Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

Sektionen
Benutzerspezifische Werkzeuge
Kontakt

Zentrum für Baltische und Skandinavische Archäologie

Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen
Schloss Gottorf
D-24837 Schleswig

Tel. +49/4621 - 813-0
Fax +49/4621 - 813-535
E-Mail zbsa@landesmuseen.sh

► Anfahrt

 

Oktober 2019

Untersuchungen zum älterkaiserzeitlichen Fundplatz von Hoby, Lolland

 

Ruth Blankenfeldt, Ulrich Schmölcke, Sarah Pleuger

Ein 1920 in Hoby auf der dänischen Insel Lolland entdecktes Grab zählt zu den am reichsten ausgestatteten Bestattungen des 1. Jahrhunderts n. Chr. in Nordeuropa. Es enthielt einen umfangreichen Satz von Trink- und Speisegefäßen italischer Provenienz; zwei große und in der Fachwelt sehr bekannte Silberbecher darin stellen Szenen aus der Ilias von Homer dar. Zudem zeugen auch die edelmetallenen und bronzenen Gegenstände einheimischer Herkunft von dem gehobenen Status des Bestatteten im älterkaiserzeitlichen Grab von Hoby.

Lageplan
Lage des Fundplatzes Hoby auf der dänischen Insel Lolland.

Ein weiteres in der Nähe gefundenes Brandgrab aus der Zeit kurz vor Christi Geburt, welches bisher kaum in der Fachliteratur Erwähnung fand, kann aufgrund der Deponierung der Asche in einer Bronzesitula ebenfalls einer Person von gehobenem Status zugeordnet werden. Diese Art von Metallgefäßen wurde ausschließlich im ostalpinen und oberitalienischen Raum hergestellt und muss folglich eine von dort importiert worden sein.

Grabbeigaben
Beigaben aus dem Grab von Hoby aus dem 1. Jh. n. Chr. Berühmt sind die beiden Silberbecher unten im Bild. Bei einem ist der Name des Silberschmiedes eingraviert („Chirispohos epoi“). Die Unterseite der separaten Böden zeigen die eingeritzte Inschrift „SILIVS“. Bei den germanischen Beigaben sind besonders zwei massive goldene Fingerringe und insgesamt sieben Fibeln zu nennen, von denen fünf aus Silber zum Teil mit Goldauflagen gefertigt wurden (Photo: Nationalmuseum Kopenhagen)

Anscheinend befand sich auf Lolland an dieser Stelle in der Zeit um Christi Geburt ein Fürstensitz, der über mehrere Generationen existierte. Bisher sind allerdings keine weiteren Gräber aus der direkten Umgebung bekannt.

Durch Keramikfunde eines Hobby-Archäologen und dessen Beobachtungen dunkler Erdschichten nach dem Pflügen eines Feldes wurden 1999 in unmittelbarer Nähe zu den Bestattungen erste Hinweise auf eine Siedlung aus der Älteren Kaiserzeit entdeckt. Nach kleineren Untersuchungen in den Jahren 2000 und 2001 gelang bei Probegrabungen 2005 unter anderem die Dokumentation der Reste von zehn zum Teil mehrphasigen Häusern.
Um umfangreichere Untersuchungen dieses Platzes zu ermöglichen und diese zusammen mit einer Neubetrachtung der Grabfunde zu publizieren, wurde 2010 ein Kooperationsprojekt zwischen dem Nationalmuseet Kopenhagen, dem Museum Lolland-Falster und dem ZBSA initiiert. Am Anfang standen geophysikalische Messungen, ausgeführt vom Institut für Geowissenschaften – Angewandte Geophysik der Christian-Albrechts-Universität Kiel und dem ZBSA Schleswig, mit dem Ziel, die Größe des in der Zeit um Christi Geburt besiedelten Gebietes festzustellen. An zahlreichen hierbei registrierten Anomalien wurden zielgerichtet Sondagen durchgeführt, die Bodenprofile ausgewertet und auf mögliche Kulturschichten hin untersucht.

