tu\/Hauge bekannten Fundort auch nach den Ausgrabungen dort noch kleine arch\u00e4ologische Objekte finden zu k\u00f6nnen, ist nicht von der Hand zu weisen. Denn 16 Goldblechfiguren (siehe Foto Kalenderblatt) wurden 1897 in unmittelbarer N\u00e4he des sogenannten Tinghaugs (\u201eThing-H\u00fcgel\u201c) gefunden, welcher den h\u00f6chsten Punkt der gesamten Gegend bildet. F\u00fcr eine praktische Verwendung eigenen sich diese winzigen St\u00fccke nicht, vielmehr deuten sie auf kultische Handlungen hin oder sogar auf einen regelrechten Kultplatz. Der Tubakken tr\u00e4gt aber auch viele weitere Monumente, etwa zahlreiche gr\u00f6\u00dfere und kleinere Grabh\u00fcgel und Steinsetzungen, und nicht zuletzt eine im Gel\u00e4nde noch gut sichtbare, ovale angeordnete Formation kleiner H\u00e4user (Tunanlegg \u201eDusjane\u201c), m\u00f6glicherweise die \u00dcberreste eines saisonal genutzten Thingplatzes der Roman Iron Age. Bis zur ersten H\u00e4lfte des 6. Jahrhunderts ist der Tubakken sicherlich ein bedeutender zentraler Ort gewesen, der im Zusammenhang mit den politischen Eliten eines gr\u00f6\u00dferen Umfeldes gesehen werden muss (Kristoffersen\/Nitter\/Solheim 2014). Die Goldblechfiguren stammen aber aus der ersten H\u00e4lfte des 8. Jahrhunderts, sind also j\u00fcnger als die bisher genannten Befunde. Sie \u00fcberbr\u00fccken die Zeit zur hochmittelalterlichen Nutzung des Platzes als Versammlungsort unter dem fr\u00fchen christlichen Steinkreuz. Dass ein und derselbe Platz \u00fcber so viele Jahrhunderte Bedeutung hatte, ist nicht selbstverst\u00e4ndlich. Bei vielen anderen skandinavischen St\u00e4tten ist insbesondere im Laufe des 5. Jahrhunderts ein Kontinuit\u00e4tsbruch erkennbar: Der Wandel zwischen der V\u00f6lkerwanderungszeit und der anschlie\u00dfenden Vendelzeit wird vielerorts durch einen Siedlungsabbruch markiert sowie das Aufkommen ganz neuartiger Befunde, darunter auch Wohnformen, Objektarten und Gr\u00e4ber. Auch die Goldblechfiguren scheinen, jedenfalls in ihrem massenhaften Auftreten und den typischen Formen, eine Erfindung des sp\u00e4ten 6. Jahrhunderts zu sein. Was also bewirkte diese extremen Ver\u00e4nderungen? Offenbar war das 6. Jahrhundert in Nordeuropa gepr\u00e4gt durch die Folgen einer Klimakrise. Gewaltige Vulkanausbr\u00fcche in \u00c4quatorn\u00e4he hatten mit ihren Ausw\u00fcrfen von Aschen und Schwefels\u00e4uren im Jahre 536 einen Staubschleier erzeugt, der das Sonnenlicht zum gro\u00dfen Teil verdunkelte. Dieses inzwischen weltweit gemessene und interdisziplin\u00e4r erforschte Ereignis, auch \u201eLate Antique Little Ice Age\u201c oder kurz \u201eLALIA-event\u201c genannt (B\u00fcntgen et al. 2016), hatte tiefgreifende Folgen: ausfallende Sommer, Missernten, Hungersn\u00f6te und kriegerische Auseinandersetzungen sind nicht nur naturwissenschaftlich belegt, sondern auch historisch \u00fcberliefert. Schilderungen liegen beispielsweise aus England vor, ausf\u00fchrlichere Texte aus dem Mittelmeerraum. Dort bezeugen Schriftquellen nicht nur Not und Verzweiflung, sondern auch das Aufkommen der sogenannten Justinianischen Pest, einer t\u00f6dlichen Pandemie, die wenige Jahre sp\u00e4ter unter den geschw\u00e4chten Menschen w\u00fctete und in kurzer Zeit zigtausende Opfer fand. Inzwischen wurden Pesttote in Gr\u00e4bern auch in S\u00fcddeutschland nachgewiesen, und viele weitere arch\u00e4ologische Befunde und Indizien konnten zusammengetragen werden. Heute wissen wir, dass nach den Katastrophenjahren die politischen Karten praktisch auf der ganzen Welt neu gemischt worden sind. Auf der Nordhalbkugel und insbesondere in Nordeuropa scheinen sich die Staubschleier deutlich l\u00e4nger gehalten zu haben als im Mittelmeerraum. Welche Auswirkungen das nicht nur auf den Lebenserwerb der Menschen in der Landwirtschaft, sondern auch auf ihre religi\u00f6sen Ansichten gehabt haben mag, l\u00e4sst sich aufgrund des Fehlens dortiger Schriftquellen nur arch\u00e4ologisch erforschen. Die Ver\u00e4nderungen in den Krisenzeiten und danach sind auff\u00e4llig, der kulturelle Umbruch ist enorm und durch viele arch\u00e4ologische Zeugnisse nachgewiesen (Axboe 1999, 2001; H\u00f8ilund Nielsen 2005, 2015; Gr\u00e4slund 2007; Zachrisson 2011; L\u00f6wenborg 2012; Gr\u00e4slund\/Price 2012). Auch die Goldblechfiguren k\u00f6nnen als Zeugnisse einer neuen Religionspraxis in der Zeit nach dem Ereignis verstanden werden. Die winzigen, daf\u00fcr aber in gro\u00dfen Mengen auf bestimmten Pl\u00e4tzen hergestellten und verwendeten Bilder zeigen vermutlich vielfach Szenen aus dem Bereich der neuen Kultpraxis selbst. Mit ihrer Ikonographie, die trotz aller Neuerungen auch in der V\u00f6lkerwanderungszeit wurzelt, sind sie aber auch Zeugen eines kulturellen \u00dcberlebens der Menschen des Nordens. Das ZBSA-Projekt wird sich in seiner n\u00e4chsten Phase mit den arch\u00e4ologischen Befunden und ihrer Stratigraphie aus alten und neuen Ausgrabungen befassen. Dazu geh\u00f6rt auch der Tubakken in Norwegen. Wir erhoffen uns durch Recherchen und einen f\u00fcr 2022\/23 geplanten Workshop mit internationalen geladenen Experten Antworten auf Fragen der genauen Datierung, aber auch Herstellung und vor allem der konkreten Verwendung der winzigen Bildbleche in den verschiedenen Zeiten und den Regionen ihrer Verbreitung. Literatur Axboe 1999: Morten Axboe, The Year 536 and the Scandinavian Gold Hoards. In: Medieval Archaeology XLIII, 1999, 186-188. Axboe 2001: Morten Axboe, Amulet pendants and a darkened sun. In: Roman Gold and the Development of the Early Germanic Kingdoms. Aspects of technical, socio-political, socio-economic, artistic and intellectual development, A.D. I\u2013550. Symposium in Stockholm 1997, ed. Bente Magnus (KVHAA Konferencer 51). Stockholm 2001, 119-135. Gr\u00e4slund 2007: Bo Gr\u00e4slund, Fimbulvintern, Ragnar\u00f6k och klimatkrisen \u00e5r 536-537 e.Kr. In: Saga och Sed 2007, 2007, S. 93-123. Gr\u00e4slund\/Price 2012: Bo Gr\u00e4slund, Neil Price, Twilight of the Gods? The \u2019dust veil Event\u2019 of AD 536 in