Das nordfriesische Watt

Dr. Ruth Blankenfeldt

Die Küstenregion Nordfrieslands stellt einen geomorphologisch hoch dynamischen Naturraum dar und ist als Teil des UNESCO-Welterbes Wattenmeer unter Schutz gestellt.
Zugleich handelt es sich auch um das Relikt einer untergegangenen Kulturlandschaft: Umwelteinflüsse wie Meeresspiegelschwankungen und Stürme, aber auch Deichbau und künstliche Landgewinnung veränderten die Region in den letzten Jahrtausenden ständig.
Historische Hinterlassenschaften auf den Geest- und Marscheninseln sowie auf den Halligen sind relativ gut erschlossen. Die archäologische Bearbeitung der ehemals besiedelten und bewirtschafteten Gebiete, die heute in Küstennähe und durch den Gezeitenstrom mal über und mal unter Wasser liegen, unterliegt jedoch anderen Faktoren als es bei „normaler“ Festlandarchäologie der Fall ist.

Geophysikalische Prospektion vor Hallig Hooge.
Geophysikalische Prospektion vor Hallig Hooge (Foto: Ruth Blankenfeldt).

Mit der Kombination geophysikalischer, geoarchäologischer und archäologischer Untersuchungen im Umfeld des Handelsplatzes von Rungholt sowie weiterer definierter Kernarbeitsbereiche (hier ist vor allem Hallig Hooge und umliegende Wattflächen zu nennen) wird angestrebt, große Teile der Kulturlandschaft des Nordfriesischen Wattenmeers zu erfassen, zu vermessen und zu dokumentieren. Fragen über die Entwicklung der heutigen Küstenlandschaft stehen dabei ebenso im Fokus wie die Suche nach ehemaligen Siedlungslandschaften und Aussagen zu deren Ausdehnung und Nutzung. Die kartographische Dokumentation (geo-)archäologischer Relikte stellt auch den Ausgangspunkt zur Bewertung des Erhaltungszustandes dar. Hierdurch sollen Prüfsteine erarbeitet werden, die den Archivcharakter der jeweiligen Wattflächen umschreiben und auch definieren, wo bspw. aufgrund erhöhter Gefährdung durch Erosion oder Überlagerung ein intensives Monitoring nötig sein wird. Sämtliche bereits bekannten sowie neuen Daten sollen durch eine Langzeitarchivierungsstrategie der Nachwelt zur Verfügung stehen

Ausgrabungsfläche auf Amrum
Ausgrabungsfläche auf Amrum (Foto: Ruth Blankenfeldt).

Das Forschungsvorhaben baut auf das 2015-2018 im Rahmen des SPP 1630: Häfen von der Römischen Kaiserzeit bis zum Mittelalter durch das DFG geförderte Projekt „Geoarchäologische Untersuchungen der Häfen des 12. und 13. Jahrhunderts entlang der Hever (Nordfriesland) ausgehend vom Handelsplatz Rungholt“ auf, bei dem es unter anderem erstmals gelang, den Abschnitt eines mittelalterlichen Hauptdeiches samt Schleusenanlagen unter dicken Sandschichten zu lokalisieren und zu vermessen. 2019 wurde unter der Federführung von Hanna Hadler, Universität Mainz, ein Folgeantrag auf Forschungsförderung bei der DFG einegereicht und nach einer Überarbeitung 2020 bewilligt.

Auf dem acht Kilometer langen Fußweg zum Rungholtgebiet müssen täglich umfangreiche Mess- und Arbeitsgeräte händisch transportiert werden (Foto: Ruth Blankenfeldt).
Auf dem acht Kilometer langen Fußweg zum Rungholtgebiet müssen täglich umfangreiche Mess- und Arbeitsgeräte händisch transportiert werden (Foto: Ruth Blankenfeldt).