Zwischen 2010 und 2015 sind durch das Nationalmuseum Kopenhagen und das Museum Lolland-Falster mehrwöchige Ausgrabungskampagnen durchgeführt worden, die das Siedlungsbild nach und nach deutlicher machten. Die digitalen Auswertungen der Befunde sowie unterschiedliche naturwissenschaftliche Analysen dauern noch an. Inzwischen konnten in Hoby über 50 Reste zum Teil mehrphasiger Häuser erfasst werden.

Hausputz
Putzen eines Hausbefundes. Die älterkaiserzeitlichen Befunde beginnen dicht unter der heutigen Oberfläche und wären beim modernen Pflügen vermutlich größtenteils zerstört worden.

Zwei Langhäuser sowie ein Gebäude mit weiträumiger Umzäunung treten aufgrund ihrer herausragenden Dimensionen aus dem Gesamtbefund hervor. Hier ist unklar, ob es sich um besonders stattlichen Wohnraum oder (auch) um spezielle Versammlungsorte handelt. Zwischen den Häusern sowie weiteren Arealen befanden sich anscheinend planvoll angelegte Wegesysteme; auch mehrere Brunnen wurden gefunden.
Im nördlichen Teil der Siedlung lag ein sehr ausgedehnter Abfallbereich, der bei sämtlichen Feldkampagnen zwischen 2010 und 2015 untersucht wurde. Hier konnten große Mengen von Tierknochen und Keramikscherben geborgen werden.
Fraglich ist bisher die ehemalige Funktion von zwei kreisrunden Befunden mit knapp 18 Metern Durchmesser innerhalb des Siedlungsbereiches, von denen einer im Fokus der Grabungskampagne 2015 lag. Zur Klärung seiner Bedeutung wurde in diesem Bereich sämtlicher Abtrag geschlämmt und gesiebt, zudem sind für weitere naturwissenschaftliche Untersuchungen zahlreiche Bodenproben genommen worden.

Runder Befund
Der runde Befund bei den Ausgrabungen 2015. Unten rechts zeichnen sich mit dunklen Verfärbungen deutlich Kochgruben ab.

Das Oberflächenplanum zeigte, dass es sich um eine ehemalige Grube mit der halbkreisförmigen Anlage von großen Kochgruben an einer Seite handelt. Bei dem Abtrag eines zwei Meter breiten Grabens stieß man auf der Seite mit den Kochgruben bereits nach wenigen Zentimetern auf zahlreiche Knochen und Keramikteile. Vermutlich handelt es sich um einen ehemaligen Entsorgungsbereich, der in seinen Ausmaßen relativ eng begrenzt war, denn die andere Seite der zur Mitte hin bis ca. 1,6 Meter stetig tiefer werdenden Grube war relativ fundleer. Im tiefen, mittigen Bereich traten zahlreiche Hölzer, Äste von geringerem Durchmesser bis hin zu dickeren Pfosten, auf, die sich hervorragend erhalten haben. Wie botanische Analysen zeigen, war die Grube bereits direkt nach ihrer Aushebung stets wasserführend. Daher könnte es sich bei den Holzkonstruktionen um Überreste von Steganlagen handeln.

Abfallbereich
Der große Abfallbereich im nördlichen Teil der Siedlung wurde bei jeder Grabungskampagne bearbeitet. Hierzu sind quadrantenweise Schichten abgetragen worden, die reichlich Tierknochen und Keramik enthielten.

Die Deutung der beiden runden Befunde stellt die Archäologen vor viele offene Fragen, zumal sich der Gebrauch der Gruben im Laufe der Zeit möglicherweise veränderte. Eine Interpretation sieht in ihnen intentionell hergerichtete Opferstellen. Allerdings ist bspw. offen, ob ein durchgehender Zusammenhang mit den benachbarten Kochgruben existierte.

Sämtliche Tierknochen aus Hoby werden von Mitarbeitern der Archäologisch-Zoologischen Arbeitsgruppe des ZBSA unter der Leitung von Ulrich Schmölcke ausgewertet. Neben der Identifizierung der aus Hoby stammenden Tiere ist auch die Altersbestimmung wichtig für Fragen nach der Nutzung unterschiedlicher Arten. Insgesamt sind die Bedingungen sowohl für Knochenerhaltung als auch die Konservierung von aDNA sehr gut.