critical perspective In: Antiquity 2012, 420-442. Gunn, Joel D. (ed.) 2000: The Years without Summer. Tracing A.D. 536 and its Aftermath (BAR International Series 872). Oxford 2000. Gutsmidl-Sch\u00fcmann et al. 2018: Doris Gutsmidl-Sch\u00fcmann, Bernd P\u00e4ffgen, Heiner Schwarzberg, Marcel Keller, Andreas Rott, Michaela Harbeck, Digging up the plague: A diachronic comparison of aDNA confirmed plague burials and associated burial customs in Germany. In: Praehistorische Zeitschrift 92(2), 2018, 405-427. H\u00f8ilund Nielsen 2005: Karen H\u00f8ilund Nielsen, \u201cThe sun was darkened by day and the moon by night\u2026 there was distress among men\u2026\u201d. In: Neue Forschungsergebnisse zur nordwesteurop\u00e4ischen Fr\u00fchgeschichte, Hg. Hans-J\u00fcrgen H\u00e4\u00dfler (= Studien zur Sachsenforschung 15). Oldenburg 2005, 247\u2013286. H\u00f8ilund Nielsen 2015: Karen H\u00f8ilund Nielsen, Endzeiterwartung \u2013 expecting the End of the World. In: Neue Studien zur Sachsenforschung 5, 2015, 23-50. Kristoffersen\/Nitter\/Solheim 2014: Elna Siv Kristoffersen, Marianne Nitter, Einar Solheim (Eds.), Et Akropolis p\u00e5 J\u00e6ren? Tinghaugplat\u00e5et gjennom jernalderen (AmS-Varia 55). Stavanger 2014. L\u00f6wenborg 2012: Daniel L\u00f6wenborg, An Iron Age Shock Doctrine \u2013 Did the 536-7 event trigger large-scale social changes in the M\u00e4laren valley area? In: Journal of Archaeology and Ancient History (JAAH) 2012\/4, 2012, 3-29. Magnus 1975: Bente Magnus, Krosshaugfunnet. Et fors\u00f8k p\u00e5 kronologisk og stilhistorisk plassering i 5. \u00e5rh. (Stavanger Museums skrifter 9). Stavanger 1975. Zachrisson 2011: Torun Zachrisson, Property and Honour \u2013 Social Change in Central Sweden 20-700 AD Mirrored in the Area around Old Uppsala. In: Ark\u00e6ologi i Slesvig \u2013 Arch\u00e4ologie in Schleswig. Sonderband \u201eDet 61. Internationale Sachsensymposion 2010, Haderslev, Danmark. Neum\u00fcnster 2011, 141-156. Ver\u00f6ffentlichungen zu diesem Projekt Pesch\/Helmbrecht (eds.) 2019: Gold foil figures in focus. A Scandinavian find group and related objects and images from ancient and medieval Europe. Papers presented at an international and interdisciplinary workshop organized by the Centre for Baltic and Scandinavian Archaeology (ZBSA) Schleswig, October 23rd to 25th, 2017. Advanced studies in ancient iconography 1, eds.: Alexandra Pesch, Michaela Helmbrecht (Schriften des Museums f\u00fcr Arch\u00e4ologie, Erg\u00e4nzungsreihe 14). M\u00fcnchen 2019. 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Strahlend lag ich da, frisch poliert, versehen mit den stolzen Zeichen des Kaisers selbst, seinem Abbild und dem Echtgoldzertifikat. Wie mich die Menschen bewunderten! Ich wanderte fortan durch mehrere H\u00e4nde, allesamt mit schweren Ringen geschm\u00fcckt und gepflegt \u2013 nicht irgendwer ber\u00fchrte mich in meiner Jugend, dieser guten alten Zeit, einer Zeit des Gl\u00fccks und der Selbstbestimmung. Immer wieder wurde ich in fein beschlagenen K\u00e4stchen zur Ruhe gebettet, in feine T\u00fccher geh\u00fcllt, umgeben von anderen, ebenso stolzen Solidi. Vollkommen und hochgesch\u00e4tzt! Aber, f\u00fcr mich v\u00f6llig unerwartet, dann kam der unfassbare Moment, der Wendepunkt in meinem Leben. Zusammen mit einigen Leidensgenossen wurde ich grob aus meiner Truhe herausgegriffen und in einen Sack gesteckt. Niemand achtete auf unsere Unversehrtheit. Lange baumelte der Sack mit anderem Zeug an einem Pferdesattel, dann in einer Satteltasche, er wurde holterdipolter durchger\u00fcttelt und geworfen, und wir hilflosen Solidi kratzten und verletzten uns dabei gegenseitig. Langsam wurde uns die schreckliche Wahrheit bewusst: Die Barbaren hatten uns erwischt. Entsetzlich! Solche wilden Halunken haben wenig \u00fcbrig f\u00fcr unseren eigentlichen Wert mit der Bedeutung unserer wunderbaren Zeichen und Bilder, hei\u00dft es, sie respektieren weder Kaiser noch Kultur, sie raffen einfach blind an sich, was sie bekommen k\u00f6nnen. Wochenlang wurden wir so r\u00fccksichtslos hin- und hergesch\u00fcttelt. Dann endlich warf uns jemand in eine kleine Holztruhe und schloss den Deckel. Es war und blieb dunkel. F\u00fcr lange Zeit. Nur ganz selten wurde der Deckel angehoben, dann erkannten wir zwei oder drei grinsende Gesichter, die sich \u00fcber uns beugten, gemein und furchterregend. Wir nahmen es hin; was sollten wir machen? Das Schlimmste stand uns aber noch bevor. Viele, viele Jahre nach unserer Entf\u00fchrung schob sich pl\u00f6tzlich eine Hand in die Kiste und griff mich heraus. Mich, von allen! Endlich wieder am Tageslicht fand ich mich gestrandet in einer traurigen H\u00fcttensiedlung, Holz und Stroh, \u00e4rmlich anmutend, ohne feste Stra\u00dfen und ganz ohne den frischen Glanz der herrlichen r\u00f6mischen Steinarchitektur, die ich gewohnt war. \u00dcberall Barbaren, geh\u00fcllt in etwas, das in meinen Augen eher Fetzen als echte Kleidung waren \u2013 und doch zum Teil beh\u00e4ngt mit Gold und dickem Schmuck, wie zum Hohn! Ich wurde in ein dunkles Haus gebracht, ein Loch, halb in der Erde, fensterlos. Barbarische Zust\u00e4nde f\u00fcrwahr. Und dann: Hefiger Schmerz, Schmerz! Ein Feuer umgab mich, hei\u00df und hei\u00dfer, angeheizt von unbarmherzigen Blaseb\u00e4lgen, ich konnte mich nicht zusammenhalten \u2013 und wurde eingeschmolzen. Brodelnd zerflossen meine Zeichen und Bilder, meine Form, und mit ihnen mein Sinn und mein ganzes altes Leben. Was dann kam, ist mir nur schemenhaft im Ged\u00e4chtnis. Klatsch, sie gossen mich in eine l\u00e4ngliche Form, wo ich in Angst erstarrte. Damit nicht genug: Jemand begann, mit einem gro\u00dfen Hammer auf mich einzuschlagen, immer und immer wieder. Schon ganz flach und m\u00fcrbe, wurde ich wieder \u00fcber das Feuer gehalten, und dann wieder und wieder geschlagen, und das alles mehrfach. Bald schnitten sie mich in Teile, das H\u00e4mmern und Schlagen ging weiter. Schlie\u00dflich war von mir nichts mehr \u00fcbrig als hauchd\u00fcnne Erinnerungen an das Gold, das