Die Grablege der Udonen in Harsefeld

Abb. 1: Harsefeld, Fundstelle 72 westlich der St. Marien und Bartholomäi Kirche.
Harsefeld, Fundstelle 72 westlich der St. Marien und Bartholomäi Kirche. Im Vordergrund die Fundamente der im Jahre 1010 etablierten Stiftskirche mit der Grablege der Grafenfamilie sowie des 1104 gegründeten und 1648 zerstörten Klosters Harsefeld (Foto: Archäologische Denkmalpflege des Landkreises Stade).

Im Zuge archäologischer Untersuchungen im Bereich von Burg, Kloster und Stift Harsefeld, Lkr. Stade, Niedersachsen, konnte in den Jahren 1992–1993 die Grablege des Adelsgeschlechtes der Udonen – auch als Grafen von Stade bezeichnet – durch die Stader Kreisarchäologie annähernd vollständig ausgegraben werden. Für norddeutsche Verhältnisse sind die insgesamt 26 geborgenen Skelette außergewöhnlich gut erhalten und stellen somit eine erstrangige Quelle zur interdisziplinären Erforschung der Lebensverhältnisse einer früh- und hochmittelalterlichen Adelsfamilie dar. Das Skelettmaterial befindet sich im archäologischen Fundmagazin des Landkreises Stade.

Bei den Udonen handelt es sich um ein historisch von der zweiten Hälfte des 10. Jh. bis in die zweite Hälfte des 12. Jh. gut belegtes und für den gesamten norddeutschen Raum bedeutendes sächsisches Adelsgeschlecht, das auch über Besitzungen nördlich der Elbe verfügte. Mehrere der in Harsefeld bestatteten Persönlichkeiten sind auch aus einem skandinavischen Blickwinkel von Interesse. Der erste in Harsefeld bestattete Graf, Heinrich der Kahle (* 922–926, † 10. Mai 975/976), diente beispielsweise Kaiser Otto II. bei seinem Angriff auf das Danewerk im Jahre 974 als Berater. Graf Udo von Stade (* 953–957, † 23. Juni 994) kam bei einem Wikingerüberfall auf Stade im Jahre 994 gewaltsam zu Tode; sein Neffe Siegfried verstarb einige Monate später an Verletzungen, die ihm in der Geiselhaft zugefügt worden waren. Liutgard von Stade (* 1118–1122, † 29./30. Jan. 1152) heiratete 1144 König Erik III. Lam von Dänemark (reg. 1137–1146, † 27- Aug. 1147), der 1046 abdankte, sich scheiden ließ und 1047 als Mönch starb. Das Grab ihres zeitweiligen Schwiegervaters, Eriks Vater Håkon Jyde, wurde bei Ausgrabungen in der Altstadt von Schleswig entdeckt. Von 1056 bis 1112 stellten die Udonen die Markgrafen der Nordmark. Demzufolge sind die Stader Grafen relevant für den weiteren Kontext des Forschungsschwerpunktes „Research Cluster Hedeby, Slesvig and beyond“.

Harsefeld, Fundstelle 72. Übersicht
Harsefeld, Fundstelle 72. Übersicht über die Ausgrabungsbefunde. Einige Gräber in der abgetragenen Stiftskirche sind durch eine jüngere Glockengussgrube gestört (Grafik: G. Bock).

Ziel des Projektes ist es, durch eine Kombination des biohistorischen, archäologischen, und historischen Quellenmaterials Erkenntnisse über das Wirken und die Lebenswirklichkeit der Udonen im Niederelbegebiet und darüber hinaus zu gewinnen. Als erste in einer Reihe von geplanten naturwissenschaftlichen Analysen erfolgte 2020–2021 bereits die umfassende anthropologische Bearbeitung der 26 Skelette – Bestandsaufnahme der vorhandenen Skelettelemente, Bestimmung der Individualdaten (Sterbealter, Geschlecht, Körperhöhe), Vermessung von Schädel und Langknochen sowie vollständige Aufnahme der pathologischen und traumatologischen Veränderungen – durch die Anthropologin Dr. Bettina Jungklaus. Ebenfalls im Jahr 2021 hat Prof. Dr. Ben Krause-Kyora vom Institut für Klinische Molekularbiologie der CAU Kiel mit der molekulargenetischen Untersuchung aller Individuen begonnen, die 2022 abgeschlossen sein wird. Eine entsprechende Erhaltung der aDNA vorausgesetzt, werden die Ergebnisse der Analysen familiäre Beziehungen der Bestatteten untereinander zu erkennen geben. Durch die Analysen wird außerdem erstmals ein frühmittelalterlicher genetischer Daten-Pool für Norddeutschland erstellt, der sich für Vergleiche mit aDNA-Material u.a. aus Haithabu und Schleswig eignen wird. Des Weiteren ist für 2021–2022 die Durchführung von 14C-Datierungen aller Individuen anberaumt.

Harsefeld, Fundstelle 72, Grab 39.
Harsefeld, Fundstelle 72, Grab 39. Kopfnischengrab mit gut erhaltenem Skelett (Foto: Archäologische Denkmalpflege des Landkreises Stade).

In Anbetracht des enormen Potentials des Skelettmaterials besteht die Chance, mithilfe der genannten naturwissenschaftlichen Methoden in Kombination mit der archäologisch in Teilen gesicherten Belegungsabfolge und historisch überlieferten Daten, die in Harsefeld bestatteten Personen zu identifizieren. Die Identifikation historisch belegter angeheirateter Frauen aus weiter entfernten Regionen – z. B. Mechtild aus Schwaben (* um 955, † vor 1016) oder Sigrid von Dänemark (* um 1070, † 1094/96) – kann zusätzlich auf Basis von Strontium-Isotopen-Untersuchungen gelingen, die für die Zukunft in Betracht gezogen werden. Zudem sind mehrere Familienangehörige der Stader Grafen gewaltsam zu Tode gekommen; zu erwartende Traumata am Skelettmaterial, die sich im Rahmen der anthropologischen Untersuchung nachweisen lassen, könnten Hinweise auf die exakten Todesursachen liefern. Im Rahmen der sich anschließenden archäologisch-historischen Untersuchungen im Jahr 2022, welche die Resultate der naturwissenschaftlichen Analysen berücksichtigen und ihren Fokus auf das weitere kulturhistorische Umfeld richten werden, soll die machtpolitische Rolle der Udonen im Spannungsfeld zwischen dem Kontinent und Skandinavien diskutiert werden.

Themenbereiche
Mensch und Gesellschaft
Forschungsschwerpunkte
  • Research Cluster Hedeby, Slesvig and beyond
  • Jenseits des Grabes
  • Grundlagenforschung in der naturwissenschaftlichen Archäologie
Mitarbeiter

Leitung:
Dr. Thorsten Lemm

Mitarbeiter:
Dr. John Meadows

 
 
In Kooperation mit

Daniel Nösler M.A. (Archäologische Denkmalpflege des Landkreises Stade)

Prof. Dr. Ben Krause-Kyora (Institut für Klinische Molekularbiologie, CAU Kiel)

Arne Homann M.A. (Städtisches Museum Schloß Salder, Salzgitter)