Knochen
Neben vierstelligen Fundzahlen bestimmbarer Knochen sind auch große Mengen unbestimmbarer Fragmente in dem Fundmaterial enthalten. Die hier gezeigten Trümmerchen stammen aus dem runden Befund, dessen Abtrag komplett gesiebt wurde.

Bisherige Analysen erbrachten Hinweise auf einen hohen Anteil von Schafknochen (40 % inklusive einiger Funde von Ziegen ), gefolgt von Rind (30 %) und Schwein (15 %) sowie einiger Pferde und Hunde. Wildtiere spielten so gut wie keine Rolle. Der Blick auf das Schlachtalter zeigt, dass Rinder, im Gegensatz zu den anderen Schafen und Schweinen spät geschlachtet und sehr alt wurden. Sie dienten primär als Milchkühe sowie Arbeitstiere und nur in zweiter Linie als Nahrung. Schafe und Schweine wurden dagegen fast ausschließlich für den Fleischverzehr gehalten und starben daher deutlich jünger.
Diese Beobachtungen sind charakteristisch für die damals weitgehend entwaldeten und mit Wiesen, Heideflächen, Weiden und Äckern bedeckten Inseln der zentralen Ostsee. Auf dem kontinentalen Festland dagegen wurde eine andere Wirtschaftsweise betrieben. Hier waren Rinder die Hauptfleischlieferanten, Schafe und Ziegen spielten dagegen eine untergeordnete Rolle.
Die bisher durchgeführten aDNA-Analysen der Schafszähne durch Elena Nikulina, ZBSA Schleswig, ergaben Hinweise auf eine, verglichen mit anderen kaiserzeitlichen Siedlungen aus Nordeuropa, relativ hohe genetische Diversität. Dies kann möglicherweise auf eine Bevölkerung hindeuten, die es sich „leisten konnte“, regelmäßig neue Schafe und Ziegen zu erwerben und so für eine stete Erneuerung des Genpools von außen sorgte.
Der Großteil der analysierten Tierknochen aus Hoby stammt aus dem Abfallbereich der Siedlung. Dem Fundmaterial aus dem großen runden Befund kommt ein Sonderstatus zu. Aufgrund der hier angewendeten Grabungsmethode, die durch Schlämmen und Sieben auch sehr kleine Knochen und Fragmente erfasste, sowie durch die unbekannte Funktion dieser Anlage, war zu prüfen, ob sich die Ergebnisse von denen der anderen Siedlungsbereiche unterscheiden würden.

Zunächst konnte bei der Auswertung durch Sarah Pleuger festgestellt werden, dass sich der Eindruck einer von Schafhaltung dominierten Inselwirtschaft mit eher auf Arbeitskraft bezogenen Rinderhaltung verfestigt. Auch die untergeordnete Nutzung von Schwein und Pferd sowie das fast vollständigen Fehlen von Jagdwild konnte bestätigt werden. Neben Überresten terrestrischer Fauna befand sich in dem Material lediglich ein Nachweis einer Robbe, so dass auch Meeressäuger keine ökonomische Bedeutung besaßen. Allem Anschein nach spielte die Wildtierfauna auch als Importgut keine Rolle, was in Anbetracht einer möglichweise sozial höher gestellten Bevölkerung Hobys durchaus denkbar gewesen wäre, zumal sich auf benachbarten Siedlungen auf dem Festland durchaus Jagdwildreste in höheren Anteilen finden.