ich einmal gewesen war. Diese traurigen \u00dcberreste meines Selbst brachten sie dann in ein etwas gr\u00f6\u00dferes Holzhaus mit dicken Holzpfosten, wo uns erstmal Ruhe umgab. Aber einige Zeit sp\u00e4ter kamen wei\u00dfgekleidete M\u00e4nner und Frauen. Fackeln und Fahnen wurden geschwungen: offenbar war es ein besonderer Tag. Sie murmelten seltsames Zeug, sangen auch ein bi\u00dfchen. Zwei j\u00fcngere Leute nahmen uns nach und nach auf und dr\u00fcckten uns auf Metallformen, dr\u00fcckten das Metall in uns hinein und verformten uns. Wir realisierten, dass wir mit seltsamen Linien gestempelt wurden, vielleicht Darstellungen von Menschen \u2013 diese Barbaren verstanden aber wenig davon, verglichen mit dem K\u00f6nnen der Konstantinopler K\u00fcnstler. Sie zerschnitten dann die gestempelten Bleche in rechteckige St\u00fcckchen und sammelten diese in einer Sch\u00fcssel. Da lagen wir, zerschunden, zu winzigen, fragilen Bildpl\u00e4ttchen umgewandelt. Diese Dem\u00fctigung! Diese Schande! Und worin mag der Sinn dieser komischen Pl\u00e4ttchen und ihrer Bilder bestehen? Sie taugen doch zu nichts. Kann mir das vielleicht mal jemand erkl\u00e4ren? Kalenderblatt Mai 2021: Der markante, die Landschaft J\u00e6ren in S\u00fcdwestnorwegen \u00fcberragende Tu-H\u00fcgel tr\u00e4gt verschiedene Arten eisenzeitlicher Befunde aus mehreren Jahrhunderten. Darunter sind zahlreiche Grabh\u00fcgel, Steinsetzungen und eine \u201eTunanlegg\u201c-Geb\u00e4udeformation, die f\u00fcr die Funktion des Plateaus als Tingplatz von Bedeutung gewesen sein soll. S\u00fcdlich des ber\u00fchmten, mit dem mittelalterlichen Steinkreuz geschm\u00fcckten \u201eKrosshaug\u201c-Grabes aus dem 5. Jahrhundert lagen am s\u00fcdlichen Hang weitere Grabh\u00fcgel, aus denen angeblich zw\u00f6lf Goldblechfiguren stammen. Diese winzigen, hauchd\u00fcnnen Bildpl\u00e4ttchen werden im Rahmen eines interdisziplin\u00e4ren und internationalen Projektes am ZBSA erforscht. Foto: A. Pesch, mit freundlicher Genehmigung des Historischen Museums in Bergen. Nebenergebnisse und Seitenpfade des Projektes Das Kalenderblatt f\u00fcr Mai zeigt eine fr\u00f6hliche Kinderschar, die w\u00e4hrend eines Schulausflugs eifrig besch\u00e4ftigt ist: Sie w\u00fchlen Steine aus der Erde, w\u00e4lzen diese herum und stapeln sie freudig zu kleinen T\u00fcrmchen auf. Das Ereignis wurde im Juni 2018 auf dem idyllischen Tubakken in J\u00e6ren (S\u00fcdwestnorwegen) beobachtet. Dieser markant aufragende H\u00fcgel mit seiner weiten Aussicht ist zweifellos ein lohnendes Ausflugsziel, geradezu ein Locus amoenus. Doch an diesem Tag wurde er zum Locus delicti: Denn es sind nicht irgendwelche Steine, die in der Landschaft herumliegen, sondern es handelt es sich um wertvolle arch\u00e4ologische Zeugnisse. Durch das neue Arrangement der Steine wurde insbesondere das ber\u00fchmte \u201eKrosshaug-Grab\u201c (Magnus 1975) besch\u00e4digt, in dem in der Mitte des 5. Jahrhunderts eine Frau mit reichen Beigaben bestattet worden ist. Es liegt heute unter dem im 11. Jahrhundert dar\u00fcber errichteten Steinkreuz. Auf irgendwelche Funde wurde bei der Steinw\u00e4lz-Aktion nicht geachtet. Daher k\u00f6nnten insbesondere sehr kleine Objekte \u00fcbersehen und schlimmstenfalls zerst\u00f6rt worden sein. Die M\u00f6glichkeit, auf dem auch als Tu\/Hauge bekannten Fundort auch nach den Ausgrabungen dort noch kleine arch\u00e4ologische Objekte finden zu k\u00f6nnen, ist nicht von der Hand zu weisen. Denn 16 Goldblechfiguren (siehe Foto Kalenderblatt) wurden 1897 in unmittelbarer N\u00e4he des sogenannten Tinghaugs (\u201eThing-H\u00fcgel\u201c) gefunden, welcher den h\u00f6chsten Punkt der gesamten Gegend bildet. F\u00fcr eine praktische Verwendung eigenen sich diese winzigen St\u00fccke nicht, vielmehr deuten sie auf kultische Handlungen hin oder sogar auf einen regelrechten Kultplatz. Der Tubakken tr\u00e4gt aber auch viele weitere Monumente, etwa zahlreiche gr\u00f6\u00dfere und kleinere Grabh\u00fcgel und Steinsetzungen, und nicht zuletzt eine im Gel\u00e4nde noch gut sichtbare, ovale angeordnete Formation kleiner H\u00e4user (Tunanlegg \u201eDusjane\u201c), m\u00f6glicherweise die \u00dcberreste eines saisonal genutzten Thingplatzes der Roman Iron Age. Bis zur ersten H\u00e4lfte des 6. Jahrhunderts ist der Tubakken sicherlich ein bedeutender zentraler Ort gewesen, der im Zusammenhang mit den politischen Eliten eines gr\u00f6\u00dferen Umfeldes gesehen werden muss (Kristoffersen\/Nitter\/Solheim 2014). Die Goldblechfiguren stammen aber aus der ersten H\u00e4lfte des 8. Jahrhunderts, sind also j\u00fcnger als die bisher genannten Befunde. Sie \u00fcberbr\u00fccken die Zeit zur hochmittelalterlichen Nutzung des Platzes als Versammlungsort unter dem fr\u00fchen christlichen Steinkreuz. Dass ein und derselbe Platz \u00fcber so viele Jahrhunderte Bedeutung hatte, ist nicht selbstverst\u00e4ndlich. Bei vielen anderen skandinavischen St\u00e4tten ist insbesondere im Laufe des 5. Jahrhunderts ein Kontinuit\u00e4tsbruch erkennbar: Der Wandel zwischen der V\u00f6lkerwanderungszeit und der anschlie\u00dfenden Vendelzeit wird vielerorts durch einen Siedlungsabbruch markiert sowie das Aufkommen ganz neuartiger Befunde, darunter auch Wohnformen, Objektarten und Gr\u00e4ber. Auch die Goldblechfiguren scheinen, jedenfalls in ihrem massenhaften Auftreten und den typischen Formen, eine Erfindung des sp\u00e4ten 6. Jahrhunderts zu sein. Was also bewirkte diese extremen Ver\u00e4nderungen? Offenbar war das 6. Jahrhundert in Nordeuropa gepr\u00e4gt durch die Folgen einer Klimakrise. Gewaltige Vulkanausbr\u00fcche in \u00c4quatorn\u00e4he hatten mit ihren Ausw\u00fcrfen von Aschen und Schwefels\u00e4uren im Jahre 536 einen Staubschleier erzeugt, der das Sonnenlicht zum gro\u00dfen Teil verdunkelte. Dieses inzwischen weltweit gemessene und interdisziplin\u00e4r erforschte Ereignis, auch \u201eLate Antique Little Ice Age\u201c oder kurz \u201eLALIA-event\u201c genannt (B\u00fcntgen et al. 2016), hatte tiefgreifende Folgen: ausfallende