Die erfolgreiche Methoden-Kombination beginnt mit geophysikalischen Kartierungen im Gelände. Durch Sedimentkernbohrungen werden anschließend Hinweise auf chronologische Zusammenhänge der sichtbar gewordenen Siedlungsspuren sowie zur Landschaftsentwicklung im Untersuchungsgebiet gewonnen. Archäologischen Verfahren liefern weitere Informationen. Hierzu gehören Vorarbeiten wie die digitale Aufarbeitung historischer Karten und Fundberichte sowie Ortsbegehungen und der Vergleich mit rezenten Landschaften. Viele relevante Artefakte konnten in einem bestimmten Prielbereich geborgen werden. Detektorbegehungen haben das Fundspektrum hier in den letzten Jahren bedeutend erweitert. Durch einen an der CAU gefertigten metallenen Grabungskasten sind Bodeneingriffe von 1 m x 1m bei Niedrigwasser möglich. Hierdurch sind in bestimmten Bereichen inzwischen wichtige stratigraphische Aussagen gelungen.

Neben den Geländearbeiten und deren Auswertung sollen zukünftig potentielle Kooperationspartner ermittelt werden. Den weiterführenden Schritt stellt eine Antragstellung für Forschungsförderung dar.

DFG-Projekt “RUNGHOLT – Kombinierte geophysikalische, geoarchäologische und archäologische Untersuchungen im nordfriesischen Wattenmeer im Umfeld des mittelalterlichen Handelsplatzes Rungholt”
Projektnummer 442822276
DFG – GEPRIS – RUNGHOLT – Kombinierte geophysikalische, geoarchäologische und archäologische Untersuchungen im nordfriesischen Wattenmeer (Schleswig-Holstein, Deutschland) im Umfeld des mittelalterlichen Handelsplatzes Rungholt

Geoarchäologie – JGU Mainz, Dr. Hanna Hadler, Prof. Dr. Andreas Vött
Geophysik – CAU Kiel: Dr. Dennis Wilken
Archäologie – ZBSA Schleswig: Dr. Ruth Blankenfeldt; ALSH Schleswig: Dr. Stefanie Klooß, Dr. Ulf Ickerodt, CAU Kiel/ROOTS Exzellenzcluster: Dr. Bente Sven Majchczack, Prof. Dr. Wolfgang Rabbel

Die Arbeiten im geographischen Raum des Nordfriesischen Wattenmeers werden durch aktuelle Untersuchungen auf Amrum ergänzt. Hier stellt das ZBSA einen Kooperationspartner für Ausgrabungen einer eisenzeitlichen Siedlungsfläche im Dünental dar, die durch das ALSH Schleswig ausgeführt wurde.
Siehe: schleswig-holstein.de – Archäologisches Landesamt Schleswig-Holstein – Amrum

Typische Keramikformen wie dieser zerscherbte Friesenpott werden zahlreich im Rungholtgebiet freigespült (Foto: Ruth Blankenfeldt).
Typische Keramikformen wie dieser zerscherbte Friesenpott werden zahlreich im Rungholtgebiet freigespült (Foto: Ruth Blankenfeldt).
Themenbereiche

Mensch und Umwelt

 
 
Forschungsschwerpunkte

Grundlagenforschungen in der naturwissenschaftlichen Archäologie

Mitarbeiter

Leitung:
Dr. Ruth Blankenfeldt
(Prof. Dr. Claus von Carnap-Bornheim)

 
 
In Kooperation mit

Archäologisches Landesamt Schleswig-Holstein (ALSH): Ulf Ickerodt (Mitantragsteller), Stefanie Klooß, Eicke Siegloff, Astrid Tummuscheit, Jan Fischer, Detektorgruppe Schleswig-Holstein.

Museum für Archäologie Schloss Gottorf (MfA): Zentralwerkstatt, Ortsakten, Ausstellungsbereich.

Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU): Institut für Ur- und Frühgeschichte; Institut für Angewandte Geophysik: Wolfgang Rabbel, Dennis Wilken (beide Mitantragsteller).

„Socio-environmental Interactions on the North Frisian Wadden Sea Coast“ im ROOTS Exzellenzcluster: Bente Sven Majchczack

Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU): Naturrisiko-Forschung und Geoarchäologie: Andreas Vött, Hanna Hadler (beide Mitantragsteller).