Der Blick auf die insbesondere an Zähnen gewonnenen Erkenntnisse über relative und absolute Schlachtalter der Individuen der Taxa Rind, Schaf/Ziege und Schwein bestätigt die zuvor an dem Material früherer Kampagnen festgestellten Beobachtungen.
Zwischen den Tierresten aus dem kreisförmigen Befund und den übrigen Siedlungsbereichen lassen sich keine signifikanten Unterschiede in Bezug auf taxonomische Verteilung sowie der Anteile verschiedener Skelettelemente oder der Altersverteilung feststellen. Das gleiche gilt für Analysen, die an Frakturoberflächen fragmentierter Knochenüberreste durchgeführt wurden. Der nur geringe Anteil kurz nach dem Schlachten gebrochener Tierknochen, sowie der teils hohe Fragmentierungsgrad zieht sich relativ gleichmäßig durch alle Befunde.

Pferdeschaedel
Unter einem der Hausbefunde wurde nach dem Abtragen eine Grube mit einem Pferdeschädel und weiteren Teilen des Skeletts gefunden. Bei diesem Pferd handelt es sich vermutlich um ein geopfertes Tier.

Auffällig ist allerdings ein 30% stark erhöhter Anteil verbrannter Knochenfragmente in dem kreisrunden Befund – die Rate gebrannter Fragmente in allen anderen Befunden liegt bei 3%. Dies könnte für eine gesonderte Entsorgung bestimmter Tierreste oder für eine andersartige (z.B. nicht unbedingt subsistenzabhängige) Behandlung der in diesem Befund niedergelegten Tierknochen sprechen. Unterstützt wird diese Überlegung durch die Verteilung von Schnitt- und Hackspuren – 39% aller aufgenommenen Schnitt-/Hackspuren entfallen auf Knochen aus dem fraglichen Befund, davon das Gros auf Rinderknochen.
Dem fraglichen kreisrunden Befund kommt ersten Hinweisen zufolge in Bezug auf die Behandlung von Knochen durch Brand sowie Zerlegungsspuren also durchaus eine gesonderte Rolle zu. Wie diese Rolle zu interpretieren ist und ob sich möglicherweise konkretere Aussagen bezüglich der Nutzung des Befunds und einer gleichartigen Struktur in der direkten Nachbarschaft treffen lassen, werden möglicherweise weitergehende Analysen der osteologischen Daten sowie die gleichzeitigen archäologischen Auswertungen der übrigen Fundgruppen zeigen.

Sicherlich sind die beiden großen Gruben als Zeugnis einer planvollen Gemeinschaftsleistung anzusprechen; inwiefern es sich um eine mono- oder multifunktionale Anlage handelt, kann bisher nicht geklärt werden. Die Größe der den Befund teilweise umgebenden Kochgruben und der Hinweis auf Versammlungsorte innerhalb der Siedlung verweisen auf Zusammenkünfte vieler Menschen auch aus dem weiteren geographischen Umfeld. Wichtig ist zudem, dass sich der Fundplatz in der unmittelbaren Nähe eines Fjordarmes befand, welcher möglicherweise komplett schiffbar war. Mit dieser strategisch hervorragenden Lage könnte Hoby eine hervorgehobene Rolle sowohl im kaiserzeitlichen Siedlungsgefüge der Insel als auch in regionalen Zusammenhängen gespielt haben.

 

Literatur:

R. Blankenfeldt, Ein Leben im Luxus? Untersuchungen zum älterkaiserzeitlichen Fundplatz Hoby auf Lolland. ANSH 24, 2018, 38–47.

R. Blankenfeldt/S. Klingenberg. 2011. The Hoby project. In: Arkæologie i Slesvig / Archäologie in Schleswig 2011. Sonderband “Det 61. Internationale Sachsensymposion 2010” Haderslev, Danmark. (Neumünster 2011) 187–198.

K. Friis-Johansen, Hoby-fundet. Nordiske Fortidsminder 2, 1911–1935, 119–165.

S. Klingenberg, Hoby – en stormandsslæt fra tiden omkring Kristi fødsel. Nationalmuseets Arbejdsmark 2006, 101–113.

S. Klingenberg/R. Blankenfeldt/K. Høhling Søsted/A. J. Nielsen/A.-E. Jensen, Hoby – an exceptional Early Roman Iron Age site in the Western Baltic region. Acta Archaeologica 88,1, 2017, 121–137.

Artikelaktionen