Sommer, Missernten, Hungersn\u00f6te und kriegerische Auseinandersetzungen sind nicht nur naturwissenschaftlich belegt, sondern auch historisch \u00fcberliefert. Schilderungen liegen beispielsweise aus England vor, ausf\u00fchrlichere Texte aus dem Mittelmeerraum. Dort bezeugen Schriftquellen nicht nur Not und Verzweiflung, sondern auch das Aufkommen der sogenannten Justinianischen Pest, einer t\u00f6dlichen Pandemie, die wenige Jahre sp\u00e4ter unter den geschw\u00e4chten Menschen w\u00fctete und in kurzer Zeit zigtausende Opfer fand. Inzwischen wurden Pesttote in Gr\u00e4bern auch in S\u00fcddeutschland nachgewiesen, und viele weitere arch\u00e4ologische Befunde und Indizien konnten zusammengetragen werden. Heute wissen wir, dass nach den Katastrophenjahren die politischen Karten praktisch auf der ganzen Welt neu gemischt worden sind. Auf der Nordhalbkugel und insbesondere in Nordeuropa scheinen sich die Staubschleier deutlich l\u00e4nger gehalten zu haben als im Mittelmeerraum. Welche Auswirkungen das nicht nur auf den Lebenserwerb der Menschen in der Landwirtschaft, sondern auch auf ihre religi\u00f6sen Ansichten gehabt haben mag, l\u00e4sst sich aufgrund des Fehlens dortiger Schriftquellen nur arch\u00e4ologisch erforschen. Die Ver\u00e4nderungen in den Krisenzeiten und danach sind auff\u00e4llig, der kulturelle Umbruch ist enorm und durch viele arch\u00e4ologische Zeugnisse nachgewiesen (Axboe 1999, 2001; H\u00f8ilund Nielsen 2005, 2015; Gr\u00e4slund 2007; Zachrisson 2011; L\u00f6wenborg 2012; Gr\u00e4slund\/Price 2012). Auch die Goldblechfiguren k\u00f6nnen als Zeugnisse einer neuen Religionspraxis in der Zeit nach dem Ereignis verstanden werden. Die winzigen, daf\u00fcr aber in gro\u00dfen Mengen auf bestimmten Pl\u00e4tzen hergestellten und verwendeten Bilder zeigen vermutlich vielfach Szenen aus dem Bereich der neuen Kultpraxis selbst. Mit ihrer Ikonographie, die trotz aller Neuerungen auch in der V\u00f6lkerwanderungszeit wurzelt, sind sie aber auch Zeugen eines kulturellen \u00dcberlebens der Menschen des Nordens. Das ZBSA-Projekt wird sich in seiner n\u00e4chsten Phase mit den arch\u00e4ologischen Befunden und ihrer Stratigraphie aus alten und neuen Ausgrabungen befassen. Dazu geh\u00f6rt auch der Tubakken in Norwegen. Wir erhoffen uns durch Recherchen und einen f\u00fcr 2022\/23 geplanten Workshop mit internationalen geladenen Experten Antworten auf Fragen der genauen Datierung, aber auch Herstellung und vor allem der konkreten Verwendung der winzigen Bildbleche in den verschiedenen Zeiten und den Regionen ihrer Verbreitung. Literatur Axboe 1999: Morten Axboe, The Year 536 and the Scandinavian Gold Hoards. In: Medieval Archaeology XLIII, 1999, 186-188. Axboe 2001: Morten Axboe, Amulet pendants and a darkened sun. In: Roman Gold and the Development of the Early Germanic Kingdoms. Aspects of technical, socio-political, socio-economic, artistic and intellectual development, A.D. I\u2013550. Symposium in Stockholm 1997, ed. Bente Magnus (KVHAA Konferencer 51). Stockholm 2001, 119-135. Gr\u00e4slund 2007: Bo Gr\u00e4slund, Fimbulvintern, Ragnar\u00f6k och klimatkrisen \u00e5r 536-537 e.Kr. In: Saga och Sed 2007, 2007, S. 93-123. Gr\u00e4slund\/Price 2012: Bo Gr\u00e4slund, Neil Price, Twilight of the Gods? The \u2019dust veil Event\u2019 of AD 536 in critical perspective In: Antiquity 2012, 420-442. Gunn, Joel D. (ed.) 2000: The Years without Summer. Tracing A.D. 536 and its Aftermath (BAR International Series 872). Oxford 2000. Gutsmidl-Sch\u00fcmann et al. 2018: Doris Gutsmidl-Sch\u00fcmann, Bernd P\u00e4ffgen, Heiner Schwarzberg, Marcel Keller, Andreas Rott, Michaela Harbeck, Digging up the plague: A diachronic comparison of aDNA confirmed plague burials and associated burial customs in Germany. In: Praehistorische Zeitschrift 92(2), 2018, 405-427. H\u00f8ilund Nielsen 2005: Karen H\u00f8ilund Nielsen, \u201cThe sun was darkened by day and the moon by night\u2026 there was distress among men\u2026\u201d. In: Neue Forschungsergebnisse zur nordwesteurop\u00e4ischen Fr\u00fchgeschichte, Hg. Hans-J\u00fcrgen H\u00e4\u00dfler (= Studien zur Sachsenforschung 15). Oldenburg 2005, 247\u2013286. H\u00f8ilund Nielsen 2015: Karen H\u00f8ilund Nielsen, Endzeiterwartung \u2013 expecting the End of the World. In: Neue Studien zur Sachsenforschung 5, 2015, 23-50. Kristoffersen\/Nitter\/Solheim 2014: Elna Siv Kristoffersen, Marianne Nitter, Einar Solheim (Eds.), Et Akropolis p\u00e5 J\u00e6ren? Tinghaugplat\u00e5et gjennom jernalderen (AmS-Varia 55). Stavanger 2014. L\u00f6wenborg 2012: Daniel L\u00f6wenborg, An Iron Age Shock Doctrine \u2013 Did the 536-7 event trigger large-scale social changes in the M\u00e4laren valley area? In: Journal of Archaeology and Ancient History (JAAH) 2012\/4, 2012, 3-29. Magnus 1975: Bente Magnus, Krosshaugfunnet. Et fors\u00f8k p\u00e5 kronologisk og stilhistorisk plassering i 5. \u00e5rh. (Stavanger Museums skrifter 9). Stavanger 1975. Zachrisson 2011: Torun Zachrisson, Property and Honour \u2013 Social Change in Central Sweden 20-700 AD Mirrored in the Area around Old Uppsala. In: Ark\u00e6ologi i Slesvig \u2013 Arch\u00e4ologie in Schleswig. Sonderband \u201eDet 61. Internationale Sachsensymposion 2010, Haderslev, Danmark. Neum\u00fcnster 2011, 141-156. Ver\u00f6ffentlichungen zu diesem Projekt Pesch\/Helmbrecht (eds.) 2019: Gold foil figures in focus. A Scandinavian find group and related objects and images from ancient and medieval Europe. Papers presented at an international and interdisciplinary workshop organized by the Centre for Baltic and Scandinavian Archaeology (ZBSA) Schleswig, October 23rd to 25th, 2017. Advanced studies in ancient iconography 1, eds.: Alexandra Pesch, Michaela Helmbrecht (Schriften des Museums f\u00fcr Arch\u00e4ologie, Erg\u00e4nzungsreihe 14). M\u00fcnchen 2019. Pesch\/Helmbrecht...","og_url":"https:\/\/zbsa.eu\/en\/mai-2021\/","og_site_name":"Zentrum f\u00fcr Baltische und Skandinavische Arch\u00e4ologie (ZBSA) \u2014 Zentrum f\u00fcr Baltische und Skandinavische Arch\u00e4ologie","article_published_time":"2021-04-28T07:26:27+00:00","article_modified_time":"2021-05-18T10:14:34+00:00","og_image":[{"url":"https:\/\/zbsa.eu\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/kalenderblatt05-2021.jpg","type":"","width":"","height":""}],"author":"Matthias Bolte","twitter_card":"summary_large_image","twitter_misc":{"Written by":"Matthias Bolte","Estimated reading time":"10 minutes"},"schema":{"@context":"https:\/\/schema.org","@graph":[{"@type":"WebPage","@id":"https:\/\/zbsa.eu\/mai-2021\/","url":"https:\/\/zbsa.eu\/mai-2021\/","name":"Mai 2021 - Zentrum f\u00fcr Baltische und Skandinavische Arch\u00e4ologie (ZBSA) \u2014 Zentrum f\u00fcr Baltische und Skandinavische Arch\u00e4ologie","isPartOf":{"@id":"https:\/\/zbsa.eu\/#website"},"primaryImageOfPage":{"@id":"https:\/\/zbsa.eu\/mai-2021\/#primaryimage"},"image":{"@id":"https:\/\/zbsa.eu\/mai-2021\/#primaryimage"},"thumbnailUrl":"https:\/\/zbsa.eu\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/kalenderblatt05-2021.jpg","datePublished":"2021-04-28T07:26:27+00:00","dateModified":"2021-05-18T10:14:34+00:00","author":{"@id":"https:\/\/zbsa.eu\/#\/schema\/person\/b980623b66a6ffb097697286521920c5"},"breadcrumb":{"@id":"https:\/\/zbsa.eu\/mai-2021\/#breadcrumb"},"inLanguage":"en-GB","potentialAction":[{"@type":"ReadAction","target":["https:\/\/zbsa.eu\/mai-2021\/"]}]},{"@type":"ImageObject","inLanguage":"en-GB","@id":"https:\/\/zbsa.eu\/mai-2021\/#primaryimage","url":"https:\/\/zbsa.eu\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/kalenderblatt05-2021.jpg","contentUrl":"https:\/\/zbsa.eu\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/kalenderblatt05-2021.jpg"},{"@type":"BreadcrumbList","@id":"https:\/\/zbsa.eu\/mai-2021\/#breadcrumb","itemListElement":[{"@type":"ListItem","position":1,"name":"Startseite","item":"https:\/\/zbsa.eu\/"},{"@type":"ListItem","position":2,"name":"Print Kalender","item":"https:\/\/zbsa.eu\/category\/kalenderblatt\/"},{"@type":"ListItem","position":3,"name":"Kalenderbl\u00e4tter 2021","item":"https:\/\/zbsa.eu\/category\/kalenderblatt\/kalenderblaetter-2021\/"},{"@type":"ListItem","position":4,"name":"Mai 2021"}]},{"@type":"WebSite","@id":"https:\/\/zbsa.eu\/#website","url":"https:\/\/zbsa.eu\/","name":"Zentrum f\u00fcr Baltische und Skandinavische Arch\u00e4ologie (ZBSA) \u2014 Zentrum f\u00fcr Baltische und Skandinavische Arch\u00e4ologie","description":"","potentialAction":[{"@type":"SearchAction","target":{"@type":"EntryPoint","urlTemplate":"https:\/\/zbsa.eu\/?s={search_term_string}"},"query-input":{"@type":"PropertyValueSpecification","valueRequired":true,"valueName":"search_term_string"}}],"inLanguage":"en-GB"},{"@type":"Person","@id":"https:\/\/zbsa.eu\/#\/schema\/person\/b980623b66a6ffb097697286521920c5","name":"Matthias Bolte","image":{"@type":"ImageObject","inLanguage":"en-GB","@id":"https:\/\/zbsa.eu\/#\/schema\/person\/image\/","url":"https:\/\/secure.gravatar.com\/avatar\/1f3bc1bfe4b641855cb944e558d4f3de1b57120f6dfe8f4368ebfe0384a5acab?s=96&d=mm&r=g","contentUrl":"https:\/\/secure.gravatar.com\/avatar\/1f3bc1bfe4b641855cb944e558d4f3de1b57120f6dfe8f4368ebfe0384a5acab?s=96&d=mm&r=g","caption":"Matthias Bolte"},"url":"https:\/\/zbsa.eu\/en\/author\/matthias-bolte\/"}]}},"featured_image_src":" ","featured_image_src_square":" ","author_info":{"display_name":"Matthias Bolte","author_link":"https:\/\/zbsa.eu\/en\/author\/matthias-bolte\/"},"category_info":"<a href=\"https:\/\/zbsa.eu\/en\/category\/kalenderblatt\/kalenderblaetter-2021\/\" rel=\"category tag\">Kalenderbl\u00e4tter 2021<\/a>,<a href=\"https:\/\/zbsa.eu\/en\/category\/kalenderblatt\/\" rel=\"category tag\">Print Kalender<\/a>","tags_info":"","social_share_info":"<a data-share=\"facebook\" href=\"https:\/\/www.facebook.com\/sharer.php?u=https:\/\/zbsa.eu\/en\/mai-2021\/\" class=\"pl-facebook-share social-share-default pl-social-share\" target=\"_blank\"><i class=\"fab fa-facebook-f\" aria-hidden=\"true\"><\/i><\/a><a data-share=\"twitter\" href=\"https:\/\/twitter.com\/share?url=https:\/\/zbsa.eu\/en\/mai-2021\/\" class=\"pl-twiiter-share social-share-default pl-social-share\" target=\"_blank\"><i class=\"fab fa-twitter\" aria-hidden=\"true\"><\/i><\/a><a data-share=\"linkedin\" href=\"https:\/\/www.linkedin.com\/shareArticle?url=https:\/\/zbsa.eu\/en\/mai-2021\/\" class=\"pl-linkedin-share social-share-default pl-social-share\" target=\"_blank\"><i class=\"fab fa-linkedin-in\" aria-hidden=\"true\"><\/i><\/a>","wordExcerpt_info":"<h2>Projekt Goldgreise \/ Goldblechfiguren<\/h2>\n<p><strong>Prof. Dr. Alexandra Pesch<\/strong><\/p>\n<p><strong>Aus der Sicht einer Solidus-M\u00fcnze<\/strong><\/p>\n<p>Das Licht der Welt erblickte ich nach einem wohlgezielten Schlag eines geschickten M\u00fcnzmeisters im Zentrum der Zivilisation, dem goldenen Konstantinopel. Strahlend lag ich da, frisch poliert, versehen mit den stolzen Zeichen des Kaisers selbst, seinem Abbild und dem Echtgoldzertifikat. Wie mich die Menschen bewunderten! Ich wanderte fortan durch mehrere H\u00e4nde, allesamt mit schweren Ringen geschm\u00fcckt und gepflegt \u2013 nicht irgendwer ber\u00fchrte mich in meiner Jugend, dieser guten alten Zeit, einer Zeit des Gl\u00fccks und der Selbstbestimmung. Immer wieder wurde ich in fein beschlagenen K\u00e4stchen zur Ruhe gebettet, in feine T\u00fccher geh\u00fcllt, umgeben von anderen, ebenso stolzen Solidi. Vollkommen und hochgesch\u00e4tzt! Aber, f\u00fcr mich v\u00f6llig unerwartet, dann kam der unfassbare Moment, der Wendepunkt in meinem Leben. Zusammen mit einigen Leidensgenossen wurde ich grob aus meiner Truhe herausgegriffen und in einen Sack gesteckt. Niemand achtete auf unsere Unversehrtheit. Lange baumelte der Sack mit anderem Zeug an einem Pferdesattel, dann in einer Satteltasche, er wurde holterdipolter durchger\u00fcttelt und geworfen, und wir hilflosen Solidi kratzten und verletzten uns dabei gegenseitig. Langsam wurde uns die schreckliche Wahrheit bewusst: Die Barbaren hatten uns erwischt. Entsetzlich! Solche wilden Halunken haben wenig \u00fcbrig f\u00fcr unseren eigentlichen Wert mit der Bedeutung unserer wunderbaren Zeichen und Bilder, hei\u00dft es, sie respektieren weder Kaiser noch Kultur, sie raffen einfach blind an sich, was sie bekommen k\u00f6nnen. Wochenlang wurden wir so r\u00fccksichtslos hin- und hergesch\u00fcttelt. Dann endlich warf uns jemand in eine kleine Holztruhe und schloss den Deckel. Es war und blieb dunkel. F\u00fcr lange Zeit. Nur ganz selten wurde der Deckel angehoben, dann erkannten wir zwei oder drei grinsende Gesichter, die sich \u00fcber uns beugten, gemein und furchterregend. Wir nahmen es hin; was sollten wir machen? Das Schlimmste stand uns aber noch bevor. Viele, viele Jahre nach unserer Entf\u00fchrung schob sich pl\u00f6tzlich eine Hand in die Kiste und griff mich heraus. Mich, von allen! Endlich wieder am Tageslicht fand ich mich gestrandet in einer traurigen H\u00fcttensiedlung, Holz und Stroh, \u00e4rmlich anmutend, ohne feste Stra\u00dfen und ganz ohne den frischen Glanz der herrlichen r\u00f6mischen Steinarchitektur, die ich gewohnt war. \u00dcberall Barbaren, geh\u00fcllt in etwas, das in meinen Augen eher Fetzen als echte Kleidung waren \u2013 und doch zum Teil beh\u00e4ngt mit Gold und dickem Schmuck, wie zum Hohn! Ich wurde in ein dunkles Haus gebracht, ein Loch, halb in der Erde, fensterlos. Barbarische Zust\u00e4nde f\u00fcrwahr. Und dann: Hefiger Schmerz, Schmerz! Ein Feuer umgab mich, hei\u00df und hei\u00dfer, angeheizt von unbarmherzigen Blaseb\u00e4lgen, ich konnte mich nicht zusammenhalten \u2013 und wurde eingeschmolzen. Brodelnd zerflossen meine Zeichen und Bilder, meine Form, und mit ihnen mein Sinn und mein ganzes altes Leben. Was dann kam, ist mir nur schemenhaft im Ged\u00e4chtnis. Klatsch, sie gossen mich in eine l\u00e4ngliche Form, wo ich in Angst erstarrte. Damit nicht genug: Jemand begann, mit einem gro\u00dfen Hammer auf mich einzuschlagen, immer und immer wieder. Schon ganz flach und m\u00fcrbe, wurde ich wieder \u00fcber das Feuer gehalten, und dann wieder und wieder geschlagen, und das alles mehrfach. Bald schnitten sie mich in Teile, das H\u00e4mmern und Schlagen ging weiter. Schlie\u00dflich war von mir nichts mehr \u00fcbrig als hauchd\u00fcnne Erinnerungen an das Gold, das ich einmal gewesen war. Diese traurigen \u00dcberreste meines Selbst brachten sie dann in ein etwas gr\u00f6\u00dferes Holzhaus mit dicken Holzpfosten, wo uns erstmal Ruhe umgab. Aber einige Zeit sp\u00e4ter kamen wei\u00dfgekleidete M\u00e4nner und Frauen. Fackeln und Fahnen wurden geschwungen: offenbar war es ein besonderer Tag. Sie murmelten seltsames Zeug, sangen auch ein bi\u00dfchen. Zwei j\u00fcngere Leute nahmen uns nach und nach auf und dr\u00fcckten uns auf Metallformen, dr\u00fcckten das Metall in uns hinein und verformten uns. Wir realisierten, dass wir mit seltsamen Linien gestempelt wurden, vielleicht Darstellungen von Menschen \u2013 diese Barbaren verstanden aber wenig davon, verglichen mit dem K\u00f6nnen der Konstantinopler K\u00fcnstler. Sie zerschnitten dann die gestempelten Bleche in rechteckige St\u00fcckchen und sammelten diese in einer Sch\u00fcssel. Da lagen wir, zerschunden, zu winzigen, fragilen Bildpl\u00e4ttchen umgewandelt. Diese Dem\u00fctigung! Diese Schande! Und worin mag der Sinn dieser komischen Pl\u00e4ttchen und ihrer Bilder bestehen? Sie taugen doch zu nichts. Kann mir das vielleicht mal jemand erkl\u00e4ren?<\/p>\n<figure>\n\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t<img loading=\"lazy\" width=\"1300\" height=\"680\" src=\"https:\/\/zbsa.eu\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/kalenderblatt05-2021.jpg\" alt=\"Tu-H\u00fcgel in S\u00fcdwestnorwegen\" \/><figcaption>Kalenderblatt Mai 2021: Der markante, die Landschaft J\u00e6ren in S\u00fcdwestnorwegen \u00fcberragende Tu-H\u00fcgel tr\u00e4gt verschiedene Arten eisenzeitlicher Befunde aus mehreren Jahrhunderten. Darunter sind zahlreiche Grabh\u00fcgel, Steinsetzungen und eine \u201eTunanlegg\u201c-Geb\u00e4udeformation, die f\u00fcr die Funktion des Plateaus als Tingplatz von Bedeutung gewesen sein soll. S\u00fcdlich des ber\u00fchmten, mit dem mittelalterlichen Steinkreuz geschm\u00fcckten \u201eKrosshaug\u201c-Grabes aus dem 5. Jahrhundert lagen am s\u00fcdlichen Hang weitere Grabh\u00fcgel, aus denen angeblich zw\u00f6lf Goldblechfiguren stammen. Diese winzigen, hauchd\u00fcnnen Bildpl\u00e4ttchen werden im Rahmen eines interdisziplin\u00e4ren und internationalen Projektes am ZBSA erforscht. Foto: A. Pesch, mit freundlicher Genehmigung des Historischen Museums in Bergen.<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Nebenergebnisse und Seitenpfade des Projektes<\/strong><\/p>\n<p>Das Kalenderblatt f\u00fcr Mai zeigt eine fr\u00f6hliche Kinderschar, die w\u00e4hrend eines Schulausflugs eifrig besch\u00e4ftigt ist: Sie w\u00fchlen Steine aus der Erde, w\u00e4lzen diese herum und stapeln sie freudig zu kleinen T\u00fcrmchen auf. Das Ereignis wurde im Juni 2018 auf dem idyllischen Tubakken in J\u00e6ren (S\u00fcdwestnorwegen) beobachtet. Dieser markant aufragende H\u00fcgel mit seiner weiten Aussicht ist zweifellos ein lohnendes Ausflugsziel, geradezu ein Locus amoenus. Doch an diesem Tag wurde er zum Locus delicti: Denn es sind nicht irgendwelche Steine, die in der Landschaft herumliegen, sondern es handelt es sich um wertvolle arch\u00e4ologische Zeugnisse. Durch das neue Arrangement der Steine wurde insbesondere das ber\u00fchmte \u201eKrosshaug-Grab\u201c (Magnus 1975) besch\u00e4digt, in dem in der Mitte des 5. Jahrhunderts eine Frau mit reichen Beigaben bestattet worden ist. Es liegt heute unter dem im 11. Jahrhundert dar\u00fcber errichteten Steinkreuz. Auf irgendwelche Funde wurde bei der Steinw\u00e4lz-Aktion nicht geachtet. Daher k\u00f6nnten insbesondere sehr kleine Objekte \u00fcbersehen und schlimmstenfalls zerst\u00f6rt worden sein.<\/p>\n<p>Die M\u00f6glichkeit, auf dem auch als Tu\/Hauge bekannten Fundort auch nach den Ausgrabungen dort noch kleine arch\u00e4ologische Objekte finden zu k\u00f6nnen, ist nicht von der Hand zu weisen. Denn 16 Goldblechfiguren (siehe Foto Kalenderblatt) wurden 1897 in unmittelbarer N\u00e4he des sogenannten Tinghaugs (\u201eThing-H\u00fcgel\u201c) gefunden, welcher den h\u00f6chsten Punkt der gesamten Gegend bildet. F\u00fcr eine praktische Verwendung eigenen sich diese winzigen St\u00fccke nicht, vielmehr deuten sie auf kultische Handlungen hin oder sogar auf einen regelrechten Kultplatz. Der Tubakken tr\u00e4gt aber auch viele weitere Monumente, etwa zahlreiche gr\u00f6\u00dfere und kleinere Grabh\u00fcgel und Steinsetzungen, und nicht zuletzt eine im Gel\u00e4nde noch gut sichtbare, ovale angeordnete Formation kleiner H\u00e4user (Tunanlegg \u201eDusjane\u201c), m\u00f6glicherweise die \u00dcberreste eines saisonal genutzten Thingplatzes der Roman Iron Age. Bis zur ersten H\u00e4lfte des 6. Jahrhunderts ist der Tubakken sicherlich ein bedeutender zentraler Ort gewesen, der im Zusammenhang mit den politischen Eliten eines gr\u00f6\u00dferen Umfeldes gesehen werden muss (Kristoffersen\/Nitter\/Solheim 2014). Die Goldblechfiguren stammen aber aus der ersten H\u00e4lfte des 8. Jahrhunderts, sind also j\u00fcnger als die bisher genannten Befunde. Sie \u00fcberbr\u00fccken die Zeit zur hochmittelalterlichen Nutzung des Platzes als Versammlungsort unter dem fr\u00fchen christlichen Steinkreuz.<\/p>\n[caption id=\"attachment_5969\" align=\"aligncenter\" width=\"1200\"]<img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/zbsa.eu\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/abb1-pesch-kalender-05-2021.jpg\" alt=\"Abb. 1: Historisches Foto von Goldfolienfiguren im D\u00e4nischen Nationalmuseum, von denen einige (unten links) aus Norwegen stammen und den Funden aus Tubakken \u00e4hneln. Foto: Nachlass Hauck, Schleswig.\" width=\"1200\" height=\"601\" \/> Abb. 1: Historisches Foto von Goldfolienfiguren im D\u00e4nischen Nationalmuseum, von denen einige (unten links) aus Norwegen stammen und den Funden aus Tubakken \u00e4hneln. Foto: Nachlass Hauck, Schleswig.[\/caption]\n<p>Dass ein und derselbe Platz \u00fcber so viele Jahrhunderte Bedeutung hatte, ist nicht selbstverst\u00e4ndlich. Bei vielen anderen skandinavischen St\u00e4tten ist insbesondere im Laufe des 5. Jahrhunderts ein Kontinuit\u00e4tsbruch erkennbar: Der Wandel zwischen der V\u00f6lkerwanderungszeit und der anschlie\u00dfenden Vendelzeit wird vielerorts durch einen Siedlungsabbruch markiert sowie das Aufkommen ganz neuartiger Befunde, darunter auch Wohnformen, Objektarten und Gr\u00e4ber. Auch die Goldblechfiguren scheinen, jedenfalls in ihrem massenhaften Auftreten und den typischen Formen, eine Erfindung des sp\u00e4ten 6. Jahrhunderts zu sein. Was also bewirkte diese extremen Ver\u00e4nderungen?<\/p>\n<p>Offenbar war das 6. Jahrhundert in Nordeuropa gepr\u00e4gt durch die Folgen einer Klimakrise. Gewaltige Vulkanausbr\u00fcche in \u00c4quatorn\u00e4he hatten mit ihren Ausw\u00fcrfen von Aschen und Schwefels\u00e4uren im Jahre 536 einen Staubschleier erzeugt, der das Sonnenlicht zum gro\u00dfen Teil verdunkelte. Dieses inzwischen weltweit gemessene und interdisziplin\u00e4r erforschte Ereignis, auch \u201eLate Antique Little Ice Age\u201c oder kurz \u201eLALIA-event\u201c genannt (B\u00fcntgen et al. 2016), hatte tiefgreifende Folgen: ausfallende Sommer, Missernten, Hungersn\u00f6te und kriegerische Auseinandersetzungen sind nicht nur naturwissenschaftlich belegt, sondern auch historisch \u00fcberliefert. Schilderungen liegen beispielsweise aus England vor, ausf\u00fchrlichere Texte aus dem Mittelmeerraum. Dort bezeugen Schriftquellen nicht nur Not und Verzweiflung, sondern auch das Aufkommen der sogenannten Justinianischen Pest, einer t\u00f6dlichen Pandemie, die wenige Jahre sp\u00e4ter unter den geschw\u00e4chten Menschen w\u00fctete und in kurzer Zeit zigtausende Opfer fand. Inzwischen wurden Pesttote in Gr\u00e4bern auch in S\u00fcddeutschland nachgewiesen, und viele weitere arch\u00e4ologische Befunde und Indizien konnten zusammengetragen werden. Heute wissen wir, dass nach den Katastrophenjahren die politischen Karten praktisch auf der ganzen Welt neu gemischt worden sind.<\/p>\n[caption id=\"attachment_5975\" align=\"alignleft\" width=\"225\"]<a href=\"https:\/\/zbsa.eu\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Pesch_GubberKlimakrise.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/zbsa.eu\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Pesch_GubberKlimakrise-225x300.jpg\" alt=\"Abb. 2: Ein Staubschleier verdeckt das Sonnenlicht. Foto: A. Pesch.\" width=\"225\" height=\"300\" \/><\/a> Abb. 2: Ein Staubschleier verdeckt das Sonnenlicht. Foto: A. Pesch.[\/caption]\n<p>Auf der Nordhalbkugel und insbesondere in Nordeuropa scheinen sich die Staubschleier deutlich l\u00e4nger gehalten zu haben als im Mittelmeerraum. Welche Auswirkungen das nicht nur auf den Lebenserwerb der Menschen in der Landwirtschaft, sondern auch auf ihre religi\u00f6sen Ansichten gehabt haben mag, l\u00e4sst sich aufgrund des Fehlens dortiger Schriftquellen nur arch\u00e4ologisch erforschen. Die Ver\u00e4nderungen in den Krisenzeiten und danach sind auff\u00e4llig, der kulturelle Umbruch ist enorm und durch viele arch\u00e4ologische Zeugnisse nachgewiesen (Axboe 1999, 2001; H\u00f8ilund Nielsen 2005, 2015; Gr\u00e4slund 2007; Zachrisson 2011; L\u00f6wenborg 2012; Gr\u00e4slund\/Price 2012). Auch die Goldblechfiguren k\u00f6nnen als Zeugnisse einer neuen Religionspraxis in der Zeit nach dem Ereignis verstanden werden. Die winzigen, daf\u00fcr aber in gro\u00dfen Mengen auf bestimmten Pl\u00e4tzen hergestellten und verwendeten Bilder zeigen vermutlich vielfach Szenen aus dem Bereich der neuen Kultpraxis selbst. Mit ihrer Ikonographie, die trotz aller Neuerungen auch in der V\u00f6lkerwanderungszeit wurzelt, sind sie aber auch Zeugen eines kulturellen \u00dcberlebens der Menschen des Nordens.<\/p>\n<p>Das ZBSA-Projekt wird sich in seiner n\u00e4chsten Phase mit den arch\u00e4ologischen Befunden und ihrer Stratigraphie aus alten und neuen Ausgrabungen befassen. Dazu geh\u00f6rt auch der Tubakken in Norwegen. Wir erhoffen uns durch Recherchen und einen f\u00fcr 2022\/23 geplanten Workshop mit internationalen geladenen Experten Antworten auf Fragen der genauen Datierung, aber auch Herstellung und vor allem der konkreten Verwendung der winzigen Bildbleche in den verschiedenen Zeiten und den Regionen ihrer Verbreitung.<\/p>\n<p><strong>Literatur<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>Axboe 1999: Morten Axboe, The Year 536 and the Scandinavian Gold Hoards. In: Medieval Archaeology XLIII, 1999, 186-188.<\/li>\n<li>Axboe 2001: Morten Axboe, Amulet pendants and a darkened sun. In: Roman Gold and the Development of the Early Germanic Kingdoms. Aspects of technical, socio-political, socio-economic, artistic and intellectual development, A.D. I\u2013550. Symposium in Stockholm 1997, ed. Bente Magnus (KVHAA Konferencer 51). Stockholm 2001, 119-135.<\/li>\n<li>Gr\u00e4slund 2007: Bo Gr\u00e4slund, Fimbulvintern, Ragnar\u00f6k och klimatkrisen \u00e5r 536-537 e.Kr. In: Saga och Sed 2007, 2007, S. 93-123.<\/li>\n<li>Gr\u00e4slund\/Price 2012: Bo Gr\u00e4slund, Neil Price, Twilight of the Gods? The \u2019dust veil Event\u2019 of AD 536 in critical perspective In: Antiquity 2012, 420-442.<\/li>\n<li>Gunn, Joel D. (ed.) 2000: The Years without Summer. Tracing A.D. 536 and its Aftermath (BAR International Series 872). Oxford 2000.<\/li>\n<li>Gutsmidl-Sch\u00fcmann et al. 2018: Doris Gutsmidl-Sch\u00fcmann, Bernd P\u00e4ffgen, Heiner Schwarzberg, Marcel Keller, Andreas Rott, Michaela Harbeck, Digging up the plague: A diachronic comparison of aDNA confirmed plague burials and associated burial customs in Germany. In: Praehistorische Zeitschrift 92(2), 2018, 405-427.<\/li>\n<li>H\u00f8ilund Nielsen 2005: Karen H\u00f8ilund Nielsen, \u201cThe sun was darkened by day and the moon by night\u2026 there was distress among men\u2026\u201d. In: Neue Forschungsergebnisse zur nordwesteurop\u00e4ischen Fr\u00fchgeschichte, Hg. Hans-J\u00fcrgen H\u00e4\u00dfler (= Studien zur Sachsenforschung 15). Oldenburg 2005, 247\u2013286.<\/li>\n<li>H\u00f8ilund Nielsen 2015: Karen H\u00f8ilund Nielsen, Endzeiterwartung \u2013 expecting the End of the World. In: Neue Studien zur Sachsenforschung 5, 2015, 23-50.<\/li>\n<li>Kristoffersen\/Nitter\/Solheim 2014: Elna Siv Kristoffersen, Marianne Nitter, Einar Solheim (Eds.), Et Akropolis p\u00e5 J\u00e6ren? Tinghaugplat\u00e5et gjennom jernalderen (AmS-Varia 55). Stavanger 2014.<\/li>\n<li>L\u00f6wenborg 2012: Daniel L\u00f6wenborg, An Iron Age Shock Doctrine \u2013 Did the 536-7 event trigger large-scale social changes in the M\u00e4laren valley area? In: Journal of Archaeology and Ancient History (JAAH) 2012\/4, 2012, 3-29.<\/li>\n<li>Magnus 1975: Bente Magnus, Krosshaugfunnet. Et fors\u00f8k p\u00e5 kronologisk og stilhistorisk plassering i 5. \u00e5rh. (Stavanger Museums skrifter 9). Stavanger 1975.<\/li>\n<li>Zachrisson 2011: Torun Zachrisson, Property and Honour \u2013 Social Change in Central Sweden 20-700 AD Mirrored in the Area around Old Uppsala. In: Ark\u00e6ologi i Slesvig \u2013 Arch\u00e4ologie in Schleswig. Sonderband \u201eDet 61. Internationale Sachsensymposion 2010, Haderslev, Danmark. Neum\u00fcnster 2011, 141-156.<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>Ver\u00f6ffentlichungen zu diesem Projekt<\/strong><\/p>\n<p>Pesch\/Helmbrecht (eds.) 2019: Gold foil figures in focus. A Scandinavian find group and related objects and images from ancient and medieval Europe. Papers presented at an international and interdisciplinary workshop organized by the Centre for Baltic and Scandinavian Archaeology (ZBSA) Schleswig, October 23rd to 25th, 2017. Advanced studies in ancient iconography 1, eds.: Alexandra Pesch, Michaela Helmbrecht (Schriften des Museums f\u00fcr Arch\u00e4ologie, Erg\u00e4nzungsreihe 14). M\u00fcnchen 2019.<\/p>\n<p>Pesch\/Helmbrecht 2021: Alexandra Pesch, Michaela Helmbrecht, Gold foil figures as evidence for cultural surviving. In: Torun Zachrisson, Svante Fischer (eds.), Climate Change and Transformation (Neue Studien zur Sachsenforschung 69). 2021, in peer review process.<\/p>\n<p><strong>Pdfs zum Herunterladen bzw. Links:<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/zbsa.eu\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Goldfolien-Faltblatt.pdf\">Flyer zum Buch \u201eGold foil figures in focus\u201c 2019<\/a><br \/><a href=\"https:\/\/zbsa.academia.edu\/AlexandraGPesch\">Herunterladen des Synthese-Kapitels<\/a><br \/><a href=\"https:\/\/zbsa.eu\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/csa_vol_28_2020_s309-311_price.pdf\">Buch-Rezension von Neil Price<\/a><br \/><a href=\"https:\/\/zbsa.eu\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Review_of_GFF-in-Focus.pdf\">Buch-Rezension (von Kent Otte Laursen)<\/a><\/p>\n","comment_info":"No Comments","acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/zbsa.eu\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6331","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/zbsa.eu\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/zbsa.eu\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/zbsa.eu\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/zbsa.eu\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6331"}],"version-history":[{"count":41,"href":"https:\/\/zbsa.eu\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6331\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6640,"href":"https:\/\/zbsa.eu\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6331\/revisions\/6640"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/zbsa.eu\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6331"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/zbsa.eu\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6331"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/zbsa.eu\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6331"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}